Evangelium in Nahaufnahme

Neuausgabe: Die Gesammelten Werke von Anna Katharina Emmerick sind wieder lieferbar. Von Stefan Meetschen
WDR Fernsehfilm "Das Gelübde"
Foto: dpa | Clemens Brentano bringt die geschwächte Nonne Anna Katharina Emmerick zum Glockenturm in Billerbeck bei Münster. Szene aus dem Fernsehfilm „Das Gelübde“ (2007), auch auf DVD.

Was ist das beeindruckendste Werk der deutschen Literaturgeschichte? Die Gedichte von Walther von der Vogelweide? Goethes „Faust“? Thomas Manns „Buddenbrooks“? Ohne diese großen geistigen Kulturleistungen schmälern zu wollen – bei aller Genialität und Inspiration handelt es sich bei diesen doch nur um Menschenwerk. Bei den Visionen der seligen Anna Katharina Emmerick (1774–1824) hingegen, die von dem romantischen Dichter Clemens Brentano kongenial notiert wurden, scheint der Himmel direkt mitgeschrieben zu haben.

Unverzichtbare Bücher der katholischen Mystik

Nicht nur wegen ihrer dichten, sprachlichen Schönheit beeindrucken diese Schauungen bis heute, sondern auch, weil sie die unglaublichen mystischen Fähigkeiten der in Dülmen wirkenden Augustiner-Nonne widerspiegeln, die mit Jesus und der Jungfrau Maria, den Engeln und Heiligen so vertraut war, dass sie das übernatürliche Wirken quasi wie einen Film vor Augen sah oder praktisch selbst in den Film der Heilsgeschichte mit eintauchte – als zuverlässige Zeugin und Beobachterin. Ohne zeitliche und räumliche Grenzen. Vermutlich kann man als Mensch nicht näher an das Evangelium, die Person Jesu herantreten, als es der schlichten Westfalin geschenkt wurde. Keine digitale Erfindung könnte eine bessere Recherche, eine authentischere Nahaufnahme des Erlösungstat liefern.

Der französische Dramatiker Paul Claudel empfahl ausdrücklich, die „Bücher mit den wunderbaren Offenbarungen der Anna Katharina Emmerick über das Leben unseres Herrn zu lesen“. Spielten diese doch bei seiner Konversion eine große Rolle: „Die Bücher, die mir in dieser Epoche am meisten geholfen haben, sind: die Heilige Schrift, Dantes Gedicht (Die göttliche Komödie) und die wunderbaren Erzählungen der Schwester Emmerick.“ Doch nicht nur bis hinein in den französischen Hochkulturbetrieb zog Anna Katharina Emmerick Kreise, auch Hollywood hat sie mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung erobert: Ohne ihr bekanntestes Buch „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus“, kein „Passion“-Film von Mel Gibson. Deshalb ist es für Katholiken, die einen Sinn für Sprache und Tradition besitzen und für den Erhalt der katholischen Lehre Sorge tragen, ein großer Gewinn, dass beim Christiana-Verlag im fe-Medienverlag die insgesamt sechs Bände der Emmerick jetzt in einer dezent gestalteten Neuausgabe vorliegen. Zu einem – wie man angesichts des Umfangs der Visionen, zu denen zum Beispiel auch die drei Lehrjahre Jesu zählen, sagen muss – fairen Preis. Zumal auch eine lesenswerte Biographie Brentanos, verfasst von Anton Brieger, dazu kommt. Ein Buch, ebenso ansprechend und solide aufgemacht wie die sechs Bände der Emmerick.

Gerade in einer Zeit, in der (nicht nur außerhalb der Kirche) viel Verwirrung in geistlichen Dingen herrscht, können diese Dokumente gelebter und literarisch wertvoller Mystik nachhaltig für Klarheit sorgen: über das Wesen und die Schätze der Kirche, die Gefahren, die ihr drohen, aber auch die Verheißungen, die weiterhin gültig sind. So gehören die Visionen der Anna Katharina Emmerick zu den unverzichtbaren Büchern der katholischen Mystik. Sie bilden eines der beeindruckendsten Werke der deutschen Literaturgeschichte. Man kann diese Visionen lesen, glauben und weiterreichen. Dies ist jetzt wieder möglich.

Anna Katharina Emmerick: Werk in sechs Bänden (Band 1: Das Leben der heiligen Jungfrau Maria; Bd. 2: Das erste Lehrjahr Jesu; Bd. 3: Das zweite Lehrjahr Jesu; Bd. 4: Das dritte Lehrjahr Jesu; Bd. 5: Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus; Bd. 6: Geheimnisse des Alten und des Neuen Bundes plus Biografie Clemens Brentano von Anton Brieger). Gebunden, insgesamt 3 060 Seiten, EUR 99,–. Bestellen bei: Fe-Medienverlag, Tel. 075 63-60 89 98-0; info@fe-medien.de

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