Graz

Das kulturelle Gedächtnis Europas geprägt

Der Historiker Andreas Sohn würdigt den Beitrag der Benediktiner Von Stephan Baier
Benediktinerabtei in Metten
Foto: Armin Weigel (dpa) | Seit der Epoche Karls des Großen haben die Benediktiner „das Europa der Klöster über Jahrhunderte geformt“ und das kulturelle Gedächtnis Europas geprägt. Das Bild zeigt die Benediktinerabtei Metten.

Die Muttersprache Europas sei das Christentum, und eben daran habe das benediktinische Mönchtum einen bedeutenden Anteil. Zu diesem Ergebnis kam in Anlehnung an ein Zitat Johann Wolfgang von Goethes der renommierte, an der Pariser Sorbonne lehrende Historiker und Theologe Andreas Sohn bei einem internationalen Symposion über „Christentum, Europa und Memoria“ am Freitag in Graz.

Klöster als bedeutende Kulturträger

Sohn, der seit 2001 als Professor für mittelalterliche Geschichte in Paris lehrt und forscht, zeigte den Beitrag der Benediktiner zum kollektiven Gedächtnis Europas auf. Diese hätten seit der Epoche Karls des Großen „das Europa der Klöster über Jahrhunderte geformt“ und das kulturelle Gedächtnis Europas geprägt. Die Klöster seien auch dann noch bedeutende Kulturträger gewesen, als das „Europa der Klöster“ vom „Europa der Städte“ abgelöst worden war.

Andreas Sohn, der sich neben anderen historischen Monografien mit Beiträgen zur Geschichte des cluniazensischen Klösterverbandes einen Namen machte, veranstaltete zuletzt hochkarätige wissenschaftliche Tagungen über die Rolle der Benediktiner als Historiker wie als Päpste. Von ihm herausgegebene Sammelbände zu diesen beiden Themen erschienen 2016 und 2018: „Benediktiner als Historiker“ im Verlag Dieter Winkler, „Benediktiner als Päpste“ bei Schnell & Steiner.

Am Freitag wurde der Historiker Sohn mit einer voluminösen Festschrift geehrt, in der neben Wissenschaftlern auch zahlreiche Bischöfe und Äbte schreiben, darunter Kurienkardinal Raffaele Farina. Die mehrsprachige Festschrift trägt den Titel „Europa und Memoria“ (EOS, Sankt Ottilien).

Der Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, der französische Prämonstratenser Bernard Ardura, schilderte in Graz die wechselvolle Geschichte des Vatikanischen Geheimarchivs, des Archivs des Kapitels von Sankt Peter sowie der Bauhütte von Sankt Peter und der Vatikanischen Bibliothek. Bereits Napoleon habe versucht, sämtliche Archive des Heiligen Stuhls nach Paris zu entführen. Bei der Rückführung nach 1815 sei es zu beträchtlichen Verlusten gekommen.

Franziskus öffnet alle Archive zu Papst Pius XII.

Ardura relativierte gängige Vorurteile, indem er darauf verwies, dass bereits Papst Leo XIII. eine Öffnung des Geheimarchivs für die wissenschaftliche Forschung verfügte. Das habe damals nach 1880 die Gründung mehrerer wissenschaftlicher Institute in Rom ausgelöst.

Heute verfüge das Vatikanische Geheimarchiv über einen Bestand von 82 Kilometern Regallänge. Die Vatikanische Bibliothek verwahre 80 000 Handschriften, überwiegend aus dem Mittelalter und der Renaissance. Die Bibliothek stehe pro Jahr rund 20 000 Forschern offen.

"Wir fürchten uns nicht davor, das Licht
zu bringen. Wir haben keine Angst
vor der Veröffentlichung der Dokumente"
Papst Leo XIII.

Ardura zitierte Leo XIII. mit den Worten: „Wir fürchten uns nicht davor, das Licht zu bringen. Wir haben keine Angst vor der Veröffentlichung der Dokumente.“ Papst Franziskus habe jüngst die Öffnung aller Archive des Heiligen Stuhls aus dem Pontifikat Pius XII. ab 2. März 2020 für die wissenschaftliche Forschung angekündigt. Aber schon Papst Paul VI. habe eine Gruppe von Jesuiten-Historikern damit beauftragt, die vatikanischen Archive aus dem Zweiten Weltkrieg zu untersuchen und darüber zu publizieren. Auf diese Weise sollte den gegen Pius XII. erhobenen Anschuldigungen begegnet werden, meinte Ardura.

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