Bonn

Die „Missa Solemnis“ hielt er für sein bestes Werk

Ein Besuch im renovierten Geburtshaus Ludwig van Beethovens zeigt, was der Komponist an seiner Bonner Umgebung schätzte.
Ludwig van Beethoven: Ikonenhaftes Porträt von Joseph Stieler
Foto: Beethoven-Haus

Welchen der heute noch bestehenden mittelalterlichen Bitt- und Wallfahrtswege auf den über 330 Meter hohen Petersberg mag Ludwig van Beethoven genommen haben? Wie hat er die grandiose Aussicht auf die Rheinebene und seine Geburtsstadt Bonn empfunden? Hat er die Wallfahrtskapelle St. Peter, hinter der sich nun das „Grandhotel Petersberg“ und Gästehaus des Bundes erhebt, besucht, dort vielleicht gebetet?

Eine Stele unweit des Hotels erinnert daran, dass der Petersberg, der benachbarte Drachenfels sowie die einstige Zisterzienserabtei Heisterbach im Siebengebirge regelmäßige Ausflugsziele der Familie Beethoven waren. Die Inspiration durch die Natur wurden ihm möglicherweise bei seinen Ausflügen in den heutigen „Naturpark Siebengebirge“ südlich von Bonn grundgelegt. Ob er in Wien 1807/08 während der Komposition der als „Pastorale“ bekannten sechsten Symphonie – etwa im ersten Satz „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ oder der berühmten Gewitter- und Sturmszene im vierten Satz – Erinnerungen an Wanderungen in der Heimat vor Augen hatte? „Ach Gott, blick in die schöne Natur und beruhige Dein Gemüth“, lautet eines der Beethoven-Zitate, welches in der neu konzipierten Dauerausstellung in großen Lettern an einer der Wände des Geburtshauses zu lesen ist. Vor dem Haus in der Bonngasse 20 steht die erste Stele, die anlässlich des Jubiläumsjahres an 22 Stationen in und um Bonn als Wegmarken des Beethoven-Wanderwegs aufgestellt wurden. Sie laden zu einem Rundgang an Orte ein, die zum Lebensumfeld des vor 250 Jahren geborenen Ludwig van Beethoven während seiner 22 Bonner Jahre bis zum Wechsel nach Wien gehörten.

Familie, Freunde und eine traurige Liebe

Beim Rundgang durch das wieder eröffnete verwinkelte Bürgerhaus aus dem 18. Jahrhundert treffen die Besucher auf Personen, die für Beethoven zu wichtigen Wegbegleitern und -bereitern wurden – etwa die musikbegeisterte Bonner Familie von Breuning. Ein wunderbarer Scherenschnitt nimmt die Betrachter mitten hinein in die Familie. Die Ehefrau Helene, eine Hofrätin, war als mütterliche Vertraute wichtig für die Persönlichkeitsbildung Beethovens, und deren Kinder blieben ihm stets freundschaftlich verbunden. Das wird auch anhand eines außergewöhnlichen Objekts im ersten Raum deutlich: eine Elfenbeinminiatur aus dem Jahr 1802. Mit feinstem Pinselstrich hat der dänische Maler Christian Hornemann (1765–1844) die Aquarellfarbe auf das Elfenbeinblatt aufgetragen. Es zeigt den 32 Jahre alten Beethoven: selbstbewusst, elegant, mit kurzem Haarschnitt. Beethoven hat dieses wertvolle Exponat seinerzeit seinem Jugendfreund Stephan von Breuning nach einem heftigen Streit als Zeichen der Versöhnung geschenkt. Das Bild entstand zu einer Zeit, als Beethoven in Wien erstmals zu weitreichender Anerkennung gelangt war.

Erzählt wird auch von Beethovens inniger Liebe, mit der er vergeblich die Witwe Gräfin Josephine Deym umwarb. „Tausend Stimmen flüstern mir immer zu das sie meine einzige Freundin, meine einzige Geliebte sind.“ Es sind zärtliche, ja poetische Worte aus der Feder eines Mannes, der einmal bekannte, dass „ich nicht so zu schreiben imstande bin wie ich fühle und lieber 10 000 Noten (schreibe) als einen einzigen Buchstaben“.

1889 wurde der Verein Beethoven-Haus Bonn gegründet, der das vom Verfall bedrohte Bürgerhaus erwarb, restaurierte und als Museum eröffnete. Zur Sammlung gehören Handschriften, Bilder, Musikinstrumente, Erinnerungsstücke sowie Primär- und Sekundärliteratur. Räumlich erweitert wurde die für über 3,7 Millionen Euro überarbeitete Gedenkstätte um ein Musikzimmer sowie eine „Schatzkammer“ im historischen Kellergewölbe des Nachbarhauses, in der in regelmäßigem Wechsel Originalmanuskripte gezeigt werden. Dies war vorher aus konservatorischen Gründen nicht möglich.

Hier findet wirklich jeder einen Zugang zu Beethoven

Die Authentizität des Gebäudes mit den wie Kabinette gestalteten Zimmern, durch die sich die Besucher auf knarzenden Holzdielen bewegen, trägt dazu bei, dass „wirklich jeder etwas finden sollte, was ihm eine Tür, einen Zugang zu Beethoven eröffnet“, so Direktor Malte Boecker. Der damalige Alltag und Stationen aus Beethovens Leben werden in neun spezifischen Themenräumen aufgegriffen, Gegenstände des täglichen Bedarfs sowie Vitrinen und Möbelstücke fangen die Wohnhausatmosphäre ein. Der aus dem Jahr 1996 stammende Rundgang ist nicht mehr chronologisch angelegt und ermöglicht es nun, sich individuell und emotional erlebbar in einzelne Lebensabschnitte dieses zeitlos aktuellen Titanen der klassischen Musik zu vertiefen.

Sehr anschaulich wird sein streng disziplinierter Tagesablauf dargestellt. Exponate wie die Lebend- und die Totenmaske berühren ebenso unmittelbar wie etwa auch das (vermeintliche) Geburtszimmer oder der Raum „Schicksalsschläge“. Alles kulminiert in dem Gemälde von Joseph Stieler (1781–1858). Das ikonenhafte Beethoven-Porträt aus dem Jahr 1820 gehört zum Bestand des Beethoven-Hauses und ist derzeit an die Bundeskunsthalle ausgeliehen. Das Gemälde setzt einen visionären Beethoven ins Bild. In Händen hält er die Partitur der „Missa Solemnis“. Diese Vertonung des katholischen Messordinariums, mit der er nicht nur – wie so oft in seinem außergewöhnlichen Oeuvre – die Grenzen der Musik, sondern auch noch mal eben die der Liturgie erweiterte, ja sprengte, hielt der Meister selbst für sein bestes Werk.

Beethoven-Haus, täglich von 10 bis 18 Uhr, Bonngasse 20, Bonn.

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Ulrike von Hoensbroech Constantin von Hoensbroech Ludwig van Beethoven

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