Feuilleton

Die Logik des Nationalismus

Sie hat im 20. Jahrhundert unendlich viel Leid – Weltkriege und Bürgerkriege, Vertreibungen und „ethnische Säuberungen“, Unterdrückung und Verleumdung – über viele Völker Europas gebracht. Um Europa aus seinen Ursprüngen zu erneuern und für die Zukunft handlungsfähig zu machen, braucht es jetzt eine Überwindung der Ideologie des Nationalismus Von Stephan Baier
Standbild von Matthias Rex in Cluj
Foto: sb | Standbild von Matthias Rex in Cluj.

Als habe es nicht die Jahrzehnte brutaler kommunistischer Christenverfolgung gegeben, prägt eine Vielfalt von Kirchen das Stadtbild jener mitteleuropäischen Großstadt, die die Rumänen Cluj, die Ungarn Kolozsvár und die Deutschen Klausenburg nennen. Da ist die große, dem Erzengel Michael gewidmete hochgotische Basilika im Zentrum der Altstadt, da ist die Kathedrale der dominanten rumänisch-orthodoxen Kirche. Da sind unierte und unitarische, calvinistische und katholische Kirchen in dieser Metropole Transsylvaniens, von deren jahrhundertelanger ungarischer Vergangenheit nicht nur die Architektur zeugt, sondern auch ein hoher ungarischer Bevölkerungsanteil von heute etwa 19 Prozent.

Vor der gotischen Basilika, an der das ganze 15. Jahrhundert gebaut wurde, erhebt sich das Reiterstandbild von König Matthias Corvinus, des wohl berühmtesten Sohnes dieser Stadt. Beide alteingesessenen Volksgruppen beanspruchen den Herrscher, den die Ungarn „Hunyadi Mátyás“ und die Rumänen „Mattei Corvin“ nennen, den aber die Inschrift auf dem Denkmal seit kommunistischer Zeit lateinisch „Mathias Rex“ nennt. Tatsächlich war Cluj stets eine multiethnische Stadt, und Mathias Rex war ein Herrscher von europäischem Format, der es als Feldherr und Diplomat aus niedrigem Adel bis zum König von Ungarn, und damit eben auch zum Herrn von Siebenbürgen, sowie zum König von Kroatien brachte. Er herrschte aber auch über Mähren, Schlesien und Teile der österreichischen Erblande. Die Gedenktafeln auf dem Geburtshaus von Matthias Corvinus in Cluj sind mehrsprachig.

Das Zeitalter des Nationalismus und der Zusammenbruch Österreich-Ungarns am Ende des Ersten Weltkriegs formte das heutige Rumänien, das als Verbündeter der Entente zu den Gewinnern dieses europäischen Bruderkrieges zählte. Rumänien konnte sein Staatsgebiet wie seine Einwohnerzahl verdoppeln, wurde aber eben dadurch selbst vom Nationalstaat zum Vielvölkerstaat. Heute sind fast 90 Prozent der Einwohner Rumänen, 6,5 Prozent Ungarn, 3,2 Prozent Roma und ein halbes Prozent Ukrainer. Die deutsche Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen macht nur mehr rund 0,3 Prozent der Einwohner aus. Analog ist in religiöser Hinsicht die Dominanz der rumänisch-orthodoxen Kirche, zu der sich rund 86 Prozent der Einwohner des Landes bekennen, während nur mehr fünf Prozent römisch-katholisch und ein Prozent griechisch-katholisch sind. Die unterschiedlichen reformatorischen Bekenntnisse machen zusammen 3,5 Prozent aus.

Es gibt in Europa viele Städte wie Cluj, Straßburg, Sarajevo, Bozen, Danzig, Lemberg, Prag oder Prishtina, die im Laufe des 20. Jahrhunderts wechselnde Herrschaften erlebten, von unterschiedlichen Nationalstaaten beansprucht und ideologisch interpretiert wurden. Sie erlebten den Untergang alter Reiche, den Aufstieg und den Fall neuer Mächte, die Verschiebung von Grenzen, altes oder auch neues Unrecht. Das 19. und 20. Jahrhundert war das Zeitalter des Nationalismus, den der Wiener Kardinal Christoph Schönborn jüngst die „Ursünde Europas“ nannte.

Der Geist dieser Zeit wollte nicht akzeptieren, dass – zumal in Europas Mitte – Nationen und Nationalitäten gemischt siedeln, dass es Städte und Kulturlandschaften gibt, die ihre Schönheit, Größe und Fruchtbarkeit der Vielsprachigkeit, der ethnischen Vielfalt und der Begegnung unterschiedlicher Kulturen verdanken. Istanbul etwa war nie nur türkisch, sondern auch griechisch, armenisch und arabisch. Mahnend hatte einst der heilige König Stefan von Ungarn seinem Sohn, dem heiligen Emmerich, geschrieben: „Ein Land von nur einer Sprache und einer Sitte ist ein schwaches und dummes Ding.“ Der Ungarn-König schrieb das selbstverständlich auf Latein.

Für den französischen Nationalismus durfte einst nichts am Elsass deutsch sein, wie für den deutschen hier nichts französisch sein durfte. Für den serbischen Nationalismus darf im Kosovo nichts albanisch sein, wie für den albanischen nichts serbisch und orthodox sein darf. Jedoch ist Straßburg nicht französisch wie Paris und nicht deutsch wie Berlin. Lemberg ist nicht ukrainisch wie Kiew und nicht polnisch wie Krakau. Sarajevo ist nicht muslimisch wie Konya, nicht orthodox wie Belgrad und nicht katholisch wie Split. Cluj ist nicht ungarisch wie Budapest, aber auch nicht rumänisch wie Bukarest.

Der Nationalismus hat die Nationen nicht erfunden, sondern die je eigene in pseudoreligiöser Weise überhöht und verklärt. Er machte sie zum Gegenstand des Kultes, der Anbetung, der Verehrung, erklärte jede Lästerung wider sie zur Sünde. Darum wandte sich bereits der Nationalismus der Französischen Revolution gegen Kirche und Glauben, weil die pseudoreligiöse Überhöhung der Nation keine religiöse Konkurrenz vertrug.

Hellsichtig hat der aus dem polnisch, ukrainisch, deutsch und jüdisch geprägten Ost-Galizien stammende Literat Joseph Roth dies analysiert. In seinem nostalgischen Roman „Radetzkymarsch“ ließ er seinen Graf Chojnicki 1914 sagen: „Diese Zeit will sich erst selbstständige Nationalstaaten schaffen! Man glaubt nicht mehr an Gott. Die neue Religion ist der Nationalismus. Die Völker gehen nicht mehr in die Kirchen. Sie gehen in nationale Vereine. Die Monarchie, unsere Monarchie, ist gegründet auf der Frömmigkeit: auf dem Glauben, dass Gott die Habsburger erwählt hat, über so und so viel christliche Völker zu regieren. Unser Kaiser ist ein weltlicher Bruder des Papstes, es ist seine K. u. K. Apostolische Majestät, keine andere wie er apostolisch, keine andere Majestät in Europa so abhängig von der Gnade Gottes und vom Glauben der Völker an die Gnade Gottes. Der deutsche Kaiser regiert, wenn Gott ihn verlässt, immer noch; eventuell von der Gnade der Nation. Der Kaiser von Österreich-Ungarn darf nicht von Gott verlassen werden. Nun aber hat ihn Gott verlassen!“

Tatsächlich war Österreich-Ungarn der Erbe des Heiligen Römischen Reiches und das letzte mitteleuropäische Reservat einer übernationalen Ordnung inmitten des Zeitalters des Nationalismus. Sein Prinzip der Einheit war nicht national (also kollektiv), sondern personal: Der Kaiser beanspruchte die Loyalität seiner Völker, wie er sich selbst persönlich für die Völker verantwortlich wusste. Die „sakrale“ Dimension der Herrschaft bestand zunächst darin, dass der Kaiser sich vor Gott verantwortlich wusste. Die nationalen Führer, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen Staaten Europas – vom republikanischen Spanien bis zur republikanischen Türkei – Karrieren machten, meinten, nicht vor Gott Rechenschaft ablegen zu müssen, sondern vor der jeweiligen Nation, vor ihrer mythologisch verfremdeten Geschichte und ihrer angeblichen historischen Sendung. Diesem Aberglauben folgten je auf ihre Weise Mustafa Kemal Atatürk in der Türkei, der größenwahnsinnige Arier-Mythologe Adolf Hitler in Deutschland, der großserbische Blut-und-Boden-Nationalist Slobodan Milosevic und viele andere Massenmörder.

Staatsbürger, die nicht der Staatsnation angehörten, waren dann grundsätzlich der Illoyalität und des potenziellen Vaterlandsverrats verdächtig: die Deutschböhmen und die Ungarn in der Tschechoslowakei, die Albaner in Jugoslawien, die Ungarn in Rumänien, die Armenier und die Kurden in Kleinasien, die Slawen in Griechenland. Aber verdächtig sind nach der Logik des Nationalismus immer auch jene Menschen, die eine größere und höhere Loyalität kennen als die zu ihrer Nation: die Juden, die in der weltweiten Diaspora ihre eigene Identität durch Jahrhunderte bewahrten, die Katholiken, die dem Papst in Rom einen tieferen und persönlicheren Gehorsam schulden als ihrer Nation oder Regierung, die Muslime, die – wie die Christen – darum wissen, dass der Gläubige Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.

Das multireligiöse und multiethnische Österreich-Ungarn kannte kleine und große Nationalitäten; das multireligiöse und multiethnische Osmanische Reich kannte „Millets“ unterschiedlicher Größe und Konfession. Doch erst mit dem Zeitalter des Nationalismus wurden daraus Minderheiten, die von ihrer Staatsnation nicht als Bereicherung oder Beitrag zur Vielfalt, sondern als Bedrohung und nützliches Feindbild betrachtet wurden. Drei Wege, damit umzugehen, hat der Nationalismus im 20. Jahrhundert ersonnen: die Wege der Assimilierung, der Unterdrückung und der Vertreibung. Der italienische Nationalist Benito Mussolini kam nicht auf die Idee, Südtirol an Österreich zurückzugeben, um so Italien italienischer zu machen, sondern er siedelte Italiener aus dem Süden an, um Südtirol italienisch zu machen. Als sich Hitler und Mussolini dann zusammengefunden hatten, stellten die beiden Nationalisten die Südtiroler 1939 vor eine mörderische „Option“: Italienisierung in der eigenen Heimat oder Auswanderung ins Deutsche Reich zur Bewahrung des Deutschtums. Beide Diktatoren hatten die Identität der Tiroler südlich des Brenner völlig verkannt, und so blieb die einzig gerechte Lösung undenkbar: Heimatrecht unter Wahrung der eigenen Identität.

Aus der fatalen Allianz der Nationalisten wächst eben kein Europa, wie die Addition von Nationalstaaten alleine noch keine Europäische Union ergibt. Erst ein europäischer Geist kann begreifen, wie der Südtiroler dank seiner österreichischen Herkunft und durch seine Tiroler Identität eine Bereicherung Italiens ist. Erst durch Überwindung des nationalistischen Gedankens, der in der Nachbarnation eine Gefahr, Barbarisierung und Bedrohung sieht, kann der Serbe als legitimer Teil und Bereicherung des Kosovo gesehen werden, der Szekler als Teil und Bereicherung Rumäniens, der Pole als Teil und Bereicherung der Ukraine.

Ruht die Größe einer Nation in ihrer Homogenität, dann muss die Politik zur permanenten Vergewaltigung der eigenen Geschichte, der Kultur, der Regionen, der Volksgruppen und ihrer Traditionen schreiten. Doch nicht nur traditionell föderative Staaten wie Spanien, Kroatien, Italien oder Deutschland spiegeln eine bunte Vielfalt an Mentalitäten, Dialekten und Traditionen. Auch Frankreich, die Ukraine, Serbien, Polen oder Griechenland sind bei genauer Betrachtung Mosaike, deren Vielfalt als Reichtum verstanden werden darf. Dann aber muss man die Logik des Nationalismus, der mit der vermeintlichen Reinheit des Blutes oder der Geschichte argumentiert, umkehren: Gerade die Tatsache, dass es in Europa keine „reinen Rassen“ oder homogenen Nationen gibt, hat diesem Erdteil seinen kulturellen Reichtum beschert, der durch die Wiederentdeckung Europas vom Schutt der Ideologie des Nationalismus freigelegt werden kann.

Der Nationalismus des 20. Jahrhunderts feierte sein erstes großes Hochfest im Ersten Weltkrieg, als jubelnde Massen in vielen Staaten Europas euphorisch in das Völkermorden zogen, dann nochmals im Zweiten Weltkrieg, der mit national-rassistischen Parolen vorbereitet worden war, dann schließlich in den großserbischen Eroberungskriegen des Slobodan Milosevic, deren rassistische Komponente unverkennbar war. Der Nationalismus dieses vergangenen saeculum obscurum feierte seine Hochfeste in der Vertreibungen angestammter Volksgruppen, in ethnischen Säuberungen, in der Unterdrückungen kleiner Nationalitäten – und in Grenzverschiebungen.

Gegen jede neue Grenze in Europa, gegen jede Grenzverschiebung gibt es gute und wahre Argumente, wie es auch gegen so manche heutige Grenze gute und wahre Argumente gibt. Doch die Massenmorde, Bürgerkriege und Bruderkriege, Vertreibungen und Unrechtsakte eines Jahrhunderts lassen sich nicht revidieren durch revanchistische oder antirevanchistische Grenzziehungen. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg hatte der junge Richard Coudenhove-Kalergi erkannt, dass es nur eine Möglichkeit gibt, den Grenzen ihren Unrechtscharakter zu nehmen: indem man ihnen ihren trennenden Charakter nimmt.

Wenn die italienische Staatsbürgerschaft für Südtiroler heute kein Problem ist, weil die Brenner-Grenze weder politisch noch kulturell noch rechtlich noch wirtschaftlich einen trennenden Charakter hat, seit Österreich und Italien in der Europäischen Union, im Euro- und im Schengen-Raum vereint sind, warum sollten dann Slowenien und Kroatien um die Seegrenze in der Bucht von Piran streiten? Warum suchen Serben und Kosovo-Albaner nicht eine neue gemeinsame Heimat im vereinten Europa? Weil ein letzter, aber entscheidender Schritt vom Praktischen ins Philosophische noch fehlt: Die Einteilung Europas in homogene, geschlossene Nationalstaaten ist nicht nur praktisch unmöglich, sondern unvereinbar mit Europas Wesens.

Die Nation ist eben kein lebendiges Wesen mit Identität und Persönlichkeit, keine Person (oder Über-Person) mit unveräußerlichen Rechten. Sie ist keine Sprachgemeinschaft (wie man in Frankreich lange dachte) und keine Blutsgemeinschaft (wie die Nazis meinten), sondern eine dem Werden und Vergehen, dem Wandel unterworfene Gemeinschaft des Geistes. Die Frage, ob es eine syrische, libanesische, jordanische und palästinensische Nation gibt – oder nur eine arabische, ist nicht objektiv, sondern nur subjektiv beantwortbar. Die Frage, ob es eine schweizerische oder eine österreichische Nation gibt, ebenso. Coudenhove-Kalergi hatte die Lösung bereits 1923, indem er die „Nation zur Privatsache jedes Menschen“ erklärte: „Die künftige Trennung von Nation und Staat wird eine ebenso große Kulturtat sein wie die Trennung von Kirche und Staat. Der Begriff eines Staatsvolkes wird sich ebenso überleben wie der Begriff einer Staatskirche, und dem Grundsatz weichen: die freie Nation im freien Staate.“

Das ist kein Plädoyer für den europäischen Einheitsmenschen, denn Europa ist ein Mosaik – kein Cocktail! Heute schon können Südtiroler als leidenschaftliche Tiroler und bekennende Alt-Österreicher mit italienischem Pass und italienischer Steuernummer ihre Identität in ihrer angestammten Heimat entfalten. Warum sollten die Serben in Nord-Bosnien und Nord-Kosovo, die Polen im Baltikum und in der Ukraine, die Ungarn in der Slowakei und in Rumänien, die Türken in Griechenland und in Bulgarien nicht eines Tages die gleiche Selbstverständlichkeit genießen, freie Europäer in ihrer eigenen Heimat zu sein?

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