Der Philosoph und der Filmemacher

Vittorio Hösle führt in die Filmästhetik von Eric Rohmer ein. Von José García

Wenn sich Philosophen mit Spielfilmen beschäftigen, dann untersuchen sie eher (dystopische) Zukunftsvisionen, etwa „2001 – Eine Odyssee im Weltraum“ (Stanley Kubrick 1968), „Blade Runner“ (Ridley Scott, 1982) oder „Matrix“ (Larry und Andy Wachowski, 1999).

Dass nun der deutsche, zurzeit an der University of Notre Dame in Indiana lehrende Philosoph Vittorio Hösle ein Buch über den bekannten Autor und Regisseur der Nouvelle Vague Éric Rohmer geschrieben hat, macht neugierig. Den Grund gibt Hösle im Vorwort an: „Wenn zahlreiche Philosophen ganz allgemein von Kunstwerken und in der jüngeren Vergangenheit besonders von Filmen fasziniert waren, dann deshalb, weil sie in vielen Kunstwerken auf kognitive Leistungen stoßen: Kunstwerke stellen Thesen über die Welt auf und darüber, was richtig und falsch ist.“ Warum aber gerade Rohmer? Für den Philosophen spielt eine wichtige Rolle, dass bei dem Katholiken Rohmer unter sonst fast nur Marxisten in dieser französischen Filmrichtung seine Hingabe an die Realität „in einer religiösen Ehrfurcht vor der Welt und einem tiefen Respekt vor der Würde jedes Menschen“ wurzele.

Dies unterscheide ihn übrigens von Woody Allen – über den Hösle 2001 ebenfalls eine Studie veröffentlichte: „Während beide Autoren über zahlreiche Eigenschaften der säkularen Welt spotten, liegt der Hohn nur bei Rohmer in einem religiösen Vertrauen begründet, nach dem sich Woody Allen vermutlich sehnt, doch das er selbst nicht besitzt.“

Die überladen und sperrig wirkende Untersuchung der verschiedenen Éric-Rohmer-Filme im Hinblick auf deren Darstellung der Erotik beziehungsweise des Liebeslebens ihrer Protagonisten durch Vittorio Hösle macht deutlich, dass der Rekurs auf „kognitive Leistungen“ nicht ausreicht, um Filmkunstwerken gerecht zu werden. Deshalb erweckt „Éric Rohmer. Einführung in seine Filme und Filmästhetik“ einen eher oberflächlichen Eindruck. Dies kontrastiert etwa mit Andrej Tarkowskijs Auffassung des Films, die der russische Meisterregisseur insbesondere in seiner theoretischen Abhandlung „Die versiegelte Zeit“ niederschrieb: „Mit Hilfe des Kinos können die kompliziertesten Fragen der Gegenwart auf einem Problemniveau aufgegriffen werden, das jahrhundertelang ein Arbeitsfeld von Literatur, Musik und Malerei war.“ Vittorio Hösle scheint ein solches Verständnis vom Film nicht zu haben.

Vittorio Hösle: Éric Rohmer. Einführung in seine Filme und Filmästhetik. Wilhelm Fink Verlag 2018, 190 Seiten, ISBN 978-3-7705-6243-5, EUR 24,90

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