Die Liebe zu einem heiligen Ort

Das erste Kirchliche Filmfestival eröffnete in Recklinghausen mit einem Dokumentarfilm über die Jerusalemer Grabeskirche

In Verbindung mit der Kulturhauptstadt Europas 2010 war es offensichtlich möglich, ein erstes Kirchliches Filmfestival auf die Beine zu stellen. So geschehen kürzlich in Recklinghausen in Zusammenarbeit mit evangelischen und katholischen Filminteressierten, mit der Stadt Recklinghausen, deren Bürgermeister Wolfgang Pantförder mit dem katholischen Stadt- und Kreisdechanten gar einen Kinderfilmpreis ausgelobt hatte (Vorstadtkrokodile, Deutschland 2009, Regie: Christian Ditter). Die angekündigte „erste“ Garnitur der Kirchenvertreter ließ sich zwar entschuldigen, aber der dankenswerterweise anwesende Superintendent Peter Burkowski fand ebenso anerkennende und ermunternde Grußworte wie Weihbischof Friedrich Ostermann aus Münster. Burkowski zitierte Kafka mit dessen Tagebucheintrag „Im Kino gewesen, geweint“ und unterstrich damit das emotionale Erleben im Kino, das er auch für dieses Festival erhoffe. Der emeritierte, gleichwohl sehr muntere katholische Weihbischof lobte die Beharrlichkeit und den Mut, ein solches Filmfestival zu organisieren – Planung und Organisation: Institut für Kino und Filmkultur e.V. (IKF), Arbeitskreis Kirche & Kino. Immerhin habe Münster, die Stadt des Bischofssitzes, das bisher noch nicht fertiggebracht.

Die Eröffnungsfeier brachte zahlreiche Interessierte, Filmschaffende und Mitwirkende im Cineworld zusammen. Zunächst zum ersten Austausch im Foyer und im Anschluss daran zur Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ von Hajo Schomerus. (DT vom 23.3) und dem XVerleih, unter dessen Fittichen auch vor Jahren schon „Die große Stille“ über die Große Karthause Erfolge gefeiert hatte. Es war gelungen, zwei Interviewpartner aus Jerusalem zur Premiere zu bringen, darunter den armenischen Oberen der Grabeskirchenkommunität Father Samuel Aghoyan, der vom armenischen Bischof in Deutschland, Garegin Bekdjan aus Köln, begleitet wurde. Nach dem Film war Raum für einen sehr lebendigen Austausch zwischen dem Publikum und den anwesenden Gästen unter der Moderation des künstlerischen Leiters des Festivals, Horst Walter vom Institut für Kino und Filmkultur e. V. Es galt ein Fülle von Sachfragen zu beantworten, die der Film aufgeworfen hatte. Einige Besucher zeigten sich beeindruckt von der unparteiischen Herangehensweise des Regisseurs an das wahrlich komplexe Thema.

Schomerus konnte berichten, dass ihn die Kirche und ihr buntes Leben einfach bei früheren Besuchen fasziniert habe, und die Unebenheiten und Brüche im Miteinander oder auch Gegeneinander der beteiligten Konfessionen ihn nicht von dem Vorhaben eines Dokumentarfilms abgebracht hätten. Er sehe in der gelegentlich auftretenden Friedlosigkeit in dieser heiligsten Stätte der Christenheit auch eher eine Parabel für die Ungereimtheiten und Brüche in dieser Welt. Die anwesenden armenischen und lateinischen Ordensmänner sprachen gar von der Liebe zu diesem Ort, der geheiligt sei durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Diese Erinnerung sei das Entscheidende, und der bisweilen spürbar werdende Zwist sei durchaus eine andauernde Mahnung zur Einheit der Kirche, die Christus will. Sich in vorgeblicher Brüderlichkeit als einzelne Konfession aus der Kirche zurückzuziehen, sei nicht zwingend ein Ausdruck von Liebe, die eben auch bereit sein müsse, Spannungen auszuhalten. Wenn auch beim ersten Anschauen des Films gelegentlich der Eindruck des puren Chaos in der Grabeskirche entstanden sein mag, so erzeugt er doch eine tiefe Nachdenklichkeit über Konflikt und Streit im Licht des christlichen Glaubens. Dem selbst kameraführenden Regisseur ist es in sympathischer Weise gelungen, mit seinem Werk vermutlich nicht nur in Recklinghausen zum Austausch darüber anzuregen. Über Filme, ihre Aussagen und Anregungen ins Gespräch zu kommen, galt als erklärtes Ziel der Organisatoren des Kirchlichen Filmfestivals. Die Filme, die in Recklinghausen gezeigt wurden, boten die Möglichkeit des anschließenden Filmgesprächs zwischen Zuschauern und Regisseuren und Drehbuchautoren: „Losers and Winners“ (als Gast: Regisseur Michael Loeken), Vorfilm: „Der Hahn ist tot“ und Hauptfilm „Vaya con Dios“ (Regisseur Zoltan Spirandelli), ein Film zum Weltgebetstag der Frauen aus Kamerun „Sisters in Law“, „Die Päpstin“ (Regisseur Sönke Wortmann), der mit dem Filmpreis bedachte Film „Die Fremde” (Regisseurin Feo Aladag), „Simons Geheimnis“, „Swetlana“ (Drehbuchautorin Ulrike Maria Hund), „Vorstadtkrokodile“ (2009), „Zeche is nich“ (Regisseur Johannes F. Sievert) und schließlich „Waffenstillstand“ (Regisseur Lancelot von Naso).

Dem 1. Kirchlichen Filmfestival ist die Fortsetzung in kommenden Jahren zu wünschen. Vielleicht kann dann auch etwas mehr vorbereitende Sorgfalt auf die Erstellung der gedruckten Informationsflyer gelegt werden, denn es gibt etwa wirklich keine „franziskanisch-lateinische Kirche“, und „die Griechisch-Orthodoxen verteidigen“ nicht „rauhbeinig den Vordereingang“ der Heilig-Grab-Kammer, denn die Aufsicht wechselt regelmäßig. Ob die im Film dokumentierten Handgreiflichkeiten zwischen Griechen und Armeniern an einem der vergangenen Palmsonntage, die in Interviews erklärt werden, als „absurde Schlachten religiöser Leidenschaft“ (so im Flyer) bezeichnet werden können, mag der Filmbesucher später selbst entscheiden. Zumindest sei nicht vergessen, dass auch in jenem Jahr 364 Tage zwischen den Konfessionen in der Grabeskirche ein durchweg schiedlich-friedliches Miteinander-Auskommen herrschte. Allemale lohnt es sich, aufmerksam und einfühlsam hinzuschauen. Das kann unbedingt bei dem schon mit dem Prädikat „besonders wertvollen“ ausgezeichneten Film „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ empfohlen werden. Offizieller Kinostart war am Festtag Mariä Verkündigung.

Themen & Autoren

Kirche

Auch für die Ukraine kann man das Undenkbare denken. Die Liturgie und der Papst, der Umbau der Gesellschaft und eine Philosophie des Weines finden sich in der neuen Ausgabe der Tagespost.
06.07.2022, 17 Uhr
Redaktion
Eine Franziskanerinnenkongregation aus Kamerun ist bereit, ins Berliner Kloster St. Gabriel einzuziehen. Dadurch würde die Umwidmung der Anlage für säkulare Zwecke verhindert.
06.07.2022, 14 Uhr
Vorabmeldung
Der heilige Anselm von Canterbury (1033–1109 wollte die Vernünftigkeit des Glaubens der Kirche erweisen. 
06.07.2022, 07 Uhr
Marius Menke
Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt