Der Dicke Hund: Wenn einem nichts heilig ist

Wunderberichte werden von der Kirche sehr streng geprüft. Von Josef Bordat
Wenn einem nichts heilig ist - DER DICKE HUND

Am vergangenen Sonntag wurde Maria Katharina Kasper, die Gründerin der „Dernbacher Schwestern“, heiliggesprochen. Ein Grund zur Freude, möchte man meinen. Der „Deutschlandfunk“ nimmt das besondere Ereignis jedoch zum Anlass, um gegen den ehemaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst nachzutreten und die Heiligsprechung madig zu machen. Der äußere Zusammenhang: Maria Katharina Kasper stammt aus dem Bistum Limburg und Tebartz-van Elst hatte sich im Bischofsamt für ihre Kanonisierung eingesetzt.

Am Ende gar so sehr, meint Anke Petermann vom „Deutschlandfunk“, dass der Limburger Bischof bei dem Wunder, das der neuen Heiligen zugeschrieben wird (ein indischer Ordensmann wurde wieder gesund, nachdem er schon für tot erklärt worden war), persönlich „nachgeholfen“ habe. Denn, so die bestechende „Deutschlandfunk“-Logik: „Kritiker urteilten, die gesamte Amtsführung von Bischof Tebartz habe ,auf Lüge‘ beruht. Weshalb sich Zweifel auch an der Redlichkeit seiner Lobbyarbeit fürs Wunder aufdrängen.“ Einmal böse, immer böse. Das Leben kann manchmal sehr einfach sein.

Doch: Es ist schlicht naiv zu glauben, ein Bischof könne etwas an einer Heiligsprechung „drehen“, indem er ein Wunder ins Spiel bringt, das keines ist. Wunderberichte werden von der Kirche sehr streng geprüft. Wenn also, wie im Fall Kasper, die römische Kongregation für die Selig- und Heiligsprechung das Wunder anerkannt hat, dann sollte man das auch gelten lassen. Journalistische Skepsis ist hier nur dann redlich, wenn sie sich an der Sache festmacht, nicht aber auf unliebsame Personen zielt. Die Skepsis selbst ist freilich nicht neu. Bereits 1960 soll sich ein Journalist gegenüber dem im Vatikan mit der Wunderuntersuchung beauftragten Sekretär abfällig über Wunderberichte geäußert haben. Wenige Tage später überreichte dieser Sekretär dem Journalisten wortlos einen Stapel von Berichten und Zeugenaussagen. Nachdem der Journalist wochenlang diese Schriften studiert hatte, musste er dem Sekretär gegenüber eingestehen, dass es nach menschlichem Ermessen an der Tatsächlichkeit der dort beschriebenen Ereignisse keinen Zweifel mehr geben könne. Der Sekretär erwiderte ihm mit einem Lächeln: „Und dabei sind die Akten, die ich Ihnen gab, doch nur die, die wir als mangelhaft abgelehnt haben.“

Dabei ist ein Wunder nicht einmal nötig für die Heiligkeit. Die Wundertätigkeit der Heiligen stellt keine Bedingung für die Kanonisierung dar. Sie ist gewissermaßen nicht verpflichtend, sondern erwünscht. Sie bestätigt als Konsequenz des tugendhaften Lebenswandels die Heiligkeit des Menschen, sie begründet sie aber nicht. Das ist Sache der Tugendhaftigkeit.

Der „Deutschlandfunk“ offenbart auch dazu ein völlig falsches Verständnis, weil er die Heiligsprechung Katharina Kaspers durch vermeintliche oder tatsächliche Missstände im Orden belastet sieht: „Im 20. Jahrhundert kam es in den Kinderheimen der ,Armen Dienstmägde‘ zu Gewaltexzessen und Psycho-Terror.“ Inwieweit das nun die Person Maria Katharina Kasper betrifft, die im 19. Jahrhundert lebte, bleibt unklar. Zumindest ihre Heiligkeit bleibt davon unberührt. Anke Petermann sieht in Berichten über diese Vorkommnisse jedoch einen Angriff auf die conditio sine qua non für die Heiligkeit im Sinne der Kirche. Was natürlich abwegig ist. Denn: Erstens ist die hinreichende Tugendhaftigkeit ein individueller Charakterzug, kein institutioneller. Zweitens heißt „heilig“ nicht „fehlerfrei“ oder „perfekt“. Schon gar nicht gemessen an den hohen Ansprüchen, die säkulare Medien heute anlegen. Daran müssen dann auch Heilige scheitern. Wenn Sie mich fragen: ein dicker Hund.

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