Dynastie mit katholischem Profil

Ausstellungen in Warschau über die Kunst und Kultur Mitteleuropas unter der Herrschaft der Jagiellonen. Von Stefan Meetschen
"Das heilige Gespräch", Gemälde von dem Lesser Poland genannten Meister, um 1520
Foto: Meetschen | Eine Bildpracht, die zur Realität des Übernatürlichen führt: „Das heilige Gespräch“, Gemälde von dem Lesser Poland genannten Meister, um 1520.
"Das heilige Gespräch", Gemälde von dem Lesser Poland genannten Meister, um 1520
Foto: Meetschen | Eine Bildpracht, die zur Realität des Übernatürlichen führt: „Das heilige Gespräch“, Gemälde von dem Lesser Poland genannten Meister, um 1520.

Eigentlich war es nur eine kurze Blütezeit: Von 1454 bis 1572, doch der Mythos ist ungebrochen. Wohin man auch fährt, nach Krakau, Prag, Budapest, Lemberg, Wilna – das litauisch-polnische Adelsgeschlecht der Jagiellonen war schon da, hat den Städten seine Prägung gegeben. Kirchen und Rathäusern, Marktplätzen und Befestigungsanlagen. In Krakau ist sogar die altehrwürdige Universität, an der Karol Wojty³a mit dem Philologie-Studium begann, nach ihnen benannt.

Dass diese Dynastie nun auch in Westeuropa wieder etwas bekannter wird, verspricht eine internationale Wanderausstellung mit dem Titel „Europa Jagellonica“, die zunächst im tschechischen Kuttenberg zu sehen war, jetzt in Warschau gezeigt wird und ab März 2013 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam zu bestaunen ist. Gibt diese Ausstellung doch ein doppeltes Zeugnis. Nämlich für das dichte europäische Kontaktnetz des Spätmittelalters, das unter extrem schwierigen Kommunikations- und Transportwegen die Europäische Gemeinschaft vorwegnahm, und die kulturelle, Einheit stiftende Bedeutung des Christentums während dieser Zeit.

Es war der Glaube, der die Menschen verband

So liefert der erste Ausstellungsteil im Warschauer Schloss einen guten Informationseinstieg: Mit dem weitverzweigten Stammbaum der Jagiellonen, die sich durch eine geschickte Heiratspolitik an andere Fürstenhäuser des Heiligen Römischen Reiches (Hohenzollern, Wittelsbacher, Wettiner) banden und Künstler aus dem Westen an ihre Höfe einluden. Reich illuminierte Handschriften und Urkunden, kostbare Inkunabeln, wohin das Auge reicht, aber auch jede Menge Ornate und Kreuze. Was besonders an Frederick Jagie³³o (1468– 1503) liegt, der im jungen Alter von 20 Jahren nicht nur zum Priester geweiht wurde, sondern vom Krakauer Stadtrat per inspirationem, also unter Führung des Heiligen Geistes, auch gleich zum Kardinal und Primas von Polen ernannt wurde. In seinem kurzen Leben setzte er sich für die liturgische Einheit der katholischen Kirche im Familienreich ein.

Was nichts an der generellen Toleranz der Jagiellonen gegenüber Andersgläubigen ändert. Ob Juden, ob Orthodoxe und Protestanten – niemand wurde von den Jagiellonen-Herrschern aufgrund seines religiösen Bekenntnisses diskriminiert. König Alexander heiratete sogar eine orthodoxe Russin. Ein Grund, wieso zahlreiche Künstler und Handwerker der Einladung gen Osten folgten. Probleme gab es stattdessen ausgerechnet mit den Angehörigen der eigenen Kirche. 1524 verbündete sich König Zygmunt mit Frankreich gegen die Habsburger, 1525 dann der große Konflikt mit dem Deutschen Orden, der sich im Osten mit brutalen Evangelisationsmethoden auszubreiten versuchte. Die Schlacht bei Tannenberg – bis heute Geschichtsstoff an jeder polnischen Schule.

Während das traurige Schicksal von Zygmunt II., der trotz drei Ehefrauen und diverser Affären keinen Thronfolger zeugen konnte, ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Im Alter von zwei Jahren war er zum Prinz von Litauen ernannt worden. Mit neun Jahren wurde er König von Polen. So enden Traumkarrieren. Der Sultan des Osmanischen Reiches versetzte der Machtfülle der Jagiellonen den endgültigen Todesstoß.

Im Warschauer Nationalmuseum sind bedeutende Kunstwerke aus der Zeit der Jagiellonen zu sehen, die zum Teil aus internationalen Sammlungen stammen und Leihgaben aus Kirchen und Kapellen sind. Geordnet nach Städten zeigen all diese Altarbilder und Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen vor allem eins: Es war das Christentum, das über jegliche Grenzen hinweg die Menschen verband und zusammenhielt. Schließlich nahmen die Menschen nicht nur gerne an kirchlichen Festen und Prozessionen teil, auch die private Frömmigkeit boomte. Kein Wunder, war man doch damals von einer religiösen Bilderpracht umgeben, die stets an die Realität des Übernatürlichen erinnerte. An die Taufe Christi, an ein heiliges Gespräch zwischen der Jungfrau Maria mit den Heiligen Felicitas und Perpetua („Sacra Conversazione“), die Wunder Christi, seine Passion. Die aufgrund der mangelnden Perspektivkenntnisse der damaligen auch schon mal allesamt auf einem Bild festgehalten wurden. Ein visuelles Drehbuch, das mit der Einkehr in Jerusalem am unteren Bildrand beginnt und aufsteigt zu Kreuzigung und Auferstehung.

Erst mit der Reformation setzte ein gewisser Verfall ein. Besonders Prag scheint das Wirken von Jan Hus nicht gut bekommen zu sein. Sank es doch nach und nach in die kulturelle Bedeutungslosigkeit, wurde provinziell. Die Krakauer Universität lief der Universität in Prag immer stärker den Rang ab. Katholische Offenheit statt fanatischer Enge. Wobei die Jagiellonen sich besonders für den Wallfahrtsort Tschenstochau einsetzten und den neugegründeten Schwesternorden der heiligen Birgitta unterstützten. Ein Beitrag für die soziale Stabilität Europas.

Mit Dürer kamen die individuellen Künstler

Herausragende Kunstwerke der Ausstellung sind sicherlich die von Veit Stoss angefertigte Skulptur von Johannes dem Täufer. Eine Leihgabe aus Schwabach. In ziselierter Feinarbeit wurden der Bart des Täufers wie auch das Schafsfell hergestellt. Aus Lindenholz. Klein und fein auch die Grafik der „Vier Hexen“ von Albrecht Dürer. Vier unbekleidete junge Frauen, die an den Toren zur Hölle stehen und sich zu einem letzten unheilig-konspirativem Gespräch vereinigen. Grazien des Bösen, die eine moderne Ambivalenz ausdrücken. Mit Dürers Logo AD beginnt das Zeitalter des Copyrights. Der Künstler wird zum individuellen Schöpfer, er ist nicht länger namenloser Handwerker. Ein lohnender Besuch, ein lohnendes Warten. Denn wie gesagt: Ab März sind die Jagiellonen in Potsdam. Um „das bandt der freuntschaft und lieb“, wie man damals schrieb, zu stärken. Die Ausstellungen dauern bis 27. Januar 2013 und sind ab 1. März in Potsdam zu sehen.

Warschauer Nationalmuseum, Aleja Jerozolimskie 3, 00-495 Warschau. Öffnungszeiten: Dienstags – Sonntags: 10.00–18.00 und , Donnerstags: 10.00–21.00 Uhr,

Warschauer Königsschloss, Plac Zamkowy 4, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 10.00–16.00 Uhr, Sonntags 11.oo–16.00 Uhr, Eintritt zusammen: 25 Zloty.

Themen & Autoren

Kirche

Der Ton bei Kirchens wird rüder. Nun verschärft das Internetportal katholisch.de seine Netiquette und stellt Kriterien auf, über die man streiten kann.
03.12.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die Gruppe, die zum kontinentalen europäischen Vorbereitungstreffen der Weltsynode nach Prag fahren soll, repräsentiert die deutschen Katholiken in keiner Weise.
02.12.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Nach russischer Empörung wurden die Internetseiten des Heiligen Stuhls attackiert. Auffällige Parallelen zum Hacker-Angriff auf das Europäische Parlament.
01.12.2022, 12 Uhr
Meldung
Der heilige Bernardo ist der Schutzpatron von Parma und wird von den Vallombrosianern nach dem heiligen Benedikt von Nursia und dem heiligen Giovanni Gualberti als ihr dritter Gründervater ...
03.12.2022, 21 Uhr
Claudia Kock
Deutsche Stimmen zum römischen Einspruch: Wie soll es weitergehen nach den Referaten der Kardinäle Luis Ladaria und Marc Ouellet?
01.12.2022, 13 Uhr
Redaktion