Nach heftiger Kritik

Bremerhaven macht Rückzieher von Verzicht auf gendersensible Sprache

Der Bremerhavener Magistrat beschließt, „gendersensible“ Sonderzeichen abzuschaffen, nimmt aber auf Druck der daraufhin folgenden Reaktionen den Beschluss zurück. Nun fordert die Regierungskoalition das Land Bremen auf, verbindliche Regelungen zu treffen.
Geschlechtersensible Sprache
Foto: Sebastian Gollnow (dpa) | Die überwiegend negativen Reaktionen haben die Bremerhavener Regierungsfraktion zu einem Einlenken veranlasst, die Beschlussvorlage zur gendersensiblen Sprache nahmen sie zurück.

Bereits am 15. Dezember hat die in Bremerhaven regierende Koalition aus SPD, CDU und FDP bezüglich der sogenannten gendersensiblen Sprache eine Beschlussvorlage für den Magistrat eingebracht. Vorgeschlagen wurde, „unter Verzicht auf eine gendersensible Sprache im engeren Sinne“ Regelungen für die Verwaltung vorzugeben.

Dies bedeutete insbesondere, „Sonderzeichen als Wortbestandteil in der offiziellen Kommunikation sind nicht mehr zulässig“; sie sollten als „rechtschreibwidrig“ gelten. Dennoch sollte das generische Maskulinum vermieden und stattdessen „eine geschlechtsneutrale Formulierung genutzt“ werden. Wenn es keinen „neutralen Begriff oder eine Umschreibung“ gibt, dann „sollte die Beidnennung gewählt werden“.

Wütende Reaktionen in Medien

Die Vorlage wurde Ende letzter Woche vom Bremerhavener Magistrat beschlossen, und löste wütende Reaktionen aus. Die „taz“ zitiert die Landesfrauenbeauftragte für Bremen, Bettina Wilhelm, die Regelung sei ein „Rückschritt“. Zu den Grundrechten gehöre auch, Menschen korrekt anzusprechen. Dies verletze Bremerhavens Amtssprache, da durch das Verbot von Sonderzeichen effektiv nichtbinäre Menschen ausgeschlossen würden. 

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Für die „Radio Bremen“-Sendung „buten und binnen“ schrieb Boris Hellmers: „Wie können sich gleich drei Parteien so ins Abseits schießen? Am Thema gendergerechte Sprache wird auf allen Ebenen gearbeitet. Es gibt kein Gesetz, nach dem der Staat sich sklavisch an den Duden halten muss. Aber es gibt hochinstanzliche Urteile, die gerade vom Staat verlangen, alle Menschen anzusprechen. Das alles als Politik arrogant wieder einzureißen, ohne darüber eine offene Debatte geführt zu haben, es sogar zu verbieten, nur weil man es eben kann: Das ist Denken von vorgestern, gegossen in Machtgehabe aus den Achtzigern. Auch das ist übrigens: rein männlich.“

Der gewählte Weg war nicht der richtige

Darauf antwortete wiederum der „Verein Deutsche Sprache“ auf Twitter: „Für den ‚butenundbinnen’-Redakteur ist klar: Das ist, weil bei CDU und FDP nur wenige bzw. keine Frauen in leitenden Positionen sind. Es mag die Redaktion verwundern, aber auch die Mehrheit der Frauen lehnt Gendern ab“, wobei der Verein eine Umfrage von „infratest dimap“ zitiert, nach der 59 Prozent der Frauen „gendergerechte Sprache“ eher oder voll und ganz ablehnen. „Dazu sollten sich gerade Journalisten mit Besonderheiten der dt. Sprache auskennen. Das generische Maskulinum meint nicht MIT, es MEINT einfach nur. Ihm ist das Geschlecht egal.“

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Die überwiegend negativen Reaktionen haben jedoch die Bremerhavener Regierungsfraktion zu einem Einlenken veranlasst. An diesem Montag, den 24. Januar, veröffentlichten die Fraktionsvorsitzenden von SPD, CDU und FDP eine „Medien-Information“, laut der die Reaktionen auf den Magistratsbeschluss gezeigt habe, „dass der gewählte Weg nicht der richtige gewesen ist“. Sie hätten sich „in der Vergangenheit immer wieder darüber geärgert, dass es zwar viele Diskussionen und politische – teilweise ideologisch geprägte – Haltungen zu gendersensibler Sprache gibt“. Die Sonderzeichen seien „ein teilweise krampfhafter Versuch, die vorhandene geschlechtliche Vielfalt abzubilden.“ Keiner dieser Versuche sei „vollumfänglich barrierefrei.“ Dass es im Land Bremen dazu lediglich „Empfehlungen“ gebe, zeige die „Komplexität des Themas“ auf.

Nächste Magistratssitzung am Mittwoch

Es sei nicht ihre Absicht gewesen, „noch deckt sich das mit unseren politischen Überzeugungen“, „das(!) über den Ausschluss von Sonderzeichen der Eindruck entstanden ist, geschlechtliche Vielfalt, die sich auch in gendersensibler Sprache abbildet, sei uns egal“. 

Deshalb soll „der entsprechende Magistratsbeschluss aufgehoben“ werden. Die Fraktionsvorsitzenden der Bremerhavener Regierungskoalition geben die Verantwortung an das Land Bremen weiter: „Gleichzeitig wird der Magistrat beschließen, dass er vom Bremer Senat einen Vorschlag zu einer verbindlichen gesetzlichen Regelung für die Verwendung gendersensibler Sprache für das Land Bremen und seine beiden Stadtgemeinden oder entsprechende Regelungen auf der Ebene von Fach-, Dienst- oder Rechtsaufsicht erwartet, die auch den Wunsch nach weitgehender Barrierefreiheit berücksichtig.“ Die nächste Magistratssitzung findet am Mittwoch, den 26. Januar statt.

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