„Die Ostalgie ist für die 1989 Geborenen schon Geschichte“

Die Ausstellung „Jahrgang '89 – Die Kinder der Wende“ zeigt das Lebensgefühl einer Generation. Von Andrea Schultz

Inzwischen ist seit dem Fall der Berliner Mauer mehr Zeit vergangen, als sie überhaupt gestanden hat. Das DDR-Museum widmet nun jungen Menschen, die 1989 geboren wurden, eine Kabinettausstellung. Im Gespräch mit der „Tagespost“ führt Stefan Wolle, Wissenschaftlicher Direktor des DDR-Museums, dazu aus: „Bislang machen Museen – auch wir als DDR-Museum – am 9. November 1989 mit dem Mauerfall oder am 3. Oktober 1990 mit dem Tag der Wiedervereinigung einen Schnitt.“ Das DDR-Museum gehe nun einen Schritt weiter. Am Anfang stand die Frage: Was ist aus den Menschen geworden, die im Jahr 1989 geboren wurden, die jetzt 28 oder 29 Jahre alt sind? Allerdings: Um auf diese Frage zu antworten, so Stefan Wolle, „brauchen wir als Museum Gegenstände. Deshalb haben wir einen Aufruf gestartet: Wer Interesse daran hat, soll sich melden und ein Objekt vorschlagen. Am Ende wurden 16 junge Frauen und Männer ausgewählt.“ Einzige Voraussetzung für die Teilnahme war die Verbundenheit mit der DDR. Von den 16 Teilnehmern sind denn auch die meisten in der ehemaligen DDR geboren. Unter ihnen ist jedoch auch eine mit einem Thüringer verheiratete, junge Österreicherin, die zurzeit Stadtschreiberin von Gotha ist. Die kleine Ausstellung im Eingangsbereich des Museums zeigt in Vitrinen das jeweils selbstausgesuchte Objekt aus dem Leben der Teilnehmer, das ihre Verbundenheit mit der Heimat ausdrückt, zusammen mit dem dazugehörigen Text. Die Bandbreite der Gegenstände ist groß: Von einer rosafarbenen Kinder-Schatztruhe, die heute mit Münzen aus aller Welt gefüllt ist, bis zur Kreuzblume eines Altaraufsatzes aus der 1968 gesprengten Leipziger Universitätskirche. Dazu kommen Schaukästen mit Objekten zu wichtigen Ereignissen des Jahres 1989. Darunter sind Geschehnisse von welthistorischer Tragweite, etwa das „Paneuropäische Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze am 19. August, das hunderten Ostdeutschen die Flucht in den Westen ermöglichte. Weiterhin: die Demonstration am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz – nicht aber die Leipziger Demo vom 9. Oktober – sowie Honeckers Sturz am 17. Oktober und selbstverständlich der 9. November, der „Mauerfall“. Dazu kommen indes einfachere Ereignisse, die das Lebensgefühl in der Endphase der DDR wiedergeben, etwa die Veröffentlichung des „Februar“-Albums der ostdeutschen Rockband „Silly“, der Beginn des FDJ-Pfingsttreffens am 12. Mai, oder der Gewinn der DDR-Fußballmeisterschaft durch Dynamo Dresden am 3. Juni. Als Ergebnis der Beschäftigung mit dem „Jahrgang 1989“ fasst Stefan Wolle zusammen: „Wir haben eine ganz neue Generation, die keinen ostalgischen Blick auf die schöne DDR wirft. Heimatbewusstsein vermittelt sich eher durch die Region, die Landschaft oder die Stadt, wo sie groß geworden sind oder wo sie wohnen. Die Ost-West-Problematik scheint bei denen, die jetzt auf die 30 zugehen, keine wirkliche Rolle mehr zu spielen. Wir haben hier eine Auswahl von einer Generation, die sehr optimistisch in die Zukunft blickt, die weltoffen und tolerant ist. Die mögen unterschiedliche politische Ansichten haben, aber sie sehen sich eins mit der neuen Gesellschaft. Die Ostalgie, das Ost-West-Gerede ist für sie schon Geschichte.“

Anhand einer kleinen Auswahl allgemein gültige Schlussfolgerungen zu ziehen, nimmt sich zwar vielleicht als etwas voreilig aus. Die Schlüsse, die das DDR-Museum aus seiner kleinen, feinen Kabinettausstellung zieht, könnten aber den Ausgangspunkt für eine breit angelegte Untersuchung über Lebensentwürfe und Befindlichkeiten einer Generation darstellen, die in einem vereinten deutschen Staat aufgewachsen ist, und die Trennung durch die Mauer nicht mehr erlebt hat. Das allein wäre schon ein bedeutender Beitrag der Ausstellung „Jahrgang '89 – Die Kinder der Wende“.

„Jahrgang '89 – Die Kinder der Wende“. Kabinettausstellung im DDR-Museum, Karl-Liebknecht-Straße 1, 10178 Berlin, bis zum 28. Februar.

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