Abenteuer Absturzkatholizismus?

Das Bistum Essen lädt mit einem Social Media Spot zu über 1 000 Weihnachtsgottesdiensten ein. Eine Stilkritik. Von Stefan Meetschen
Weihnachtsgottesdienst als Flugereignis
Foto: Bistum Essen/Screenshot | Der Weihnachtsgottesdienst als Flugereignis.

Spiritualität ist im Trend. Viele Menschen suchen nach dem Sinn des Lebens und werden dort fündig, wo man Glücks- und Wohlfühlversprechen mit exotischem Flair anbietet: echt und authentisch. Mit dem gebotenen Ernst, der zum sakralen Leben dazugehört. Das moderne Leben ist sowieso schon reichlich banal – da tut es gut, wenn wenigstens in den heiligen Hallen und Tempeln der permanente Ironie-Modus ausgeschaltet ist, damit sich Geist und Seele unmittelbar auf das Wesentliche, das Geheimnisvolle konzentrieren können.

An der Kirche und vielen christlichen Gemeinschaften, die seit Jahrzehnten unter Mitgliederschwund leiden, scheint diese Entwicklung vorbeigerauscht zu sein, wie auch ein aktuelles Video des Bistums Essen belegt: In der Slapstick-Manier der 80er und 90er Jahre („Sketchup“, „Schmidteinander“) gibt eine Stewardess im Kirchenraum „Sicherheitshinweise zum Weihnachtsgottesdienst“: „Wir dürfen Sie nun bitten, Ihre Plätze in den Sitzbänken links einzunehmen. Aber bitte nicht in der zweiten Reihe außen links. Da sitzt Renate Heitkamp seit 40 Jahren jeden Sonntag.“ Blende auf die junge Darstellerin, die sich mit gelbem Häubchen auf einer Kirchensitzbank niedergelassen hat und eine miesepetrige Miene macht. Kann man die Kirchen- und Gottesdiensttreue der letzten Gläubigen sarkastischer aufspießen und verprellen?

Doch in dem dreiminütigen Spot, der bei Youtube und Facebook zu sehen ist, geht es munter weiter: „Im Falle eines plötzlichen Weihraucheinsatzes der Messdiener fallen in den Kirchenbänken automatisch Sauerstoffmasken von der Decke“, verkündet die Stewardess fröhlich und hält eine ebensolche Maske in die Weihrauch-vernebelte Kamera. Wahnsinnig witzig, sicher, aber es dürfte schwierig sein nach einem solchen Schabernack, neuen Gottesdienstbesuchern die liturgische Rolle des Weihrauches ernsthaft zu vermitteln. Was auch für die verschiedenen Körperpositionen gilt (Sitzen, Stehen, Knien, Nicht-Schlafen), die in dem Spot – anders als bei Romano Guardini („Von heiligen Zeichen“) – auf der Ironieebene beschrieben werden, als würde man die so oft beschworene „tätige Teilnahme“ des Gottesvolkes selbst nicht mehr ernst nehmen.

Immerhin: Der Hinweis der Kirchen-Flugbegleiterin, dass Mobiltelefone während des Gottesdienstes ausgeschaltet sein sollen, entbehrt nicht der Ernsthaftigkeit, die der Kirche gerade zur Weihnachtszeit, wenn die Geburt Jesu Christi gefeiert wird, gut zu Gesicht stünde: Auch dem Christentum Fernstehende verbinden Stille und Andacht positiv mit der Kirche. Gerade in dieser Epoche der digitalen Hektik. Die Ernsthaftigkeit wird in dem Spot aber schnell wieder durch uneigentliche Kommunikation relativiert, wenn die Stewardess den Gebrauch von Schwimmwesten beim Lied „Stille Nacht“ empfiehlt: „Für den Fall, dass Ihre Sitznachbarn nah am Wasser gebaut sind, finden Sie unter Ihrer Bank eine Schwimmweste. Legen Sie diese bitte zu Beginn des Liedes ,Stille Nacht, Heilige Nacht‘ an, erst dann versorgen Sie bitte Ihren Nachbarn mit ausreichend Taschentüchern.“ Zum Weinen ist hier wohl eher, dass die für den Spot Verantwortlichen das Weihnachtsereignis als sentimentalen Kitsch-Event auffassen, was auf eine Entfremdung vom Mysterium hindeutet. Angesichts eines derartigen Glaubensschwundes wäre es wohlfeil, Kritik an der Postmoderne oder der säkularen Welt zu üben. Interne Verweltlichung scheint das Problem zu sein.

Schließlich endet der Spot mit einem Hinweis auf die über 1 000 Weihnachtsgottesdienste, die im Bistum Essen angeboten werden: „Den aktuellen Weihnachtsflugplan findest Du ...“. Eine distanzlos-kumpelhafte Ansprache, die weniger zum Ruhrgebiet mit seiner Bergbautradition passt, als zu der religionspädagogischen Spaßkultur, die man im Krisengeschüttelten Ruhrbistum offensichtlich als attraktiv einstuft. Ist dies so? Über den richtigen Stil kann man, wie über den Geschmack, streiten. In einer Zeit, da viele Menschen das Wesentliche suchen, darf der Erfolg einer solchen Social Media Produktion aber bezweifelt werden. Symptomatisch ist der Spot jedoch: Er vermittelt das Bild einer Kirche, die weder Glaube noch Orientierung geben kann, weil sie von Sinnen zu sein scheint. Insofern stimmt die Flug-Metapher: Abenteuer Absturzkatholizismus.

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