Der Dom als Bezugspunkt katholischer Volksfrömmigkeit

„Kölner Domblatt“: Das Jahrbuch 2014 des Zentral-Dombau-Vereins liegt vor – es gibt viele interessante Einblick in und rund um den Dom. Von Constantin von Hoensbroech
Barbara Schock-Werner, Gerhard Richter, Norbert Feldhoff
Foto: Hoe | Köln plant und lacht: Barbara Schock-Werner, Gerhard Richter, Norbert Feldhoff.
Barbara Schock-Werner, Gerhard Richter, Norbert Feldhoff
Foto: Hoe | Köln plant und lacht: Barbara Schock-Werner, Gerhard Richter, Norbert Feldhoff.

„In einer langen Reihe von Jahren haben Eure Vorväter mit frommer Freude und in hoher Verehrung vor diesen heiligen Häuptern sich geneigt. So kommt denn auch Ihr, diese Eure Schirmherren würdig zu verehren.“ Was sich wie die Einladung zum Jubiläum des 750. Jahrestags der Übertragung der Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln liest, stammt indes aus einem anderen Jubiläumsjahr. 1864, also zum 600. Jahrestag, schrieb der damalige Kölner Erzbischof Johannes Kardinal von Geissel dies in seinem Hirtenbrief. Dabei ordnete er die Bedeutung dieses Jahrestags vorausschauend in den Zusammenhang eines weiteren bedeutenden Datums ein, das sich bereits abzeichnete, weil „der Dom (...) über dem Grabe der Heiligen (...) mit Ablauf dieses siebten Jahrhunderts bis auf die Thürme vollendet ist“. Ob Geissel tatsächlich der entscheidende Initiator zu den damaligen Feierlichkeiten gewesen ist oder eher doch der einflussreiche Weihbischof Johann Anton Friedrich Baudri oder Dompfarrer Franz Alexander Halm ist insofern sekundär, weil das Engagement der Geistlichen insgesamt zeigt: „Das Jubiläum wurde vom höheren Klerus, ,von oben‘, geplant und war nicht etwa ,von unten‘, aus volksreligiöser Tradition rheinischer Katholiken, entstanden.“

Das Jubiläum wurde zum großen Glaubensbekenntnis

Zu diesem Befund kommt der Historiker Joachim Oepen in seinem lesenswerten Aufsatz „Das Dreikönigsjubiläum von 1864“. Anschaulich und gut recherchiert wird das Geschehen vor 150 Jahren aufgearbeitet und ein facettenreiches Bild von den Feierlichkeiten sowie von der soziologischen Struktur der Pilger gegeben. Dass das Jubiläum ein „großartiges Glaubensbekenntniß des katholischen Volkes“ wurde, so eine zeitgenössische Zeitung in ihrer Berichterstattung, war so nicht abzusehen. Oepen zeigt auf, welche Bedeutung auch dem neuen Verkehrsmittel Eisenbahn zukam, die tausende Menschen nach Köln brachte.

Für viele Besucher und Pilger war es aber nicht nur eine Pilgerfahrt, sondern eben auch ein kulturelles Ereignis. Vergnüglich zu lesen ist Oepens Auswertung damaliger Quellen, die auf den großen Besucherandrang im Zoo, Museum und Flora während der Jubiläumstage verweisen. Gleichwohl blieb das Jubiläum einmalig, und es sollte 100 Jahre dauern, bis es wieder gefeiert wurde. Oepen, dessen Aufsatz in der soeben erschienenen und hervorragend redigierten und inhaltlich spannend zusammengestellten 79. Folge des „Kölner Domblatts“, Jahrbuch des Zentral-Dombau-Vereins (ZDV), nachzulesen ist, kommt zu dem bemerkenswerten Schluss: „Indessen bieten die Feierlichkeiten ein Beispiel, wie es die Kirche im 19. Jahrhundert verstand, die katholische Bevölkerung wenigstens in den unteren Schichten zu mobilisieren. Zudem zeigte sich, dass der Dom auch in der Zeit seines Ausbaus sich nicht nur als nationales Symbol eignete, sondern auch als Bezugspunkt katholischer Volksfrömmigkeit.“ Auch weitere Aufsätze in dem weltweit einzigen wissenschaftlichen Periodikum zu den Aktivitäten an einer Kathedralkirche befassen sich vor dem Hintergrund des diesjährigen Jubiläumsjahres mit der Kölner Verehrung rund um die ersten Christuspilger. Ein völlig anderes aktuelles Datum behandelt der Kölner Dompropst Norbert Feldhoff. Ausführlich würdigt er Joachim Kardinal Meisner, der nach 25 Jahren aus dem Amt geschieden ist. „Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die wohl längste gedruckte Würdigung von Kardinal Meisner schreiben durfte.“ Für Feldhoff, der Meisner in dessen gesamter Amtszeit als Generalvikar begleitete, war es das letzte Mal, dass er als Hausherr des Kölner Wahrzeichens die Jahresausgabe für die rund 14 000 Mitglieder des Zentral-Dombau-Vereins vorstellte. Ende Februar endet seine Amtszeit als Dompropst. Viele bedeutende Ereignisse und Anlässe hat er in seiner fast zehnjährigen Amtszeit erlebt: etwa den vielfach beachteten Einbau des Kirchenfensters von Gerhard Richter oder als geistlichen Höhepunkt den Weltjugendtag 2005. „Der Weltjugendtag war ein Geschenk des Himmels“, zitiert Feldhoff in seinem Beitrag einen Satz von Kardinal Meisner, „und nicht nur das Ergebnis unserer Arbeit.“

Die Ergebnisse harter Arbeit werden im ersten Beitrag vorgestellt. Der stellvertretende Dombaumeister Peter Füssenich berichtet von den vielfältigen Arbeiten und Aufgaben der Dombauhütte. Auch hier lag ein Schwerpunkt der Arbeiten auf dem aktuellen Jubiläum, da Schatzkammer und die sogenannte Hubertuskapelle für die laufende Ausstellung hergerichtet werden mussten. Beeindruckend nachzulesen sind beispielsweise auch die konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen an den Glasgemälden im Chorobergaden. Spannend ist auch der Hinweis auf die Großbaustelle vor dem Dom an der Ostseite. Dort wird die Stadt Köln bis Ende 2015 die Neugestaltung der dortigen Domumgebung realisieren und dabei auch dem frühmittelalterlichen, seit Jahrzehnten vernachlässigten Baptisterium einen angemessenen Zugang gestalten. Für die Dombauhütte ergibt sich die Notwendigkeit, dass durch die registrierten Erschütterungen „... durch die aktuelle Baustelle eine messtechnische Beobachtung nach wie vor wichtig für die Einschätzung der daraus resultierenden Gefährdung (bleibt)“, schreibt der stellvertretende Dombaumeister. Insgesamt sei das Jahr, so Füssenich bei der Vorstellung des Buchs, für die Hütte „turbulent und aufregend“ gewesen. Damit spielte Füssenich sicherlich auch auf einige Themen an, die die Öffentlichkeit mehrfach bewegt haben und im Jahrbuch nur am Rande oder gar nicht vorkommen: die Erschütterungen – insbesondere der Schatzkammer – nach Inbetriebnahme eines neuen U-Bahn-Abschnitts, Steinschlagschäden infolge von Sturm und nicht zuletzt die arbeitsrechtliche Auseinandersetzung mit Dombaumeister Michael Hauck. Aufregend für die Dombauhütte war zudem die Einführung des neuen Erzbischofs Rainer Maria Kardinal Woelki. Die Mitarbeiter der Dombauhütte waren bei der Amtseinführung „mit Tatkraft und Treue zur Stelle“. Für dieses Engagement dankte auch Michael H. G. Hoffmann. Der Präsident des ZDV verwies auf den Betrag von fast vier Millionen Euro, den der Verein zur baulichen Unterhaltung des Domes für dieses Jahr beigesteuert hat. Bemerkenswert sind aber auch die vom ZDV initiierten Patenschaften für die Restaurierung von Portalsfiguren. So konnte durch inzwischen 90 Patenschaften ein Betrag in Höhe von 550 000 Euro eingesammelt werden. Eine hübsche Anekdote lässt sich für die Leser bei der Durchsicht des Protokolls der letzten Beiratssitzung des ZDV entdecken. Dort wurde unter anderem auch das 150-jährige Bestehen der Dombaulotterie besprochen. Passend zum Jubiläum ,gewann‘ der Dom erstmals selbst mit einem Los. Ein Tourist aus Berlin hatte bei seinem Köln-Besuch in der Lotterie gewonnen, konnte das Los jedoch in Berlin nicht einlösen. Darauf schickte er es zurück nach Köln und spendete den Gewinn von 166, 10 Euro dem Dom.

Kölner Domblatt 2014, Jahrbuch des Zentral-Dombau-Vereins, ISBN 978-3-922442-85-1; EUR 27, 80

Themen & Autoren

Kirche

Die Gruppe, die zum kontinentalen europäischen Vorbereitungstreffen der Weltsynode nach Prag fahren soll, repräsentiert die deutschen Katholiken in keiner Weise.
02.12.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Nach russischer Empörung wurden die Internetseiten des Heiligen Stuhls attackiert. Auffällige Parallelen zum Hacker-Angriff auf das Europäische Parlament.
01.12.2022, 12 Uhr
Meldung
Deutsche Stimmen zum römischen Einspruch: Wie soll es weitergehen nach den Referaten der Kardinäle Luis Ladaria und Marc Ouellet?
01.12.2022, 13 Uhr
Redaktion
Mit fremden Menschen auf der Straße über den Glauben sprechen ist das „Back to the roots“ der Evangelisierung.
30.11.2022, 11 Uhr
Franziska Harter