Der traumatische Verlust des Sohnes

Stimmungsbilder einer Familie nach einem Trauerfall: Caroline Links Spielfilm „Im Winter ein Jahr“

Mit ihrem Spielfilmdebüt „Jenseits der Stille“ (1996) wurde Caroline Link auf Anhieb weltberühmt. Denn „Jenseits der Stille“ gewann nicht nur den „Deutschen Filmpreis in Silber“, sondern brachte der deutschen Regisseurin eine Oscarnominierung ein. Den Oscar in der Kategorie „bester nicht-englischsprachiger Film“ konnte Caroline Link indes im Jahre 2003 für „Nirgendwo in Afrika“ gewinnen, nachdem sie 1999 Erich Kästners Klassiker „Pünktchen und Anton“ neu verfilmt hatte.

In ihrer vierten Regiearbeit ist Caroline Link dem Thema treu geblieben, dem sich ihre bisherigen Filme gewidmet haben: der Familie. Der nun anlaufende, auf dem Roman „Aftermath“ von Scott Campbell basierende Film „Im Winter ein Jahr“ handelt davon, wie eine Familie mit dem Tod des Sohnes umgeht.

Regisseurin Link erzählt diese Geschichte um Trauerbewältigung auf dem Umweg eines Doppelporträts, das Eliane Richter (Corinna Harfouch) beim bodenständigen Maler Max Hollander (Josef Bierbichler) in Auftrag gibt. Auf der Leinwand sollen ihre beiden Kinder Lilli (Karoline Herfuhrt) und Alexander (Cyrill Sjöström) ein letztes Mal vereint sein, nachdem der 19-jährige Alexander „im Winter vor einem Jahr“ ums Leben kam.

Als der italienische Regisseur Nanni Moretti 2001 in „Das Zimmer meines Sohnes“ von der Auseinandersetzung mit dem Tod in der Familie erzählte, konzentrierte er sich vor allem auf den Vater des bei einem Tauchunfalls ums Leben gekommenen Sohnes. In Caroline Links „Im Winter ein Jahr“ ist es die Mutter Eliane, die stundenlang im Zimmer ihres verstorbenen Sohnes sitzt. Denn die erfolgreiche Innenarchitektin, die zusammen mit ihrem ebenfalls beruflich sehr angesehenen Mann Thomas (Hanns Zischler) in einer Bilderbuch-Villa am Rande Münchens lebt, kann sich mit dem Tod ihres Sohnes, an dem sie sich schuldig fühlt, nicht abfinden. Thomas flüchtet sich in seine Arbeit – ihm gelingt es nicht, die Trauer seiner Frau zu verstehen, um dadurch ihre Ehe retten zu können.

Mehr noch als die Mutter steht allerdings Alexanders Schwester Lilli im Mittelpunkt von „Im Winter ein Jahr“. Die 22-Jährige studiert in München Tanz und Gesang. Eine kurze Romanze mit dem Künstler Aldo (Misel Maticevic) endet, ehe sie richtig begonnen hat. Und die Chance, in einem Musical die Hauptrolle zu übernehmen, verspielt sie wegen mangelnder Konzentration auch noch. Die von Karoline Herfuhrt sehr intensiv dargestellte Lilli ist mit der Bewältigung des Todes ihres Bruders restlos überfordert.

Dies zeigt sich bereits bei ihrem ersten Besuch bei Max Hollander: Lilli macht keinen Hehl daraus, dass sie von der Idee ihrer Mutter, den toten Bruder „als Dekoration“ an die Wand zu hängen, nichts hält. Im Laufe der Sitzungen, bei denen sie dem Maler Modell steht, gelingt es Max jedoch, zu Lilli eine Vertrauensbeziehung aufzubauen.

Nach und nach verlegt der Film seinen Mittelpunkt auf die überaus komplizierte Beziehung zwischen dem Maler und seinem Modell. In der Art, wie Caroline Link diese gestaltet, stellt sie ihr Geschick unter Beweis, Klischees zu umschiffen. Denn die behutsame Annäherung der beiden über den beträchtlichen Altersunterschied hinweg stellt sich als Vehikel heraus, ihren Verlust zu verarbeiten. Dies betrifft nicht nur Lilli, sondern auch Max, der ebenfalls in seiner Vergangenheit schmerzhafte Erfahrungen gemacht hat.

Dazu führt die Regisseurin aus: „In Scott Campbells Roman ist der Maler klar homosexuell, empfindet nur Freundschaft zu seinem Modell. Das fand ich für meine Hauptfiguren langweilig. Ich wünschte mir auch eine erotische Anziehung, eine Nähe zwischen Max und Lilli. Vielleicht ist der Altersunterschied zu groß, um wirklich eine Liebesgeschichte zu erzählen, aber die Seelenverwandtschaft ist spürbar, eine Sehnsucht nach Nähe.“

Wie bereits in „Jenseits der Stille“ wird es auch in ihrem neuen Film deutlich, dass Caroline Link ihre Figuren liebt. Dies zeigt sich nicht nur darin, wie die Kamera von Bella Halben sie regelrecht umschmeichelt, sondern auch in den authentisch wirkenden Dialogen. Zum stimmigen Produktionsdesign gehören insbesondere auch die eigens für „Im Winter ein Jahr“ geschaffenen Bilder des in München lebenden und international renommierten Künstlers Florian Süssmayr. Zum Gesamteindruck trägt ebenfalls der atmosphärische Soundtrack von Niki Reiser bei.

Mit einer leicht elliptischen Erzählweise und einer eleganten Bildsprache schafft es Caroline Link, das Stimmungsbild einer Familie zu skizzieren, die einen traumatischen Verlust zu verarbeitet hat.

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