Er gehorchte der Stimme Gottes

Von der Opferung Isaaks bis zu den Kindern in Kriegen: Die Ausstellung „Gehorsam“ im Jüdischen Museum Berlin. Von Sylvia Brück
Foto: Museum | Der Engel zeigt auf den Widder: „Die Opferung Isaaks“, von Caravaggio um 1603.
Foto: Museum | Der Engel zeigt auf den Widder: „Die Opferung Isaaks“, von Caravaggio um 1603.

Kruzifixe, 140 an der Zahl, etwa 300 Stich- und Hiebwaffen und 136 originale Hörner. Unter dem Titel „Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke & Peter Greenaway“ zeigt das Jüdische Museum Berlin in seiner Sonderausstellung noch bis zum 15. November.

Die Sonderausstellung „Gehorsam“ ist im ersten Obergeschoss des Altbaus zu besichtigen. Die Multimedia-Künstlerin Boddeke und der Filmemacher Peter Greenaway bespielen virtuos 900 Quadratmeter, die 15 Themenräume verbinden. 15 Filme geben eine inhaltliche Klammer. Der Besucher hört Textspuren, Filmmusik, sieht sich der interaktiven Videobox „Bist du Isaac? Oder bist du Ismael?“ (Standort Eric F. Ross, Galerie im Erdgeschoß) gegenüber. Kann mittels zweier Second Life-Terminals mit onlinebasierten virtuellen Welten durch Avatare interagieren. Betrachtet Arbeiten zeitgenössischer Künstler wie Damien Hirsts „Black Sheep with Golden Horns“ (2009), Xooang Chois „The Wings“ (2008), Igor Mandic' Schwarzweiß-Photographien (2015). Hört die Filmmusik von Luca D'Alberto. Sieht die Tanzgruppe Club Guy & Roni (Groningen/Israel) unter der Leitung der Choreografin Roni Haver.

Thema der Ausstellung ist die „Die Bindung Isaaks“ oder Die Opferung Isaaks (1. Buch Moses 22, 1-19) in den drei monotheistischen Religionen. Im Koran steht es in der Sure 37, 99-109. Gott befahl Abraham, seinen eigenen Sohn zu töten. „Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar“, heißt es in Genesis 22, 2.

Für die Sonderausstellungen sieht das Jüdische Museum keinen Audio-Guide vor, was der Tatsache geschuldet ist, dass der Audio-Guide in der ständigen Ausstellung in acht Sprachen durch die Räume führt und über einhundert kurze Geschichten über alle Ausstellungsbereiche bereithält, und die Übersetzungen zu aufwendig wäre für die Sonderausstellungen. Jedoch gibt es viele aufmerksame und fachlich versierte Mitarbeiter des Besucherservices, umfangreiches Informationsmaterial sowie ein reich bebildertes Künstlerbuch mit diversen thematischen Beiträgen zur Ausstellung und natürlich Führungsangebote. Es ist eine sehr sinnliche Erfahrung, sich auf die Konzeption des Künstlerpaares Boddeke und Greenaway einzulassen. Das Besondere und das Wichtige der Ausstellung ist die Übertragung der alttestamentarischen Geschichte in die Gegenwart. Bereits im Foyer läuft der Film der Tanzgruppe„Club Guy & Roni“, man sieht Abraham, Isaak, Engel und Teufel tanzend auf ihrem Weg zum Berg Morija. Diesem Film begegnet man durch die ganze Ausstellung immer wieder. Am Anfang wird der Besucher bereits mit der Frage konfrontiert: Bist du Isaak oder bist Ismael? Dies ist die zentrale Frage der beiden Künstler. Es ist eine große Film-Installation. Mädchen wie Jungen sprechen jeweils den Satz „I am Isaac/ I am Ismael“. Das Recht aller Kinder auf Schutz ihres Lebens wird durch ihre Stellvertreter eingeklagt.

Im „Golden Room“ sind neun Schriftstücke der drei monotheistischen Religionen ausgestellt, unter anderem die Vulgata (12. Jahrhundert), die Armenbibel (1350/1360), das Pentateuch (1340), Sefer Iwronot (1631) oder der Koran in einer Fassung von 1800). Im Raum „Gott und der Engel“, mit weißer Auslegware und versehen mit weißen Federn als Tapete geht es hier um das Thema Engelserscheinung. Im Raum hängend eine Installation „Die Flügel“ von Xooang Choi (2008). Es ist eine Installation, die dutzende Hände, geformt zu Engelsflügeln, zeigt. Auf Federn trifft man im nächsten Raum wieder. Auf der Stirnseite läuft ein Video. Über die ganze Raumhöhe sieht sich der Betrachter einem jungen Mann vis á vis; seine fülligen, leuchtend karmesinroten Locken kräuseln sich bis zu den Lenden; er trägt eine kurze offene Jacke, genäht aus schwarzen Federn – es ist Satan. Diesmal allerdings alleine. Nach jüdischer und islamischer Tradition ist er derjenige, der Abraham auf die Probe stellt. Der Raum ist sehr dunkel. Die Kieselsteine auf dem Boden zitieren ein Ritual des Hadsch, der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka. Dreimal wird hier der Satan symbolisch gesteinigt. „Satan“ spricht hier englisch zu Abraham, klagt ihn an. Die deutsche Übersetzung wird eingeblendet.

Der Engel aber deutete auf den Widder im Gebüsch

Der nächste Raum „Islam“ ist der Hadsch gewidmet und dann folgt die christliche Sicht in „Christianity“. Hier findet sich – neben Tafelmalereien, frühchristlichen Reliefs, Druckgrafiken wie Rembrandt van Rijins „Abraham und Isaak in Unterredung“ (1645) und „Opferung Isaaks“ (1655), Ottos Dix' „Aus dem Stammbaum Jesu: Abraham und Isaak“ (1960) – ein Videomapping, also eine Überlagerung von Bildern durch eine Projektion durch Videos. Thema ist hierbei Caravaggios „Die Opferung Isaaks“ (um 1603). Mittels Videomapping gelingt die pixelgenaue Beleuchtung und auch die Überlagerung durch Projektion. Gezeigt werden abwechselnd das ganze Bild oder auch nur Ausschnitte, wie etwa nur die blanke, angeleuchtete Messerscheide, während Abraham, der Engel und Isaak im Dunkel ausgeblendet werden, orchestriert durch Licht- und Tonregie. Caravaggio malte Abraham mit Halbglatze und Rauschebart. Der Vater hält das sichtbar durch Einschreibungen im Metall gut geschärfte Messer fest entschlossen in der rechten Hand, die linke umfasst des Sohnes Nacken, der Daumen drückt in des Knaben Wange. Der Sohn niedergerungen, nackt, den Mund im stummen Schrei geöffnet, in den dunklen Augen steht Furcht. Abraham wird in seinem Tun, seinem Gehorsam, unterbrochen. Der Engel fasst ihn am Arm, zeigt auf den Widder im Gebüsch. Die Wände sind rot gestrichen und vom Boden bis zur Decke mit Kruzifixen und Kreuzen aller Größen behangen.

Im nächsten Raum finden sich neben liturgischen Instrumenten wie Tora-Binder (1816), Tora-Zeiger (1872), Schofar-Hörnern (das Blasen des Widderhorns am jüdischen Neujahrsgottesdienst verweist auf das Ersatzopfer für Isaak) und kostbaren Manuskripten auch drei Märtyrergrabsteine aus dem 13. Jahrhundert. Diese sind Leihgaben aus Würzburg. Eine weitere Installation beeindruckt durch auf dem ganzen Fußboden verteilten metallenen Töpfen, aus denen Tränen tropfen, und vom angedeuteten Himmel tropft Wasser. Ein Fingerzeig auf das Weinen der Mütter Sarah und Hagar und auch auf die Quelle in der Wüste, die Hagar und ihren Sohn Ismael vor dem Verdursten rettete. Diese Impressionen werden verstärkt durch Fotos an den Wänden mit Porträts von Kindern und ihren Eltern. Daneben auch private Familienfotos, etwa 250 Bilder.

Das Thema des Widders, auf den der Engel zeigt, wird nun in aller Eindringlichkeit gezeigt. Ein lebender Widder, im Hintergrund wie auf dem Boden weiße Schlachthauskacheln, tritt vor und zurück, blickt aus grünbraunen Augen den Besucher direkt an. Der Widder „The Ram“ hat dagegen Übergröße. Auf der gegenüberliegenden Seite sieht man ein echtes, totes Tier. Ein Widder mit schwarzgelocktem Fell, gold bemalten Hörnern, umschlossen von Plexiglas. Damien Hirst schuf im Jahre 2009 „Black Sheep with Golden Horns“. Es ist die Leihgabe eine Privatsammlers. Mit weiteren originalen Widderhörnern (Schofar) als Wanddekoration wird dieser Raum komplettiert. Das Schofar wird traditionell an Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest geblasen. Zum Einen, um an die Verschonung Isaaks zu erinnern, und zum Anderen, um die Gläubigen daran zu erinnern, ihr Leben für die Heiligung des Namen Gottes zu opfern, gleich Isaak. Dann steigt vor einem schwarzem Vorhang muffiger, warmer Geruch in die Nase: „Agnus Dei“ (Lamm Gottes). Der Schafgeruch ist ein weiterer Bestandteil der multisensorischen Ausstellungskonzeption. Der Boden ist zentimeterhoch mit brauner Lammwolle ausgelegt. Dann die sogenannte „Bindung Isaaks“. Von der Decke hängend werden unzählige Fesselungsinstrumente aller Art präsentiert. Es finden sich Seile, Lederriemen, Handschellen. Die Inszenierung nähert sich ihrer Klimax „Das Opfer“: Dieser Raum ist heutigen Opfern gewidmet, denen von Kriegen. Nach dem meterlangen Unterschreiten der Fesselungsinstrumente sieht der Betrachter sich nun rechter Hand mit unzähligen Messern an der Wand hängend konfrontiert. Alte, neue, spezielle und für den universellen Gebrauch gefertigte Messer. Jetzt hört man Stimmen. Es sind drei große Filmprojektionen, welche den Raum bestimmen: „Der Tanz des Opfers“ (Club Guy & Roni) und erschütternde Filmsequenzen, die vom aktuellen Zeitgeschehen berichten. Man sieht in raschen Schnitten Bilder von im Krieg getöteten Kindern; unter anderem schiebt ein Mann mit aschfahlem Gesicht ein vermeintlich totes Kind in einem Einkaufswagen. Kinder unterschiedlicher Ethnien berichten von Heckenschützen, Panzern, getöteten Geschwisterkindern, von toten Müttern. Im Rücken des Betrachters hängen 19 Schafe des Koreaners Kyu Seok Oh („Sheep“, 2015). Schließlich wird der Betrachter wieder wie anfänglich gefragt, ob er Isaak oder Ismael sei, und dann: „Oder bist Du ein Abraham?“

10 000 Eisenscheiben zeigen schreiende Gesichter

Die Programmdirektorin und stellvertretende Direktorin Cilly Kugelmann sagt über die äußerst beeindruckende Ausstellung: „Das Experiment ist insofern gelungen, als dass es eine sehr subjektive Lesart dieser Geschichte ist, die eindrucksvoll ethische und moralische Fragestellungen in der Mittelpunkt rückt.“ Der von Margret Kampmeyer kuratierten Ausstellung ging ein Workshop im August 2013 voran. Was der Philosoph Omri Boehm, der Literaturwissenschaftler und Spezialist für das Alte Testament, Ed Noort, die Orientwissenschaftlerin, der Theologe Helmut Hoping, die Arabistin Angelika Neuwirth und der Filmkünstler Peter Greenaway hierzu beitrugen, lässt sich im Katalog nachlesen.

2001 öffnete das Jüdische Museum Berlin seine Tore. Das größte jüdische Museum Europas widmet sich jüdischer Kultur und Geschichte in Mitteleuropa seit dem Mittelalter. Die Dauerausstellung „Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte“ befindet sich auf 3 000 Quadratmetern im symbolträchtigen Neubau des Museums, entworfen von dem amerikanischen Architekten Daniel Libeskind, der 1988 den ausgeschriebenen Architekturwettbewerb gewann. Der Grundriss des Neubaus ist zickzackförmig, gleicht einem Blitz. Schon vor der Installation der Dauerstellung erwies sich das Museum als Publikumsmagnet, Zehntausende besuchten das leere Museum. Überhaupt verzeichnet das Jüdische Museum Berlin phänomenale Besucherzahlen von über 700 000 Gästen im Jahr. Der Holocaust wird in der Außen- sowie Innenarchitektur sichtbar gemacht. „Voided Voids“, leere Räume, verweisen auf unwiderruflich Verlorenes, Zerstörtes. In einem der „Voids“ sind auf dem Boden 10 000 Eisenscheiben verteilt, die schreiende Gesichter zeigen. Es ist die Installation „Gefallenes Laub“ des israelischen Künstlers Menashe Kadishman.

– „Gehorsam: Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke & Peter Greenaway“ bis zum 15. November 2015

im Jüdischen Museum Berlin, Lindenstraße 9–14, 1 09 69 Berlin, Telefon: 030/2 59 93-300. Öffnungszeiten: Montag: 10 – 22 Uhr, Dienstag – Sonntag: 10 – 20 Uhr. Museumsticket 8,– Euro, 3,– Euro, Kinder bis 6 Jahre: Eintritt frei.

– Ausstellungskatalog „Gehorsam“: Her-ausgegeben von Peter Greenaway, Margret Kampmeyer und Cilly Kugelmann im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin, 156 Seiten mit 92 ganzseitigen Abbildungen, Kerber Verlag Bielefeld/Berlin, ISBN: 978-3-7356- 0067-7, 30,– Euro im Museumsshop, Buchhandelspreis 35 Euro

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