Der unbequeme Analytiker

Elitenkritik: Zum 90. Geburtstag des von Noam Chomsky. Von Barbara Stühlmeyer
Literaturdienst - Noam Chomsky
Foto: dpa | Wer seine Vorannahmen nicht thematisiert, verfehlt die Wahrheit: Der Linguist und Informatiker Noam Chomsky im Büro seines Technologieinstituts in Massachusetts.

Noam Chomsky, der am 7. Dezember seinen 90. Geburtstag feiert, ist heute vor allem durch seine fundamentale Kritik an der US-amerikanischen Politik und den Medien bekannt. Das ist ungewöhnlich für einen Intellektuellen, der als Linguist, Kognitionswissenschaftler und Informatiker in Disziplinen tätig ist, die für gewöhnlich wenig öffentliches Interesse auf sich ziehen. Aber die messerscharfen Analysen des sprachgewandten Denkers haben ihn zu einem der bekanntesten Vertreter seines Faches gemacht. Was Chomsky auszeichnet ist, dass er nicht nur gründlich nachdenkt, sondern sich auch nicht scheut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, wie zum Beispiel die, dass viele Medien keineswegs objektive Berichterstattung betreiben, sondern vielmehr auf der Basis einer ungesunden Mixtur aus unhinterfragten Vorannahmen bereitwillig akzeptierten Denkverboten und selektiver Faktenauswahl arbeiten. Was er darunter versteht ist in seinem gerade neu erschienenen Buch „Kampf oder Untergang!“ nachzulesen und die Botschaft ist eigentlich nicht neu. Denn Chomsky zitiert hier George Orwell, jenen Zeitgenossen von C. S Lewis, der in seinen geradezu prophetischen Romanen „Animal Farm“ und „1984“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Bild einer Zukunft entworfen hat, die für uns vielfach traurige Gegenwart geworden ist. Einer jener Aspekte, die Orwell in „Die Farm der Tiere“ plastisch schilderte ist die stillschweigende Übereinkunft, bestimmte Fakten nicht mehr zu benennen. Ihre Grundlage ist, wie Orwell ausführte, eine „Sammlung von Ideen, die alle vernünftigen Menschen ohne jegliche Hinterfragung anerkennen“ und „jeder, der diese vorherrschenden Ideen in Frage stellt, wird mit überraschender Effizienz zum Schweigen gebracht“, ohne dass es dafür eines offiziellen Verbotes bedürfte.

Dass Vorannahmen das Denken bestimmen, ist keine neue Idee. Schon John Henry Kardinal Newmann schrieb darüber, wie zu seiner Zeit neu entstehende „assumptions“ das, was gesellschaftlich akzeptiert, was sagbar und machbar war, veränderten. Chomsky greift die These, dass Vorannahmen den gesellschaftlichen Diskurs, die Gestaltung der Politik und die Berichterstattung in den Medien beeinflussen auf und entwickelt sie entscheidend weiter. In seinem gemeinsam mit Edward S. Hermann 1988 veröffentlichten Buch „Manufactoring Consent“, auf Deutsch „Die Konsensfabrik“, beschreibt der Philosoph, wie seinem Analysemodell zufolge gesellschaftlicher Konsens systematisch zugunsten einer schmalen Elite generiert wird, ohne der Allgemeinheit die Illusion der Existenz freier Medien und demokratischer Meinungsbildung zu nehmen. Handlungsleitend sind in diesem System letztlich die Interessen der Konzerne, die sowohl Politik als auch Berichterstattung in ihrem Sinne lenken.

Wenn Sprache zerfällt, ist die Gesellschaft bedroht

Die Folgen des Mottos „profit over people“, das den pekuniären Gewinn höher achtet als die Würde des Menschen, sind ebenso drastisch, wie derzeit allenthalben zu beobachten. Gemeinwesen werden atomisiert, die Umwelt wird lebensfeindlich, die Natur zerstört. Als Lösung dieses weltweit zu konstatierenden Problems fordert Chomsky eine breite Beteiligung der Bevölkerung an der politischen Meinungsbildung.

Die Wurzeln jener ebenso wirkmächtigen wie luziden Mischung aus sprachlogischer Analyse und gesellschaftskritischem Impetus liegen bei Chomsky in der Familie. Als Kind einer jüdischen Einwandererfamilie prägte seine Mutter, eine weißrussische Aktivistin, ihren Sohn ebenso wie der als Professor für Hebraistik wirkende Vater. Antisemitismus war in dem Arbeiterviertel in Philadelphia, in dem Noam Chomsky aufwuchs, ebenso präsent wie das Elend der Fabrikarbeiter in der Folge der Depression der 30er Jahre. Chomsky beobachtete genau und er hörte zu, beispielsweise seinem mit sensitivem Gespür ausgestatteten Onkel, der die Kunden seines Zeitungskiosks höchstpersönlich über die damaligen gesellschaftlichen Entwicklungen informierte. Und auch, dass er selbst etwas tun wollte, um die Menschen um ihn herum wachzurütteln, wird früh deutlich. Chomsky ist zehn Jahre alt, als er in einer Schülerzeitung einen Leitartikel über den Aufstieg des Faschismus in Europa veröffentlicht, der so durchdacht formuliert ist, dass er ihn später als Grundlage für einen Essay verwenden kann, den er an der Universität von New York einreicht. Zunächst studiert er jedoch ab 1945 im Alter von nur 16 Jahren an der Universität von Pennsylvania Linguistik. Sein Beweggrund ist sehr viel schlichter als das intellektuell herausfordernde Sujet seiner Studien: Er will verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert und geht dabei von der Sprache aus. Zu Recht. Denn Sprache ist der Spiegel der Gesellschaft und wenn sie verfällt, ist dies nur ein erster Indikator für das, was wenig später allgemein sichtbar werden wird.

Dass wir es hier mit einem galoppierenden Prozess von gefährlichen Ausmaßen zu tun haben, ist die Überzeugung Chomskys. Und genau deshalb wurde er vom forschenden Intellektuellen zum politischen Akteur. Chomsky liefert – nicht zuletzt in seinem neuesten Buch, einem Gespräch mit Emran Feroz – Gründe dafür, „warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen“. Eine unabhängige Presse, die bestehende Vorannahmen kritisch prüft und offenlegt, ist dafür eine unerlässliche Vor-aussetzung. Denn nur sie macht, wie Chomsky zu Recht betont „der Öffentlichkeit jene Informationen und Meinungsvielfalt zugänglich, die für eine politische Partizipation sowie für das soziale und politische Leben im Allgemeinen notwendig sind“.

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