Ungarn

Der König gilt als Gründer der ungarischen Kirche

Der Nationalheilige Stephan von Ungarn lebte die christlichen Ideale vor. Am 16. August ist sein Gedenktag.
Büste des heiligen Stephan im Königspalast von Budapest
Foto: Drouve | Büste des heiligen Stephan im neu hergerichteten Sankt-Stephanssaal im Königspalast von Budapest.

Was für ein Prunk im Sankt-Stephansaal des Königspalastes in Ungarns Hauptstadt Budapest! Massige Leuchter hängen von der Kassettendecke. Das Parkett setzt sich in formvollendeter Symmetrie aus Eichen-, Mahagoni- und Walnussholzstücken zusammen. Besucher federn in der Mitte über einen dunkelroten Läufer, schauen auf plüschige Sessel, Gemälde, einen Riesenspiegel, Dekors aus Bronze und Seide. Prachtstück ist der Keramikkamin mit kapitalen Maßen von 2,80 Metern Breite und 4,70 Metern Höhe. Er wiegt eineinhalb Tonnen und besteht aus 611 Teilen. Mittendrin prangt eine Büste vom Namensgeber des Saals: Stephan I. (um 969–1038), der erste König von Ungarn, der nationale Schutzheilige. Seinen Betrachtern blickt er – ein wenig zu streng geraten, so scheint es – als alter Mann mit schlohweißem Rauschebart entgegen. „Wir wissen allerdings nicht, wie Stephan wirklich aussah“, räumt Palastführerin Zuzana Weszelowszka ein.

Obgleich über ein Millenium vergangen ist seit seiner Krönung, hält die Verehrung von König Stephan ungebrochen an – was nicht nur der Sankt-Stephansaal untermauert, der seit letztem Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Dabei handelt es sich um eine Rekonstruktion nach Originalplänen des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Vorläufers, der Besucher erstmals bei der Pariser Weltausstellung 1900 beeindruckte.

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Wegbegleiter durch Budapest

„Die Verehrung Stephans ist grundlegend für das ungarische Selbstverständnis“, heißt es treffend im Ökumenischen Heiligenlexikon. In Budapest gerät er zum ständigen Wegbegleiter: hoch zu Ross in der Fischerbastei des Burgviertels, als weiteres Reiterdenkmal vor der Felsenkirche der Pauliner und als Büste drinnen unter Steingewölben, dazu das Original der Krone im streng bewachten Kuppelsaal des Parlamentsgebäudes und ein Replikat mit den Kronjuwelen aus Marzipan im Schokoladenmuseum des traditionellen Kaffeehauses Szamos. In der Sankt-Stephans-Basilika bewahrt ein Schrein das wichtigste Reliquiar, nämlich die heilige Rechte. Will heißen: die unverweste rechte Hand, die hinter der Glasscheibe deutlich erkennbar und kein Anblick für Genießer ist. Es wirkt regelrecht gespenstisch, wenn man den Schrein per Münzeinwurf für die Beleuchtung ins rechte Licht setzt. Die hoch erhobenen Finger könnte man fast für eine Vogelspinne halten.

Warum ein Potentat zum Heiligen aufsteigen konnte, fasst Führerin Weszelowszka zusammen: „Er führte das Königtum ein, begründete die ungarische Kirche und lebte das christliche Leben vor.“

„Der Stephanstag ist Feiertag.
Höhepunkte bei den Festlichkeiten in Budapest
sind die Prozession mit dem Reliquiar der heiligen Rechten
und das Feuerwerk am Abend“

Laut der gängigen Geschichtsschreibung hieß der König ursprünglich Vajk. Er war der Sohn des Arpadenfürsten Geza und dessen Gemahlin Sarolt und soll von einem Passauer Glaubensboten getauft worden sein; eine abweichende Version der Überlieferung besagt, dass später Bischof Adalbert von Prag die Taufe spendete. Fest steht, dass Stephan im Jahre 995 Gisela von Bayern heiratete, die Schwester des späteren römisch-deutschen Kaisers Heinrich II., und 997 die Regierungsgeschäfte von seinem Vater übernahm.

Gegen Ende des Jahres 1000 ließ er sich von dem mutmaßlich aus Prag gekommenen Abt Astrik zum König von Ungarn krönen, doch der Budapester Stadtführer Peter Balogh stellt Zweifel an der Datierung in den Raum. Im Winter herrschte damals schon Eiseskälte in dem osteuropäischen Land, was das Fortkommen beschwerlich bis unmöglich machte. Balogh, der sich eingehend mit dem heiligen Stephan beschäftigt hat, sagt: „Ich denke, es dürfte eher Ostern 1001 gewesen sein. Dann nämlich konnten die Stände aus dem ganzen Land problemloser zur Krönung kommen.“ Allerdings stand nicht jeder auf Stephans Seite; zur Zementierung seiner Macht und des Christentums bekämpfte er aufrührerische Stammesfürsten und jene, die weiterhin heidnischen Kulten nachhingen.

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Als die Dörfer gemeinsam Kirchen bauten

Die Fundamente von Ungarns Kirche schuf Stephan, indem er landesweit Diözesen ins Leben rief, darunter Esztergom, Veszprem und Pecs. Der hierarchische Aufbau verästelte sich weiter nach unten. „Alle zehn Dörfer mussten zusammen eine Kirche bauen und sich dazu finanziell zusammentun“, erklärt Peter Balogh, „es durften auch mehr Kirchen sein, aber nicht weniger.“

Zudem stiftete Stephan einige Benediktinerklöster, die er mit Geldern bedachte. Auf seine Bitte hin halfen ihm geistliche Persönlichkeiten bei der Unterstützung der Kirchenorganisation. Über den genannten Abt Astrik hinaus kam Gerhard von Csanad (um 980–1046) aus Italien und wurde in Ungarn erster Bischof von Csanad. Auf Ungarisch hieß er Gellert; der Gellertberg, der in Budapest über der Donau aufsteigt, ist nach ihm benannt.

Um Figur und Vermächtnis des Heiligen dreht sich vor dem Zutritt in den Sankt-Stephanssaal ein Museum. Maßgebliche Exponate sind eine Replik der Stephanskrone und eine Kopfreliquie, die von einer wertvollen Skulptur ummantelt ist. „Dafür wurden 48 Kilo Silber und zwei Kilo Gold verwendet“, erläutert Führerin Weszelowszka.

Das Modell einer christlichen Familie - trotz politischer Heirat

Eine Tafel im Museum verbürgt, dass hinter der Heirat von Stephan und der später selig gesprochenen Gisela „politische Gründe“ standen. Doch das Ehepaar mit ihrem Sohn Emmerich wurde letztlich zum „Modell einer christlichen Familie“, wie es heißt. Der potenzielle Thronfolger Emmerich, um dessen religiöse Erziehung sich Gerhard von Csanad kümmerte, kam 1031 bei einem Jagdunfall um Leben. Ebenso gut könnte es sich dabei um einen politischen Mord an dem Prinzen gehandelt haben; Beweise dafür fehlen indes.

König Stephan starb am 15. August 1038. Einen Tag vor seinem Tod überreichte er die Krone symbolisch der heiligen Maria und stellte damit das Königreich unter den Schutz der Gottesmutter. Das war ein besonderes Zeichen und ist von Künstlern häufig als Motiv verarbeitet worden.

Beigesetzt wurde Stephan I. in der Basilika von Szekesfehervar, auf Deutsch als Stuhlweißenburg bekannt. Die Stadt liegt rund 65 Kilometer südwestlich von Budapest und gibt als Reiseziel wenig her; von der Krönungsbasilika sind nur magere Ruinenreste geblieben. 1083 folgte Stephans Heiligsprechung unter Papst Gregor VII.

Ungarn begeht den Stephanstag gemeinsam als nationalen Feiertag

In der katholischen Kirche ist nicht der Todestag der Gedenktag, der sich mit Mariä Himmelfahrt deckt, sondern der 16. August. In Ungarn sind die Feierlichkeiten erst am 20. August terminiert, was entweder der Tag seines Begräbnisses oder der Gedenktag der Erhebung seiner Gebeine 1083 war; dazu finden sich unterschiedliche Quellen. Der Stephanstag ist Feiertag. Höhepunkte bei den Festlichkeiten in Budapest sind die Prozession mit dem Reliquiar der heiligen Rechten und das Feuerwerk am Abend. Um den Stephanstag steigt in der Hauptstadt zudem ein Handwerkermarkt.

Stephan lebt auch anderweitig fort in Ungarn: als Protagonist einer Rockoper, die gelegentlich aufgeführt wird, und in Portemonnaies. Der Heilige ziert die 10 000-Forint-Note, was umgerechnet etwa 26 Euro entspricht. Zum Geldschein fällt Führer Balogh die umgangssprachliche Frage ein, die manchmal unter Ungarn kursiert: „Hast du mal einen Stephan dabei?“

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