Fluch der Digitalisierung

Ein kurzes Plädoyer für die Ablenkungsfreiheit

Ständige digitale Erreichbarkeit bringt viele Vorteile, kann aber auch zu ernsten Störungen und Belastungen führen.
Monet-Ausstellung in Rio
Foto: dpa | Mehr Digitalität geht kaum: Eine Frau fotografiert einen Bildschirm mit Werken des französischen Malers Claude Monet in der Multimedia-Ausstellung „Monet at the water's edge“ in Los Angeles.

Nur Dienstboten sind immer erreichbar.“ Mit diesem Bonmot begründete in den späten 90er Jahren des letzten Jahrhunderts so mancher seine Weigerung sich eines dieser neumodischen mobilen Telefone zuzulegen. Auch wenn man dem Bonmot vorwerfen kann, typisch für den alten weißen Mann und dessen Arroganz zu sein und natürlich jede Geringschätzung von Dienstboten ein Unding ist, trägt der Satz dennoch eine tiefe Wahrheit. Eine freie = unerreichbare Zeit sollte jedem zustehen.

In der wirklichen Welt ist solcherlei Luxus heute ein äußerst knappes Gut geworden. Längst sind wir über die dampfbetriebenen „Handys“ hinaus. Das Smartphone hat uns nicht nur voll im Griff, es hat uns ein neues Internet in die Tasche gepackt. Aus dem mobilen Telefon ist ein mobiler Alleskönner geworden. Das Gerät selber, das Smartphone, ist längst auf dem absteigenden Ast. Smarte Technologie dagegen breitet sich durch unser ganzes Leben aus. Telefonieren kann man mit dem Laptop, mit dem Tablet und zur Not auch mit der Uhr.

„So kann man nicht arbeiten!
Nur jenseits aller Ablenkungen ist ein wirklich kreatives Arbeiten möglich“

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Habe ich mein Smartphone irgendwo außerhalb meiner Reichweite liegen, werden mir Anrufe und Nachrichten auf der Smartwatch angezeigt und können mit der Uhr angenommen werden. Ein Gerät von der Größe eines Smartphones benötigen wir tatsächlich nur deshalb, weil sich alles, was kleiner wäre, sich nicht mehr sinnvoll bedienen ließe. Der nächste Schritt wird folgerichtig die Virtualisierung der Anzeige- und Bedienungseinrichtungen mit Hilfe einer smarten Brille und eines smarten Fingersets sein. Transhumanisten träumen sogar von smarten Implantaten, die gleich alle Geräte ersetzen. Schöne neue Welt.

Wer leugnet, dass die moderne Kommunikationstechnologie ungeahnte Möglichkeiten bietet, ignoriert deren großartige Möglichkeiten. Sowohl ökonomisch als auch ökologisch ist es sinnvoll, nicht zu jeder Besprechung mit dem Jet anzureisen. Die Videokonferenz spart Geld, Zeit und Nerven. Andersherum: Dauert sie zu lange, ermüdet sie um ein Vielfaches mehr als eine Konferenz in Präsenz. Der Grund dürfte in der doppelten Gegenwart liegen. Einerseits gilt unsere Aufmerksamkeit immer unserer realen Umgebung, andererseits verlangt die Interaktion via Bildschirm die gleiche Aufmerksamkeit ein zweites Mal zur gleichen Zeit. Längst hat sich die Kommunikation in den Unternehmen gravierend verändert. Eine kurze Textnachricht im Messenger ersetzt ein minutenlanges Telefonat. Tatsächlich gestalten sich Arbeitsabläufe im Unternehmen schlanker und effizienter, wenn man moderne Kommunikationsformen wie Messengerdienste nutzt. Der Messenger funktioniert allerdings auch noch Stunden nach Feierabend.

Exzessiver Informationskonsum kann Psyche und Physis krank machen

Längst haben Studien gezeigt, dass die moderne digitale Kommunikation nicht ohne einen Preis zu haben ist. Durchschnittlich greifen wir am Tag etwa 52 mal zum Smartphone, um es auf neue Nachrichten zu checken. Das hat eine Studie des internationalen Wirtschaftsprüfungsunternehmens Deloitte ergeben. Nach jedem Griff zum Smartphone bedarf es einer gewissen Zeit, bis wir uns wieder jener Tätigkeit zuwenden, die wir unterbrochen haben. Gerade die Dienste, die die Effizienz deutlich steigern können, schaden bei exzessiver Nutzung der Produktivität. Sie richten zudem noch weitere Schäden an. einem Fluss aus Nachrichten, beeinträchtigen das Wohlbefinden erheblich. Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, Depressionen und Burnout können die Folge sein. Aber auch körperlich macht sich kommunikativer Überlauf mit Rücken- und Magenbeschwerden bemerkbar, wenn die ständige Erreichbarkeit zur Belastung wird.

Der Ausweg ist einzig und allein Strategien der Nichterreichbarkeit oder anders gesagt zur Ablenkungsfreiheit zu entwickeln, denn das Kernproblem heißt Ablenkung. Es sind oft genug Gefühle von Selbstverpflichtung oder Karrieregedanken, die einen veranlassen, am Samstagabend noch „eben“ die Mails zu checken. Das kann zu Sucht werden. Um diesen Stress auszuschalten haben zahlreiche Unternehmen inzwischen Kommunikationsregeln erlassen. Im Extremfall, so im VW- Konzern, muss sogar der Betriebsrat zustimmen, wenn ein Mitarbeiter nach einer bestimmten Uhrzeit noch Mails bekommen dürfen soll.

Die permanente Ablenkung mach ineffizient und nervt

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Das mag hilfreich sein, doch es nützt nichts, wenn man den gesamten Arbeitstag über mit Botschaften bombardiert wird. Natürlich ist es hilfreich, ein Diensthandy anzuschaffen und sein Privathandy für den Arbeitgeber zum Tabu zu machen. In der Freizeit kann es nützlich sein, das Handy aus dem Sichtbereich zu legen, so dass es erst gar keine Versuchung gibt. Der Kern ist ein anderer: Im beruflichen wie auch im privaten Bereich gilt es Strategien für ablenkungsfreies Arbeiten (oder Faulenzen) zu etablieren. Das Problem der stetigen Erreichbarkeit kumuliert nämlich in der stetigen Ablenkung.

Sehr viele Menschen beklagen, dass sie kaum noch in der Lage sind, sich eine Stunde auf ein Buch zu konzentrieren. Um das neu zu erlernen, kann es gut sein, jegliche technischen Geräte aus seinem Umfeld zu verbannen und beispielsweise im Urlaub ein Technik- und Medienfasten einzulegen. Das kann allerdings – wie alle radikalen Maßnahmen – ebenfalls Stress auslösen. Wichtiger als der blanke Verzicht auf Technik ist es, Strategien zum Verzicht auf Ablenkung zu entwickeln und dazu kann man sogar neue Technik erfinden.

Es gibt bereits Geräte, die den negativen Aspekten entgegenwirken

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Der norwegische Unternehmer Magnus Wanberg hat 2013 ein Unternehmen gegründet, dessen Ziel es war, ein E-Ink- Tablet zu entwickeln, das ein ablenkungsfreies Arbeiten ermöglicht. Dem Unternehmer war aufgefallen, dass alle modernen Arbeitsgeräte blinken, piepen und Fenster aufploppen lassen. So kann man nicht arbeiten! Nur jenseits aller Ablenkungen ist ein wirklich kreatives Arbeiten möglich. Das Ergebnis eines dreijährigen Entwicklungsprozesses war Papier, das kein Papier ist, sich jedoch wie Papier verhält: Der reMarkable, den Wanberg seitdem herstellt und vertreibt, ist ein Tablet mit einem E-Ink-Display, das weder einen Browser oder ein Mailprogramm und erst recht keine Apps für Sozialen Medien enthält.

Wer auf dem reMarkable schreibt, zeichnet, konstruiert oder rechnet, arbeitet mit der eigenen Hand und vollkommen ablenkungsfrei. Man interagiert nur mit seinem Projekt, an dem man gerade arbeitet. Dazu kommt eine Haptik, die Papier so ähnlich ist, dass man wirklich vergisst nicht auf Papier zu arbeiten. Wer mit Geräten wie dem reMarkable arbeitet, versteht erst, was diese stetige Ablenkung mit uns macht. Wer seine Gedanken und Schrift oder Bild oder auch in Gestalt einer Formel durch seine Finger gleiten lässt, ist ganz bei sich selbst und wird erstaunt sein, wozu man fähig ist.

Man hat es selbst in der Hand: ein oder aus

Darauf kommt es am Ende an, sich selber seine Zonen der Unerreichbarkeit zu schaffen, um eben jene Ablenkungen zu verbannen, die Freiheit, Kreativität und Gesundheit bedrohen. Ob man sich dazu technische Lösungen ausdenkt oder ganz klassisch den Ausschalter betätigt, ist nur dem eigenen Geschmack geschuldet.

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