Die Gesellschaft braucht den Gottesbezug

Das wiederentdeckte Frühwerk des amerikanischen Rechtsphilosophen John Rawls, mit einem Nachwort von Jürgen Habermas. Von Alexander Riebel

Die Aufklärung ist längst kein Thema mehr, in der heutigen Philosophie geht es nicht mehr um reine Vernunft, eher um keine Vernunft. Übriggeblieben ist eine empirische Rationalität, die aber nicht mehr mit dem Anspruch, Vernunftprinzip zu sein, auftritt. An die Stelle von Prinzipien ist die Untersuchung der Intersubjektivität getreten, die völlig metaphysikfrei auch verhaltenspsychologische und soziale Motive miteinbezieht. Und die Fragen nach gültigen Normen für das Handeln ist durch den Gedanken der Fairness ersetzt.

Damit ist die Welt umrissen, in der John Rawls (1921–2002) philosophiert hat, der Professor für Philosophie an der Havard University war. „Gerechtigkeit als Fairness“ war für Rawls das Konzept, auf das Person und Gesellschaft verweisen. Eine Gesellschaft müsse also die Rahmenbedingungen herstellen, die für jeden Bürger gleichermaßen gut sind, unangesehen der Herkunft oder konkreter Besonderheiten und Interessen der Person. Dieser „Schleier der Unwissenheit“, mit dem man dem Einzelnen gegenübertreten soll, versteht Rawls als ein Relikt des kategorischen Imperativs. Doch kurz nach seinem Tod machte Professor Eric Gregory vom Princeton Religion Department eine aufsehenerregende Entdeckung. Er fand in der Bibliothek seiner Universität die Bachelor-Abschlussarbeit von Rawls aus dem Jahr 1942 mit dem Titel: „Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube: Eine Auslegung anhand des Begriffs der Gemeinschaft.“ Mit dem Begriff der Gemeinschaft konnte Rawls an der aktuellen Sprachanalytik anknüpfen, das Revolutionäre war aber deren Einbettung in der Religion. Ein Gedanke, der jetzt erst ein neues Licht auf das Gesamtwerk des Denkers wirft. „Die Abschlussarbeit des Studenten“, schreibt Jürgen Habermas in seinem Nachwort, „enthält auch Motive für die spätere Erkenntnis, dass die Säkularisierung der Staatsgewalt nicht mit der Säkularisierung der Bürgergesellschaft verwechselt werden darf. Rawls' einzigartige Stellung in der Tradition des Vernunftrechts verdankt sich der systematischen Berücksichtigung des weltanschaulichen Pluralismus.“

Nach Rawls sind für den Menschen vier Grundbedingungen entscheidend: Gott, Personalität, Gemeinschaft und die Natur. Ethische und religiöse Fragestellungen sind also engstens verbunden, wobei Rawls ausdrücklich gegen die „natürliche Ethik“ die „christliche oder gemeinschaftliche Ethik“ setzt. Selten liest man bei einen Denker des politischen Liberalismus derartige Bekenntnisse zum Glauben, die auch stellenweise sprachlich an eine Predigt erinnern: „Da der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde, ist er ein verantwortungsvolles Wesen und eine Persönlichkeit mit Verpflichtung. Die Ebenbildlichkeit ermöglicht es dem Menschen, auf Gottes Ruf zu antworten, Seine Liebe zu erwidern, an Gott zu glauben und, so Gott will, mit Ihm zu leben. Sie ist die Grundlage der menschlichen Moralität... Christliche Moralität ist eine Moralität der Gemeinschaft, sei es die irdische oder die himmlische Gemeinschaft.“

Wie schon angedeutet kommt Rawls ohne eine rationale Prinzipientheorie aus, etwa wenn er die Person nicht durch Identität oder ähnliche Kategorien erklärt, sondern über Gefühle oder den Körper. In einer personalen Beziehung müsse sich eine Person über durch Übereinkunft festgelegte Sinnesdaten äußern: „Wir sind davon überzeugt, dass der Körper eines der für Kommunikation notwendigen Zeichen ist.“ Die Zeichen der Körper ermöglichen die Gemeinschaft und die Bibel habe Recht darin, dass wir in „irgendeiner Art Körper“ auferstehen, um auch im „geistigen Reich des Himmels“ zur Kommunikation fähig zu sein. Und Rawls deutet schon das Vorhandensein der irdischen Körper als ein Hindernis, rein teuflisch zu sein, was nur dem Teufel selbst möglich sei. Sehr lesenswert sind auch die ausführlichen Kommentare Rawls' zu Augustinus, zu dessen Sündenlehre oder etwa zu Platon. Immer aber steht für den Philosophen das persönliche Gottesverhältnis im Mittelpunkt. An diesem hängt auch die Gemeinschaft. Wenn die Gemeinschaft ihr Verhältnis zu Gott verliert, zerstört sie sich selbst. Alle personalen Beziehungen hängen deshalb miteinander zusammen, „weil wir alle vor Gott existieren“. Daraus „schlussfolgern wir, dass Religion und Ethik nicht voneinander zu trennen sind“. Der Einzelne kann sich in seiner Rolle als Verantwortlicher für seine Taten nicht vertreten lassen, er muss Rechenschaft im Angesicht Gottes ablegen. Diese Bürde macht den Einzelnen zu einer unverwechselbaren und unantastbaren Person.

Ein beinahe siebzig Jahre altes Buch, das auf der Höhe der Zeit ist.

John Rawls: Über Sünde, Glaube und Religion. Mit einem Nachwort von Jürgen Habermas. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2010, 344 Seiten, ISBN-13: 978-3518585450, EUR 26,90

Themen & Autoren

Kirche

Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Dass der US-Supreme-Court „Roe vs. Wade“ gekippt hat, war zweifelsfrei ein Sieg für den Lebensschutz. Sich von den Mächtigen der Welt das Heil zu erwarten, ginge aber an der Wirklichkeit vorbei.
05.07.2022, 07 Uhr
Rudolf Gehrig
Wer lernt, überlebt: Was die Kirche in Deutschland vom Weltfamilientreffen mitnehmen sollte.
02.07.2022, 07 Uhr
Franziska Harter