Madrid

"Ein spezifischer Beitrag zur arabischen Kultur"

Die Wissenschaft betrachtet in der arabischen Sprache in der Regel islamische Texte. Dabei haben es auch christliche Autoren zu einer Blüte gebracht. Auch mit Hilfe muslimischer Ansätze.
Pilar González Casado
Foto: UESD | Pilar González Casado hat den ersten Lehrstuhl für christliche arabische Literatur an der Kirchlichen Universität San Dámaso in Madrid

Die Kirchliche Universität San Dámaso in Madrid hat im Frühjahr den ersten Lehrstuhl für christliche arabische Literatur eingerichtet, um die an internationalen Hochschulen bisher wenig berücksichtigte Lehre und Forschung über die Kultur der Christen im Nahen Osten zu stärken. Regina Einig sprach mit der ersten Lehrstuhinhaberin, Pilar González Casado, Jahrgang 1964, über ihre Arbeit.

Frau Professor González Casado, wozu ist Ihr Lehrstuhl eingerichtet worden?

Um die Werke christlicher Autoren, die nach der Islamisierung Araber wurden, zu studieren und bekannt zu machen. Diese Literatur erhält im Allgemeinen weniger Aufmerksamkeit, weil Arabischstudien sich vorwiegend auf alles konzentrieren, was sich ausschließlich auf den Islam bezieht. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass sich in der Region, in der später der Islam Fuß fassen sollte – etwa in kulturellen Zentren wie Alexandria und Antiochia – auch christliches Gedankengut durchgesetzt hat. Ziel und Zweck des Lehrstuhls ist es, die Literatur zu erforschen, die mit dem Aufkommen des Islam und im Dialog und in der Auseinandersetzung mit ihm entstanden ist.

Seit wann interessieren Sie sich für die christliche Literatur des Nahen Ostens?

Ich habe an der „Universidad espanolaa“ in Madrid Arabistik studiert. Nach dem Lizenziat suchte ich ein Forschungsgebiet, das neu war und in das ich mich zugleich persönlich einbringen konnte. Damals lernte ich das ehemalige Diözesaninstitut für Altphilologie und und Orientalische Sprachwissenschaft „San Justino“ kennen, heute Fakultät für Christliche und Klassische Literatur. Dort lernte ich Syrisch und kam erstmals mit der christlichen Literatur des Orients in Berührung, genauer gesagt: mit der christlichen arabischen Literatur. Ich stieß damit auf ein Forschungsfeld, auf dem es noch viel zu entdecken gibt. Daher entschied ich mich dafür, meinen Forschungsschwerpunkt auf dieses Gebiet zu legen – und dabei ist es bis heute geblieben.

Was fasziniert Sie daran?

Am meisten fasziniert mich an dieser Literatur die Offenheit für Nichtchristliches. Mit Kategorien, die dem islamischen Denken eigen sind, werden traditionsreiche christliche Themen in Arabisch erneut bearbeitet. Die theologische Sprache des Koran wird so zum Werkzeug der Apologetik, das Anspielungen enthält auf christliche Lehrsätze, die der Koran leugnet; das heißt: Im christlichen Sinne wird neu interpretiert. Die arabische christliche Literatur definiert auf diese Weise mithilfe der Kategorien des islamischen Denkens christliche Elemente neu. Diese Öffnung für das Nichtchristliche zur Neudefinition der christlichen Identität gehört zu den faszinierendsten Seiten dieser Literatur.

Mit welchen Themen befassen sich die Autoren?

Zentrales Thema ist die Religion. Auch wenn die Meinungen über den Entstehungszeitraum auseinandergehen, geht man davon aus, dass die christliche arabische Literatur Ende des achten Jahrhunderts aufkam und bis in unsere Zeit weiterbesteht. Die wichtigsten Themen betreffen christliche Glaubensinhalte, deren Wahrheit der Islam in Frage stellte: die Dreifaltigkeit, die Fleischwerdung des Wortes, die Jungfräulichkeit Mariens, die Sakramente – insbesondere die Taufe –, die Zeugnisse der alttestamentlichen Propheten über Jesus, die faktische Kreuzigung Jesu und die Echtheit der christlichen Schriften.

Was kann man zum Entstehungszeitraum und zu den literarischen Gattungen sagen?

Die meisten Werke sind zwischen dem neunten Jahrhundert und der Mitte des 15. Jahrhunderts verfasst worden. Sie befassen sich mit den ersten theologischen Antworten auf die dogmatische Herausforderung, vor die der Islam das Christentum stellte, und den interreligiösen Debatten, auch mit dem Einfluss des Christentums auf die Anfänge des Islam und die Entstehung des Koran. Es entstehen verschiedene Gattungen – Apokalypse, Polemik, Apologetik und dogmatische Texte, nicht zu vergessen die Übersetzung der Heiligen Schrift ins Arabische, die Apokryphen, Hagiografien, liturgische und kanonische Texte und die Übersetzung der Werke einiger Kirchenväter. Darüber hinaus haben die Autoren noch durch ihre Übersetzungsmethodik und ihr durch Übersetzungen aus dem Griechischen ins Arabische erstelltes Fachvokabular einen spezifischen Beitrag zur arabischen Kultur geleistet. An den Übersetzungen aus dem Griechischen beteiligten sich abessidische Nestorianer.

Wo würden Sie die Blütezeit der christlichen arabischen Literatur ansiedeln?

Zwischen dem neunten und dreizehnten Jahrhundert erlebte der Nahe Osten ein Goldenes Zeitalter. Danach tritt die arabische Literatur der Kopten bis zum 14. und 15. Jahrhundert an diese Stelle.

Welche Hauptwerke zählen dazu?

Klassische Gattungen sind die Apokalypse, die Dialoge und die apologetischen Werke. Beispiele für die christliche arabische Literatur sind: der Brief des Pisentius von Keft an seine Gläubigen oder die Apokalypse des Bekenners Samuel, Oberer des Klosters von Qalamoun. Ägyptische Mönche interpretieren das Entstehen des Islam theologisch und legen eine andere Sichtweise als die übliche dar. Sie zeigen, dass nichtmuslimische Quellen Mohammed und den Islam ursprünglich eher als König und Vertreter eines politischen Systems denn als einen Propheten betrachteten, der eine neue religiöse Botschaft mitbrachte. Die Dialoge sind im Zuge von Debatten entstanden, die von einer muslimischen Autorität am Hof geführt wurden und an denen Vertreter der drei Religionen teilnahmen. Dabei stellte jeder die grundlegenden Aussagen seines Glaubens vor, um dem Leser die Überlegenheit des Christentums darzulegen. Das geschah zu einem Zeitpunkt, an dem das Pendel der damaligen Zeit eher in die andere Richtung zeigte. Zu den Klassikern gehört unter anderem der Dialog des Abbasiden-Kalifen al-Mahdi und dem ostsyrischen Patriarchen Timotheus I. – ursprünglich in Syrisch verfasst, dann aber in einer arabischer Fassung – sowie der Dialog des Abraham von Tiberias mit dem Emir Abd al-Rahman oder die Disputation des Theodor Abu Qurra mit einigen muslimischen Gegnern unter den Augen des Kalifen al-Mamun im Jahr 829. Die Disputation des Theodor Abu Qurra ist ein Juwel der christlichen arabischen Literatur. Der melkitische Bischof von Harrán in Mesopotamien verfasste ein bedeutendes dogmatisches Werk. Es griff die griechische und syrische Tradition auf und erfasste das christliche theologische Denken auf Arabisch neu.

Sind Übersetzungen in europäische Sprachen vorhanden?

Ende des 19. Jahrhunderts erscheinen die ersten Editionen der Handschriften und Übersetzungen in europäischen Sprachen, obwohl die Forschung erst Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts richtig in Bewegung kommt. Es gibt Sammelwerke wie „Patrologia Orientalis“ oder „Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium“, deren arabische Reihe Übersetzungen einiger der bedeutendsten Autoren ins Deutsche und ins Französische enthalten. Die wichtigsten Übersetzungen klassischer christlicher arabischer Autoren sind derzeit die ins Englische. Veröffentlicht werden sie vom Brill-Verlag in den Niederlanden und in den USA.

Inwieweit beeinflussen die politischen und religiösen Konflikte im Nahen Osten die Rezeption und Verbreitung der christlichen arabischen Literatur?

Arabische Christen waren immer ein Teil von mehrheitlich muslimischen Gesellschaften und spielten eine wichtige Rolle für deren Kultur – sowohl im klassischen Zeitalter als auch seit dem 19. Jahrhundert, als sie aktiv am Erwachen der arabischen Welt mitwirkten. Sie sind im Lauf der Zeit immer stärker als Autoren hervorgetreten, unabhängig von der gesellschaftlichen Gunst der Stunde. Daher glaube ich nicht, dass die politischen Konflikte von gestern und heute ihre Rezeption und Verbreitung beeinflusst haben.

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