Die Frage nach der Freiheit bleibt drängend

Zu den Risiken und Nebenwirkungen eines modernen Lieblingsbegriffs – Der Philosoph Otfried Höffe klärt Probleme der heutigen Gesellschaft. Von Barbara Stühlmeyer

Freiheit ist ein Lieblingsbegriff unserer Zeit, einer, den wir engagiert gegen alle Angriffe verteidigen. Wer sich freiwillig band, musste lange Zeit mit einem spöttischen Lächeln rechnen, zumindest, wenn es dabei um etwas so exotisch Gewordenes wie lebenslange eheliche Treue zu einem Ehepartner ging. Die Fürsorge für ein behindertes Kind oder die Pflege eines demenzkranken Angehörigen hingegen brachte zumeist Hochachtung ein. Aber nicht uneingeschränkt, denn manche sind angesichts pränataler Diagnostik und inzwischen nahezu schrankenlos praktizierter Euthanasie in europäischen Nachbarländern auch so rückhaltlos, es auszusprechen: „Das müsste doch nicht sein“, wobei mit „das“ von Gott gewollte und geliebte Menschen gemeint sind, deren Recht auf Liebe und Fürsorge infrage gestellt wird.

Andere Freiheiten wie die, sich zu kleiden wie man möchte, seine Identität zu definieren oder eine Ehe mit einer Minderjährigen aufrechtzuerhalten, weil es im Herkunftsland nicht verboten ist, sind nach wie vor zu haben. Es gibt also eine Menge guter Gründe, die Frage des Pilatus abwandelnd, zu fragen, was Freiheit eigentlich sei, welche Rolle sie in der Geschichte der Moderne, die so entscheidend mit dem Freiheitsbegriff und der Forderung nach diversen Freiheiten verbunden ist, spielt und wie sich der Begriff der Freiheit im Laufe der Geschichte verändert hat. Im Sinne Kants widmet sich der Philosoph Otfried Höffe einer grundlegenden Kritik der Freiheit. Freiheit gilt zum einen als das höchste Gut, sie bedarf aber angesichts ihrer Gefährdungen und ihrer Bipolarität, wenn sie Grenzen überschreitend gefordert, die Freiheiten anderer einschränkt oder beschädigt, einer Definition, die per se auch Einschränkungen eben dieser Freiheit mit sich bringt. Bereits hier macht Höffe klar, dass ungeachtet der engen Verbindung von Freiheit und Moderne die Wurzeln ersterer weit tiefer reichen, die Moderne die Freiheit mithin nicht erfunden hat, sondern vielmehr für sich in Anspruch nimmt, sie zur Vollendung gebracht zu haben; ein Postulat, das Höffe dankenswerterweise ebenfalls einer kritischen Sichtung unterzieht. Wegweisend ist hier der Gedanke, dass die Moderne zwar in vielfacher Hinsicht vom Freiheitsgedanken inspiriert ist, aber eben keinen Alleinvertretungsanspruch für deren Realisierung erheben kann. Dies ist schon deshalb nicht möglich, weil, wie ein Blick in die philosophischen Quellen, die der Autor so gut kennt, zeigt, dass es kein homogenes Freiheitsverständnis gibt, sondern wir vielmehr mit einer Vieldeutigkeit des Prinzips zu rechnen haben. Höffe gibt dem Leser einen Einblick in die Ideengeschichte, um den Facettenreichtum des Freiheitsbegriffs zu verdeutlichen. Sophokles lässt sich seine Antigone die Freiheit nehmen, unter Berufung auf die „ungeschriebenen Gottesgebote, die wandellosen, die nicht von heute oder gestern stammen“, gegen das Gesetz zu verstoßen. Etymologisch hat „frei“ die Bedeutung „mit freiem Hals“, in kein Joch gespannt, meint aber auch „lieb“, „Freund“ und umgreift das Schützen dessen, was einem lieb ist. Die griechische Antike versteht im Freisein zunächst die Möglichkeit, um seiner selbst und nicht um eines anderen willen zu leben, womit Höffe ganz unauffällig darauf hinweist, das der Gedanke vom Menschen als Selbstzweck keine Erfindung der Neuzeit ist.

Für den heutigen Freiheitsbegriff, der von vielen immer noch mit schrankenloser Selbstverwirklichung gleichgesetzt wird, geradezu revolutionär ist der Freiheitsbegriff der griechischen und römischen Antike, der impliziert, dass es das Privileg des Freien ist, vollwertiges Mitglied des Gemeinwesens zu sein, die Freien mithin im selben Boot sitzen und die Solidarität daher eine natürliche Folge des gemeinsamen Freisein ist. Dass die Polis ebenfalls Selbstzweckcharakter besitzt und somit ein Lebensraum für innere wie äußere Freiheit ist, sei nur am Rande bemerkt. Bemerkenswert und ein Grund für tieferes Nachdenken ist der Bedeutungswandel des Freiheitsbegriffes hin zu einer inneren Freiheit innerhalb der Stoa in einem Moment, in dem die griechische Polis ihrer Freiheit bereits verlustig gegangen war. Diese apolitische Bedeutung übernimmt das Christentum, spezifiziert sie jedoch entscheidend, indem der Mensch durch die Erlösung in Jesus Christus von der Sünde und dem Verfallensein an den Tod befreit wird, was aber nicht notwendig mit äußerer Freiheit korreliert, wie bereits der Brief an Philemon und im weiteren der Umgang mit Unfreien seitens der Kirche im Laufe der Geschichte verdeutlicht.

Höffe entfaltet seine Kritik der Freiheit in vier detailliert untergliederten Hauptteilen, deren erster Teil der Freiheit von Naturzwängen gewidmet ist, mit der in den letzten Jahren scheinbar wachsenden Allmacht der Technik. Brillant und innovativ sind die Unterkapitel über den Freiheitsbegriff in der Medizin in den Bereichen Lebensende, also Sterbebegleitung kontra Euthanasie, Lebensanfang, konkret reproduktive Autonomie und Präimplantationsdiagnostik. Hier finden Lebensschützer eine, wenngleich nicht in jedem einzelnen Punkt zu teilende, so doch ausgesprochen sorgfältige sprachanalytische und philosophische Grundlage für die notwendigen Auseinandersetzungen, in der der Autor immer wieder mit ironischer Lässigkeit auf die offenkundigen, aber selten zugegebenen logischen Lücken in der aktuellen Debatte hinweist. Der zweite Hauptteil widmet sich dem Freiheitsbegriff in Wirtschaft und Gesellschaft, der dritte dem in Wissenschaft und Kunst, der vierte der politischen Freiheit und der fünfte und letzte der Freiheit der Person.

Höffes Kritik der Freiheit bietet genau das, was man von diesem Autor erwartet: eine grundlegende, quellenbasierte und gedankenreiche Studie, nach deren Lektüre man sich gut gerüstet in die gegenwärtigen Debatten einschalten kann.

Otfried Höffe: Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne. C. H. Beck, München, 375 Seiten, ISBN 978-3-

406-67503-4, EUR 29,95

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