Die dunkle Seite des Internets

Im sogenannten "Darknet" werden Verbrechen geplant und organisiert, bezahlt und durchgeführt. Von Josef Bordat
Illustration - Computer-Hacker
Foto: IN | Tummelplatz für Kriminelle, Schutzraum für Dissidenten: das Darknet.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. So hat eine nützliche, das Leben einfacher und bequemer machende Errungenschaft wie das Internet seine Schattenseite: das Darknet. In den Sonntagsabendkrimi hat es längst Einzug erhalten und auch in den Nachrichten ist zunehmend vom Darknet die Rede, wenn es um besonders schlimme Verbrechen wie Drogenhandel und Kindesmissbrauch, Auftragsmorde und Terroranschläge geht. Waffen- und Drogenhändler, aber auch Pädophile nutzen die technischen Möglichkeiten, die das Darknet bietet, für ihre kriminellen Zwecke. Waren und Dienstleistungen wechseln anonym den Besitzer, bezahlt wird mit Krypto-Währungen wie dem Bitcoin.

Dabei ist das Darknet selbst nicht illegal (die Frage ist, ob es überhaupt „verboten“ werden könnte), sondern immer nur die einzelne Transaktion, der konkrete Chatinhalt, die versendete Datei mit kriminellem Material. Der Aufenthalt im Darknet ist für jeden möglich und bleibt legal wie ein Besuch im Straßencafé – solange man eben nichts Illegales tut. Freilich suchen insbesondere Menschen das Darknet auf, um dort Dinge zu tun, die sie in einem Straßencafé nicht tun würden. Weil das Betreten der dunklen Seite technisch nicht ganz unkompliziert ist, kann man den Usern eine starke Motivation unterstellen. Im Darknet landet man nicht „einfach mal so“.

Die Motivation, nicht entdeckt zu werden, anonym zu bleiben, kann jedoch auch dem Umstand geschuldet sein, dass man sich und seine Angehörigen schützen will. Darknet-User sind nicht immer potenzielle Täter, sondern oft genug auch potenzielle Opfer. Etwa Intellektuelle, die investigativ arbeiten und Missstände in autoritär regierten Ländern aufdecken, die davon nicht gerne in der Zeitung lesen. Chinesische Dissidenten benutzen Darknet-Netzwerke genauso wie Journalisten, die zur Lage in Russland oder in der Türkei arbeiten, oder Whistleblower aller Couleur. Für sie ist die Schattenseite ein Lichtblick, ermöglicht sie doch, unentdeckt zu recherchieren und zu schreiben, Texte online zu setzen, ohne Datenspuren zu hinterlassen, kurz: in Sicherheit der Arbeit nachzugehen.

Wie funktioniert das nun? Wie bereits geschrieben: Es ist nicht ganz so einfach. Wenn man im „weißen“ oder „hellen“ Teil des Internet eine Seite anwählt, dann gibt man ihre Adresse in ein bestimmtes Feld ein und jeder herkömmliche Browser bringt die Seite daraufhin zu Gesicht. Ganz simple, im wahren Sinne des Wortes: kinderleicht. Wer schreiben kann, kann auch Internet. Das Darknet hingegen ist nur über eine spezielle Software zu erreichen, etwa den sogenannten „Tor-Browser“. Der lässt sich bei verschiedenen Anbietern bekommen und sichert zunächst nur den anonymen Zugang zum Netz. Er lässt sich auch als Alternative zu den bekannten Browsern im Internet verwenden, wenn man nicht will, dass ganz „normale“ Suchaktivitäten nachvollzogen werden können.

Tor nutzt dafür eine Technik namens „Onion Routing“. Anfragen werden dabei auf wechselnden Routen über verschiedene Server umgeleitet, die jeweils nicht das eigentliche Ziel kennen. Nach dem Passieren verschiedener Stationen gelangt die Kommunikation über einen Exit-Knoten wieder ins Netz. Damit ist man aber noch nicht am Ziel. Wer nach dunklen Seiten sucht, braucht deren Adresse – wie bei Domain-Adressen des Internets auch. Nur bestehen die sogenannten „Hidden-Service“-Adressen aus langen Zahlen- und Buchstabenkombinationen und enden auch nicht auf einer Länderkennung (etwa .de oder .at) oder auf einer der üblichen Adresszusätze (wie .com oder .org), sondern auf „.onion“. Derzeit gibt es über 50 000 „.onion“-Adressen. Das beste ist wohl, man stellt sich das Darknet als eine Art virtuelles Hinterzimmer vor, das nur über ein Codewort betreten werden kann. Dieser ominöse Raum ist aber nicht nur abgeschieden und besonders gesichert, sondern auch – und das ist entscheidend – technisch anders aufgebaut als der Teil des Netzes, den wir alle nutzen. Während die .de- oder .com-Internetseiten auf großen Servern liegen, die gigantische Datenzentralen bilden, auf die alle User gleichermaßen zugreifen, gelangt der Darknet-User auf die Darknet-„.onion“-Adresse durch Eintritt in ein Netzwerk miteinander verbundener Einzelrechner. So entstehen exklusive Kreise, die User nicht einfach per Suchmaschine finden können.

In diesem dezentralen System kann nicht mehr kontrolliert werden, wer gerade mit wem in Verbindung steht und was dabei ausgetauscht wird, weil die ohnehin verschlüsselt übertragenen Daten nicht mehr über eine gemeinsame Stelle laufen, die für Behörden zugreifbar und auch konfiszierbar wäre. Die Handelnden in diesen kleinen Netzen können nun Kinderschänder, Drogendealer oder investigative Journalisten sein. Ihnen allen gemein ist, dass sie unbeobachtet sein wollen – die einen, um schwerste Verbrechen zu begehen, die anderen, um darüber aufzuklären. So hat das Darknet am Ende also auch eine positive Seite: Es stärkt die Freiheit, die der Presse, aber schließlich auch die der Gesellschaft. Zumindest kann es dafür verwendet werden. Über Gut und Böse entscheidet letztlich eben doch der Mensch, nicht die Maschine – sei sie hell oder dunkel.

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