Amsterdam

Ein Spaziergang durch die Schmuddelhauptstadt Europas

Mehr als nur Drogen und Rotlicht: Unterwegs in Amsterdam auf den Spuren der drei Nikoläuse.
Coffeeshop in Amsterdam
Foto: Oliver Berg (dpa) | So kennt man Amsterdam: Drogen- und Rotlicht-Angebote. Doch die holländische Metropole hat auch verborgene katholische Seiten.

Willkommen in Sodom und Gomorrha”, so pflegte ich früher Neuankömmlinge in Amsterdam zu begrüßen. Amsterdam galt bereits ab den 90er Jahren als eine europäische “It”-Destination, ein magischer Anziehungspunkt für Hipster und alle, die es noch werden wollten. Amsterdam ist die Schmuddelhauptstadt Europas, sinnbildlich für einen vermeintlich geglückten Progressivismus, in dem Prostitution und Drogenkonsum in einer multikulturellen Gesellschaft mit überteuerten Boutique-Cafes, weitläufigen Halbghettos und den Resten hochkulturellen Glanzes koexistieren. Es ist eine große touristische Fabrik, die vom Easyjet-Sextourismus über die erfahrungssuchende Student*Innen-Klientel, bis hin zu den obligaten Touristen aus Fernost eine große Bandbreite von Besuchern mit dem Bild einer aufregenden, verruchten und atheistischen Multikulti-Stadt anlockt.

Zunächst mutet alles gottlos an

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Wer als Katholik Amsterdam besucht, trifft auf eine äußerlich zunächst gottlos anmutende Stadt und muss auf der Suche nach der katholischen Wurzel erst viele geschichtliche Lagen freilegen, die unter dem Anstrich moderner Freigeistigkeit schlummern. Wer den Blick nach der Ankunft am Hauptbahnhof schweifen lässt erkennt gegenüber, an der Prins Hendrikkade sofort die Basilika des Hl. Nikolaus, des Schutzpatrons der Stadt.

Die 1887 geweihte Kirche ist ein relativ untypisches Produkt jener Restaurationszeit des Katholizismus in den Niederlanden, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts den Bau katholischer Kirchen wieder gestattete. Während sich die Neogotik damals als Idealbild für katholische Kirchen etablierte, ist St. Nikolaus ein stimmiges Konglomerat verschiedener Neo-Baustile. Die Kirche atmet die Frömmigkeit der Periode des „reichen römischen Lebens“, wie man jene knapp 100 Jahre der katholischen Blüte zwischen 1860 und 1960 nannte, doch die Wunden der älteren katholischen Geschichte der Stadt sind hier nicht abzulesen. Es handelt sich um die dritte und jüngste, dem Hl. Nikolaus geweihte Kirche der Stadt. Die Spurensuche nach ihren Vorgängerkirchen erweist sich als ein kurzer Spaziergang durch die Altstadt und Geschichte Amsterdams.

Nur wenige Meter entfernt geht die Prins Hendrikkade in den Zeedijk über. An diesem Übergang befindet sich auch der schmale St. Olofspoort, ein Nadelöhr zwischen dem großstädtischen Trubel des Bahnhofsvorplatzes und der zwielichtigen Welt der Coffee- und Sexshops der Warmoestraat und des daran anschließenden Rotlichtmilieus. Die verbogenen Poller mit den drei Andreaskreuzen des Amsterdamer Stadtwappens (die fälschlicherweise von berauschten Touristen oft kichernd als XXX gelesen werden) markieren warnend – der Inschrift über dem Eingang zur Hölle in Dantes „Göttlicher Komödie” gleich – den Übergang in eine Welt geplanten Kontrollverlusts.

Wo sich die Altstadt von ihrer prächtigsten Seite zeigt

Ob Gruppen grölender Männer in Fußballtrikots auf dem Weg von der Be- zur Entladung, gut situierte japanische Touristengruppen, die leicht verschüchtert, aber neugierig in rote Fenster blicken, als wanderten sie durch das Rijksmuseum, oder jene Schattengestalten, die diese Welt tagein, tagaus bewohnen – sie alle koexistieren in diesem Freizeitpark der Maßlosigkeit, industriell organisierter und massentouristisch aufbereiteter Enthemmung.

Wir biegen jedoch ab in den Nieuwebrugsteeg, der kurz darauf in den Oudezijds Voorburgwal mündet. Hier zeigt sich die Altstadt Amsterdams von ihrer prächtigsten Seite: Zu beiden Seiten wird der Kanal von Häusern aus dem 15. bis 18. Jahrhundert gesäumt, prachtvolle Giebelkonstruktionen gemahnen der herrschaftlichen Bedeutung dieser Stadt in der Vergangenheit. Wer seinen Blick über die Touristenmassen hebt, taucht ein in eine Welt, geprägt vom unbändigen Drang der Bürgerschaft zur Selbstbehauptung, der wohl selten stärker zum Ausdruck kommt als in der ebenso prächtigen, wie auch utilitaristischen Architektur Amsterdams. In solch einem Haus aus 1663 am Oudezijds Voorburgwal treffen wir auf die zweite Nikolauskirche. Das heutige Museum ‘Ons?Lieve Heer op Solder?(,Unser Lieber Herr am Dachboden‘) führt den Namen, den diese geheime Kirche für Jahrhunderte im Volksmund trug. Da die Ausübung des katholischen Glaubens verboten war, traf sich die katholische Bevölkerung Amsterdams – die noch immer eine Mehrheit bildete – in solchen Geheimkirchen zur Messe.

Der Kirchenraum im obersten Stockwerk ist gleichermaßen beengt wie beeindruckend. Selbst eine kleine Balustrade mit Orgel fand Platz in diesem lilliputanisch anmutenden Kirchenraum, doch dessen würdige Gestaltung legt eindrucksvoll Zeugnis ab von der Hingabe der damaligen Gläubigen. Die finanzielle Situation des Museums ist prekär, letztlich flossen 2020 keine Gelder aus dem Amsterdamer Kulturfonds. Dessen Verweis auf mangelnde Diversität in der Besetzung der Museumsmitarbeiter erhielt damals mediale Aufmerksamkeit. Museum und Fonds betonten aber, dass das nicht der Grund für den Nichterhalt der Subventionen war.

Gotische Kirche inmitten der Auswüchse des Irdischen

Folgt man dem Oudezijds Voorburgwal noch ein wenig weiter, erreicht man das Herz des alten Amsterdam und gleichzeitig das Epizentrum des Rotlichtmilieus. Die Touristenmassen drängen sich dichter, die roten Fenster mehren sich, dubiose Düfte und Urgeräusche nehmen zu, bis plötzlich hinter den hohen Fassaden der Bürgerhäuser die gotische Oude Kerk zum Vorschein kommt. Inmitten der Auswüchse des Irdischen thront sie hier seit über 700 Jahren – das älteste Gebäude der Stadt, die erste St. Nikolaus-Kirche.

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Wieviel haben diese Gemäuer schon erlebt? Die Oude Kerk spielte eine zentrale Rolle beim eucharistischen „Wunder von Amsterdam“ 1345 und ist bis heute Teil der jährlichen Gedenkprozession. Während des Bildersturms 1566 wurden große Teile der Inneneinrichtung von einem wütenden Mob vernichtet oder entwendet. Nach der Übernahme Amsterdams durch eine calvinistische Stadtregierung 1578 wurde die Oude Kerk protestantisiert. Hollands größter Komponist, Jan Pieterszoon Sweelinck (der womöglich sein Lebtag katholisch blieb), bespielte täglich die Orgel im Auftrag der Stadt, allerdings außerhalb des Gottesdienstes, da die Calvinisten die Orgel damals noch als „Satans Flötenkasten“ betrachteten. Die Oude Kerk erhielt zunehmend eine bürgerlichere Funktion, ab 1584 durften sogar Händler ihre Börsengeschäfte in ihr abhalten. Die Reinigung des Tempels, die sich so viele Reformatoren auf die Fahnen geschrieben hatten, war nur von kurzer Dauer gewesen.

Eine ohrenbetäubende Stille

Die rasante Säkularisierung der Niederlande in den 1960er Jahren machte auch vor der Oude Kerk nicht halt. Sie wurde in eine Stiftung und ein Museum umgewandelt. Die Gegenwart ist geprägt von zunehmend antichristlicher Provokation unter dem Banner der Kunst, mit als traurigem Tiefpunkt einer Installation von drei Fernsehern (nicht zufällig in Anlehnung an ein Triptychon) im Hochchor der Oude Kerk, auf denen Gruppensex abgespielt wurde – eine fadenscheinige Erklärung des „Kunstwerks“ inklusive. Eine Provokation im Zentrum der ältesten Kirche Amsterdams, einer der wichtigsten Stätten des Christentums der Niederlande!

Glücklich wer diese Kirche mit ihrer besonderen Akustik, die alles glasklar hörbar macht, in Stille erleben darf. Ich erinnere mich, vor Jahren spät nachts zum Üben den Raum betreten zu haben. Mit einem gesungenen "Pater noster" zum Gruß. „Die älteste Stille Amsterdams”, so pflegte ein früherer Direktor von der Oude Kerk zu sprechen. Es ist eine ohrenbetäubende Stille, die den Lärm der Stadt in weite Ferne drängt. Hier ruht ein Herz, das dem chaotischen Leviathan Amsterdam trotzt, ein Herz, dessen katholische Natur nie gänzlich verdrängt werden konnte und das bis heute in der Stille zu uns spricht.

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