Ein tieferer Dialog ist sinnvoll

In islamischen Kontexten läuft der Diskurs über die Wahrheit anders ab als in der Kirche. Das muss kein Nachteil sein. Beide Religionen können voneinander lernen, den heiligen Kern in die Zivilgesellschaft einzubringen, um die Werte der Menschen zu prägen. Von Felix Dirsch
Foto: Arifoto UG/dpa | So lässt sich eine „heiße“ Religion nicht „kalt“ machen: Ein Erfurter Bürgerbündnis hat ein Holzkreuz auf dem Grundstück errichtet, in dessen Nähe ein Moschee-Neubau vorgesehen ist.

Das Christentum sei unter „kulturellen Immunitätsschutz“ gestellt, so formuliert es jüngst der Demokratie-Theoretiker Wolfgang Merkel. Das ist kein Zufall. Die moderne Zivilgesellschaft hat in nicht geringen Teilen – wenn auch über Umwegen – ihre Liebe zur Religion gefunden: Einerseits hat man Interesse daran, den Islam zu integrieren. Andererseits lässt sich eine verstärkt humanitaristisch grundierte Kirche, die sich ebenso leidenschaftlich für die Immanenz engagiert wie für die Transzendenz, leichter für soziale Aktivitäten einspannen.

Kulturgeschichtliche und theologische Gründe für einen solchen Modus Vivendi liegen freilich tiefer. Das Christentum, unabhängig von unübersehbarer Auszehrung durch Mangel an Glaubenseifer und zunehmendem Konformismus, präsentiert sich spätestens im 20. Jahrhundert als „Religion nach der Aufklärung“ (Hermann Lübbe). Die Implikationen eines solchen geistessoziologischen Stadiums, dessen Anfang wie Ende nicht genau zu bestimmen ist, sind zu vielfältig, als dass man sie hier aufzählen könnte. Eine wichtige Voraussetzung für die friedliche Koexistenz von Wissenschaft und Glauben aber liegt auf der Hand: Beide Bereiche befinden sich auf unterschiedlichen Ebenen. Demnach kann religiöse Mythologie nicht auf wissenschaftliche Weise relevant werden.

Die historisch-kritische Methode der Bibelexegese, eine von vielen theologischen Kindern der Aufklärungsepoche, ist längst von den kirchlichen Eliten anerkannt. Auch der frühere Papst Benedikt XVI. schreibt in seiner Jesus-Trilogie einer solchen Interpretation Verdienste zu, will sie allerdings durch andere Arten der Erhellung ergänzt wissen. Nicht zuletzt einer derartigen „aufgeklärten“ Betrachtung der Heiligen Schrift ist es zu verdanken, dass kein seriöser Bibelwissenschaftler auf den Gedanken käme, die Gewaltpassagen, die im Alten Testament nota bene vorkommen, für gegenwartsbedeutsam zu erklären.

Gelegentlich wird diesbezüglich eine Nivellierung zwischen dem Koran und der Bibel vorgenommen, ohne die unterschiedliche Bedeutung für die Glaubenspraxis in der Gegenwart zu reflektieren. Der islamische Umgang mit dem Koran ist nicht durch das purifizierende Feuer der neuzeitlichen Aufklärung hindurchgegangen. Der übliche Hinweis auf rationalistische Traditionen im islamisch-mittelalterlichen Kulturraum verfängt nicht, da diese sich über die Jahrhunderte hinweg nicht durchsetzen können. Als echte Verfechter der „Religion des Buches“ machen sich die amtlichen Wächter der Koran-Auslegung nicht lächerlich, wenn sie zentrale Abschnitte wörtlich nehmen. Sie beachten lediglich die Überlieferung, die davon spricht, dass der Erzengel Gabriel Mohammed den Koran ins Gesicht gedrückt hat. Isoliert wären sie vielmehr, wenn sie diese geheiligte Lehrtradition negierten. Die Annahme einer Verbalinspiration ist in diesem Kontext unumgänglich. Im Gegensatz dazu gelten sogenannte christliche Fundamentalisten, wenn sie so vorgehen, in der christlichen Glaubensgemeinschaft als krasse Außenseiter. Doch eine solche Sicht der eigenen heiligen Texte ist ohne Blick auf die sozialen Hintergründe unvollständig. Der Islam, aller binnenreligiösen Nuancen zum Trotz, gilt als „heiße Religion“. Das bedeutet, dass die Gebote von den Gläubigen im Alltag in hohem Maße befolgt werden. Die Sozialkontrolle ist für liberale Augen und Ohren zum Teil unerträglich hoch. Das gilt auch für die Zeugung von Nachkommenschaft, und dieses Verhalten hat hochpolitische Auswirkungen.

Überhaupt ist das Verhältnis von Orthodoxie und Orthopraxie im Islam anders als im Christentum, das eine Priorität der Ersteren kennt. In der jüngeren Religion jedoch äußert sich der Glaube primär in äußeren, praktischen Ritualen, den vier Säulen (Gebete, Fasten, Armensteuer, Pilgerreise). Man könnte freilich sagen, dass diese im Dienste der fünften Säule stehen, dem Glaubensbekenntnis, über das die Orthodoxie wacht. Deren Macht hängt von der Geschlossenheit der Muslime ab. Auf dieser Basis erhalten die theologischen Eliten die Möglichkeit der Wahrheitsdeutung. In deren Zentrum stehen Gott, der Koran und der fehlerfreie Vortrag seines Inhalts. Erst in zweiter Hinsicht ist wahrheitsfähig, was sich damit vereinbaren lässt. Diese Perspektive ist größtenteils Konsens, wenngleich die Mystiker eigene Akzente setzen.

Der Wahrheitsgedanke ist auch für das Christentum von seinen frühesten Anfängen an wichtig. Von dort lässt sich leicht der Bogen in die unmittelbare Gegenwart schlagen. „Was ist Wahrheit?“ lässt der Evangelist in den Passionserzählungen den Statthalter Pontius Pilatus fragen. Die Märtyrer aller Zeiten bezeugen im Anschluss an Christus durch ihr Tun die Wahrheit. Gerade die Pluralisierung des weltanschaulichen Spektrums erfordert im 20. wie 21. Jahrhundert eine Präzisierung der christlichen Wahrheitsvorstellung.

Als der positivistische Rechtsphilosoph Hans Kelsen (1881–1973), ein agnostisch gesinnter Protestant jüdischer Herkunft, die pilatianische Frage im juristischen Diskurs des frühen 20. Jahrhunderts wieder aufgreift, stimmt der ausdrückliche Relativist und Naturrechtskritiker dem Vorgehen des brutalen römischen Machthabers zu. Dieser appelliert bekanntlich an die Menschenmenge vor seinem Palast, die eine Entscheidung zwischen Christus und Barabbas fällen soll. Kelsen betrachtet das mehrheitliche Votum als unanfechtbar, auch wenn es den Tod eines unschuldigen Menschen bedeutet. Diese Argumentation mag für viele die Absurdität eines konsequent verfolgten Relativismus verdeutlichen. Er kommt freilich nicht von ungefähr und passt zur Kultur der Zeitenwende – wie auch zur heutigen.

Bereits das 19. Jahrhundert kennt eine Pluralisierung der Wertsphären. Das wird nicht zuletzt im deutschen Kaiserreich von 1870 sichtbar. Das Spektrum der Weltanschauungen differenziert sich aus. Der Soziologe Max Weber spricht in den Jahren nach 1900 vom „Polytheismus der Werte“. Das bedeutet, dass in Wertedebatten eine rational fundierte Einigung unmöglich ist. Jeder beharrt bei seiner ethischen Position auf seinem Standpunkt.

Am binnenkirchlichen Bereich gehen solche Kontroversen nicht spurlos vorbei. Auf katholischer Seite wird kurz nach 1900 über Modernismus und Reformkatholizismus diskutiert, auf evangelischer bildet sich schon im 19. Jahrhundert der Kulturprotestantismus. Die Repräsentanten beider Strömungen haben die Konkordanz mit dem Zeitgeist im Blick, zuerst eher mit dem bürgerlichen, später mit dem radikalen, was diese Bemühungen im Nachhinein diskreditiert. Nicht davon betroffen ist die so zum Ausdruck kommende Grundhaltung, sich dem Zeitgeist zu unterwerfen. Ziel der Konformisten ist es, die herkömmliche Glaubensbasis als nicht mehr vermittelbar wegzuschieben, als handle es sich um eine beliebige Manövriermasse. Längst ist der Relativismus in seinen facettenreichen postmodernen Varianten ein Signum der zeitgenössischen Kultur. Diese hat sich bereits vor vier Jahrzehnten das Feyerabend'sche Motto „Anything goes“ auf die Fahnen geschrieben. Für ihre vielen Verfechter, von Michel Foucault bis Richard Rorty, ist der Topos vom „Ende der Wahrheit“ selbst – als contradictio in adiecto – Ausdruck von Wahrheit. Die Folgen für die Gesamtkultur sind dramatisch.

An der Interpretation des Christentums ist diese vehemente Infragestellung des eigenen geistigen Wurzelbodens nicht spurlos vorübergegangen. Selbst aus den Reihen der Orthodoxie bleiben nur wenige standhaft und verwerfen mutig die „Diktatur des Relativismus“. Bereits vor seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche setzt sich Joseph Ratzinger, vornehmlich in seinen „Wahrheit, Werte, Macht“ betitelten Beiträgen mit dieser philosophischen Lehre auseinander. Bereits als Doktorand und Habilitand mit der Linie von Platon zu Augustinus vertraut, kann er sich in dieser Veröffentlichung vor allem auf den verstorbenen Münchner Philosophen Helmut Kuhn berufen. Der konservativ-katholische Platon-Experte stellt das Nachdenken über Wahrheit bei dem griechischen Philosophen stets in den Vordergrund seiner Arbeiten. Der größere Teil der Kirchenleitungen reagiert jedoch anders auf den postmodernen Beliebigkeitskult. Nehmen wir die EKD: Ihr derzeitiger Ratsvorsitzender lässt sich wie seine Vorgänger kein profanes Thema zur Profilierung entgehen: von artgerechter Tierhaltung über gesunde Ernährung bis zur Energiewende. Erst recht gilt das Interesse der Zuwanderungs- und Familienpolitik. Eine Mitverfasserin der umstrittenen Orientierungsrichtlinien im Rahmen aktueller Familiendebatten, die eher eine Desorientierungshilfe darstellen, lobt das Papier gerade deshalb, weil sich der Protestantismus jetzt noch stärker als moderner zivilgesellschaftlicher Akteur positionieren könne. Der Grad der Selbstsäkularisierung ist kaum noch zu überbieten. An den führenden Repräsentanten des Islam, aber auch an der Mehrzahl der muslimischen Gläubigen ist dieser Trend vorbeigegangen. Viele sind in einer Zeit eingewandert, als die Tendenz zur Hinterfragung aller Fundamente bei den Kirchen bereits in vollem Gange war – nicht nur in Deutschland. Auch viele länger hier lebende Moslems sind resistent gegenüber einer solcher Entwicklung, ja wehren sich auf verschiedene Weise dagegen. Liegt hier nicht die Chance für einen tieferen Dialog zwischen Islam und Christentum, Gläubigen vor und nach der Aufklärung?

So unsinnig es wäre, den Islam auf das Niveau von Terror-Bombern zu reduzieren und gegen den Bau von Moscheen wie etwa in Erfurt zu protestieren, so billig wäre es, allen Christen, die nach der Wahrheit in ihrer Religion suchen, Fundamentalismus zu unterstellen. Tatsächlich braucht die pluralistische Gesellschaft – und hier müssen unbedingt auch Juden, Buddhisten und andere Gläubige dazugezählt werden – Glaubensvertreter, die es ernst meinen mit der Würde des Menschen, weil ihr Menschenbild in der Transzendenz verankert ist. Die Orthodoxie ist somit kein Hindernis zum Dialog, sondern der einzig realistische Weg, der zu einem wahren Miteinander führt. Die Religionen dürfen nicht zu Zivilreligionen ausgehöhlt werden – sie sollten mit ihrem heiligen Kern die Menschen verbinden dürfen.

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