Der Dicke Hund: Selbstjustiz, Amtsmissbrauch und Aufkleber

Ein kurzes im Bild, um ins Unterbewusstsein einzudringen. Von Josef Bordat
Selbstjustiz, Amtsmissbrauch und Aufkleber - DER DICKE HUND

Vor einigen Jahren sendete der RBB den Tatort „Dinge, die noch zu tun sind“. Es geht darin darum, dass Beamte Selbstjustiz üben, indem sie eine der Tat überführte, aber sterbenskranke Frau nicht festnehmen. Der Aufschrei in der Rezeption des Krimis war vernehmbar: Darf eine öffentlich-rechtliche (und damit der im Grundgesetz definierten Ordnung verpflichtete) Fernsehanstalt die Aufhebung der Gewaltenteilung so affirmativ zeigen? „Nein“, meinten die einen: Hier wiegt die Verantwortung gegenüber unserer Ordnung, für die das öffentlich-rechtliche Fernsehen auch im Unterhaltungsprogramm einzustehen hat, schwerer als die Freiheit der Kunst. „Doch“, meinten andere, schließlich handelt es sich um einen Fernsehfilm und nicht um eine Dokumentation. Dennoch: Es blieben Zweifel, gerade auch, weil der Tatort ein Millionenpublikum erreicht – im Gegensatz zu Dokumentationen.

Nun folgte im Rahmen der ARD-Themenreihe „Gerechtigkeit“ ein Film aus der Serie „Polizeiruf 110“, erstmals ausgestrahlt am 11. November. Titel: „Für Janina“. Der wirklich hervorragend inszenierte Film besticht durch eine spannende Handlung und großartige Schauspieler. Aber: Auch in „Für Janina“ wird die Grenze polizeilicher Arbeit deutlich überschritten. Die Exekutive triumphiert über Legislative und Judikative, wenn die Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) Beweismaterial „aufbereitet“, um einen Mann hinter Gittern zu sehen, der nach geltendem Recht nicht mehr belangt werden kann. Freilich wird auch die Kritik des (sonst auch nicht immer gesetzestreuen) Kollegen Alexander „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) deutlich, doch am Ende erweckt die Dramaturgie den Eindruck, es sei richtig, wenn Polizeibeamte sich anmaßen, Richter zu spielen beziehungsweise die Sachlage so zu manipulieren, dass Richter nicht anders können, als ihnen zu folgen. Schließlich steht auch in Bukows Einwänden die Gefahr einer Aufdeckung der Manipulation im Vordergrund.

Pikantes Detail am Rande: Im Büro der Beamten wimmelt es von Hinweisen auf eine links-grüne Gesinnung Königs und Bukows, unter anderem ist ein Anti-AfD-Aufkleber zu sehen – die „Junge Union München Nord“ wies mit einem Screenshot darauf hin, die AfD kündigte eine Beschwerde beim Rundfunkrat an. Daraufhin wurde der Film „für eine weitere Ausstrahlung einer digitalen Bildbearbeitung unterzogen“ (ARD) und der Anti-AfD-Aufkleber (nur der) retuschiert. Das Medienecho ist beachtlich. Kritiker sagen, der Sender knickte ein.

Die Aufkleber (vier an der Zahl) sind zwar nur sehr kurz im Bild, das reicht aber, um ins Unterbewusstsein einzudringen. Gerade das ist anrüchig: Der Verdacht unterschwelliger Manipulation steht im Raum. Und, es rundet die Szenerie durchaus stimmig ab: Wer im Recht ist (also: politisch links steht), muss das Gesetz nicht mehr achten (hier den Rechtsgrundsatz „Ne bis in idem“). Ist das die Botschaft eines ARD-Fernsehfilms zum Thema „Gerechtigkeit“?

Freilich gibt es die Instanz des Gewissens, dessen Freiheit ein sehr hohes Gut ist. Doch die Gewaltenteilung so systematisch aufheben zu lassen, ist gefährlich. Natürlich wünscht man sich die Bestrafung der abscheulichen Tat. Aber nicht um diesen Preis. Dass zudem im gleichen Krimi auch noch – „unbeabsichtigt“ (ARD) oder etwa ganz subtil? – parteipolitische Positionierung stattfindet, ist schon ein ziemlich dicker Hund.

Weitere Artikel
Die misslungene Bayreuther „Ring“-Neuinszenierung von Valentin Schwarz erinnert streckenweise an einen von Helge Schneider inszenierten Münster-„Tatort“.
17.08.2022, 16  Uhr
Stefan Ahrens
Themen & Autoren
Alternative für Deutschland Amtsmissbrauch Dokumentation Junge Union

Kirche

Der Vatikan hat die Vorwürfe gegen den Kardinal wegen sexueller Belästigung überprüfen lassen und sieht keine Elemente für die Eröffnung eines kanonischen Verfahrens.
18.08.2022, 18 Uhr
Meldung
Pilgerboom in  Maria Vesperbild:  Der zweite Besuch des  Kölner Erzbischofs Kardinal Rainer Woelki in Maria Vesperbild wird zum Heimspiel.
18.08.2022, 09 Uhr
Regina Einig
Deutsche Bischofskonferenz gibt mit dem Katholischen Medienpreis 5000 Euro für Selbstdemontage der katholischen Kirche aus. Den Bischofsstab haben nun die Medien. Ein Kommentar. 
17.08.2022, 20 Uhr
Dorothea Schmidt