Feuilleton

„Die Regeln haben sich geändert“

Wie amerikanische Zeitungen jetzt über den 11. September 2001 berichten. Von Alexander Riebel
In Rauch und giftigen Dämpfen fiel das Atmen schwer
Foto: IN | In Rauch und giftigen Dämpfen fiel das Atmen schwer; am 11. September 2001 im südlichen Manhatten nahe dem Rathaus.

Die amerikanischen Zeitungen haben in dieser Woche die Ereignisse vom 11. September noch einmal minutiös aufgearbeitet. Einzelschicksale und das persönliche Erleben stehen im Vordergrund. Zum Überblick hat das „Wall Street Journal“ auf seiner Internetseite die zweieinhalb Stunden des Terrorangriffs „Minute für Minute“ mit Bildern dargestellt, von 7.59 Uhr bis 10.28 Uhr. Zu sehen sind auf den Fotos etwa, wie der Flugzeugentführer Mohamed Atta um 8.42 Uhr die Gepäckkontrolle auf dem Weg zum American Airlines Flight 11 passiert. Um 9.03 Uhr kracht United Airlines Flight 175 bereits in den Südturm des World Trade Centers. Es ist erschütternd, die Ereignisse wie live mitzuverfolgen. Diskussionen kommentieren zusätzlich in Videos.

Die „Washington Post“ hat sich eine Serie von Erzählungen unter dem Thema „Zehn Jahre danach“ einfallen lassen, die an den 11. September erinnern. „Seit 9/11 ist ein Polizeioffizier des Pentagon unfähig, einen verletzten Mann zu vergessen, dem er zu helfen versuchte“, heißt eine der Geschichten. Sie handelt von dem Polizisten Don Brennan, der seit 22 Jahren im Dienst ist und am Morgen des 11. September 2002 wie immer sein Sandwich mit Ei und Schinken isst. Er trägt das 9/11-Gedächtnis-Abzeichen – Erinnerungen gibt es überall, heißt es. Brennan wird als tapfer und zuversichtlich beschrieben, mit einem heroischen Selbst – mit dieser Haltung hätte er den Flugzeugangriff ein Jahr zuvor auf das Pentagon erlebt. Als er nach dem Einschlag aus seinem Zimmer rannte, traf er auf einen Mann in Uniform, mit blutenden Wunden am Kopf, unruhigen Augen hinter der Brille und einem Metallstück in der Stirn. Brennan wüsste gern mehr über ihn, und ob er wohl überlebt hat. Einen weiteren Teil der Serien hat die Chinesin Rui Zheng geschrieben, die ihre Eltern beim Terroranschlag verloren hat und mit den Worten beginnt: „Wo sind sie?“ – „Sie starben“ – „Warum starben sie?“

Die Frage nach dem Warum ist die Frage, die über allen Erinnerungen an diesen Tag steht. Denn die einzelnen Opfer haben mit den Motiven, die die Täter inszeniert haben, nichts zu tun. Das Geschehen ist völlig willkürlich über sie hereingebrochen. So hat am Freitag die „Washington Post“ Fotos aus dem National September 11 Memorial & Museum in New York veröffentlicht, als Zeichen der sinnlosen Zerstörung: der zerborstene Helm eines getöteten Feuerwehrmanns, das Metallkreuz, das wie ein Mahnmahl aus den Pfeilern des World Trade Center stehengeblieben ist, Kleidungsstücke, Papiere und Fotos der Opfer sowie ein Flurschild aus der 78. Etage einer der beiden Türme. Dass diese Erinnerungskultur keine Überreaktion ist, stellt der Artikel „The 9/11 ,overreaction‘? Nonsense.“ klar.

Die „Los Angeles Times“ hat ihren Artikel „Nachdenken außerhalb der ,Muslim-Blase‘“ (Muslim bubble) über die damalige Furcht der Muslime in den Vereinigten Staaten vor Übergriffen groß aufgemacht. Die Muslime hätten sich zunächst im Verborgenen gehalten und die Verteidigung ihrer Rechte den nationalen religiösen Organisationen überlassen. In den Jahren nach 2001 hätten sie dann zunehmend selbst ihre Stimme erhoben und gezeigt, dass sich amerikanische Muslime von der Terrormentalität der Attentäter unterscheiden. So hätten viele Muslime Verantwortung übernommen. Bei den Artikeln unter der Rubrik „Sind wir sicherer?“ herrscht letztlich die Meinung, dass wir es nicht wirklich sind, auch wenn viel getan wird. Jede andere Auffassung wird durch die jüngsten Terrorwarnungen, die durch alle amerikanischen Zeitungen gehen, konterkariert. Ein kritischer Beitrag des Architekten Christopher Hawthorneaus Los Angeles weist auf die symbolische Kraft der Wolkenkratzer hin, der Autor schreibt: „Grundsätzlich ist Architektur Schutz, ein Zugeständnis, dass wir uns vor den Elementen ohne Schutz fürchten. Ein Wolkenkratzer ist vertikale Hybris.“

Die große Zeitung „USA Today“ hat eine Rubrik mit der Frage „Wie hat uns 9.11. verändert“ eingerichtet: „9.11 + me“. Im Internet ist der Zugang zu diesem Thema mit einer sehr schönen Seite gestaltet. Zunächst erscheint in der Mitte ein Punkt, um den sich dann zehn Kreise für die letzten zehn Jahre entfalten. Auf diesen Kreisen befinden sich dann wieder eine Fülle von blauen Punkten, bei deren Berühren mit der Maus eine Jahres- und Monatsangabe erscheint. Aus Hunderten von Ereignissen sind hier zentrale Themen ausgewählt, über die „USA Today“ berichtet hatte. So etwa ein Foto gleich zu Anfang am 15. September 2001, das ein „Geheimes Kriegskabinett“ der damaligen Regierungspolitiker in Camp David zeigt. Präsident George W. Buch wird mit den Worten zitiert: „The rules have changed“ („Die Regeln haben sich geändert“). Die „New York Times“ stellt Porträts von 3 200 Arbeitern vor, die am Nachfolgegebäude des World Trade Centers arbeiten. Sie haben ein Ziel: ein Teil von New York wiederherzustellen, das verloren gegangen ist. Und wie in den meisten anderen Zeitungen werden auch hier die Leser aufgefordert, in Beiträgen zu schreiben, wo sie am 11. September 2011 waren. Auch damit wird der amerikanische Traum verwirklicht, in dem das Individuum im Mittelpunkt steht. Die Berichterstattung ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass dieses Land jedem eine Stimme geben möchte.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren

Kirche

Die Gruppe, die zum kontinentalen europäischen Vorbereitungstreffen der Weltsynode nach Prag fahren soll, repräsentiert die deutschen Katholiken in keiner Weise.
02.12.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Nach russischer Empörung wurden die Internetseiten des Heiligen Stuhls attackiert. Auffällige Parallelen zum Hacker-Angriff auf das Europäische Parlament.
01.12.2022, 12 Uhr
Meldung
Deutsche Stimmen zum römischen Einspruch: Wie soll es weitergehen nach den Referaten der Kardinäle Luis Ladaria und Marc Ouellet?
01.12.2022, 13 Uhr
Redaktion
Mit fremden Menschen auf der Straße über den Glauben sprechen ist das „Back to the roots“ der Evangelisierung.
30.11.2022, 11 Uhr
Franziska Harter