Blinde Flecken des Kommunismus

Am Stoff gescheitert - Der Film „Brecht“ von Heinrich Breloer auf der Berlinale 2019. Von Ingo Langner
"Brecht"
Foto: dpa | Das ARD-arte-Dokudrama „Brecht“ mit Tom Schilling als junger Dramatiker in der Hauptrolle feierte auf der Berlinale Premiere.

Am 14. August 1956, kurz vor Mitternacht, war Bertolt Brecht ein toter Mann. Noch auf dem Sterbebett machte er gleich zweimal sein Testament. Im ersten setzte er seine Ehefrau, die Schauspielerin und Theaterdirektorin Helene Weigel, zur alleinigen Erbin aller Tantiemen ein. Im zweiten wurden seine Tochter Barbara, sowie Käthe Reichel, Isot Kilian und Ruth Berlau mit einem Erbteil bedacht. Diese drei gehörten zur „Schwesternschaft“, also Brechts „Harem“. Auch in der Todesstunde blieb der seiner Maxime treu, viele Frauen gleichzeitig im Spiel zu halten. Es gab sogar noch weitere letzte Verfügungen. Dieses Chaos nutzend, gelang es der weltberühmten Schauspielerin und Theaterdirektorin Weigel, die ihr Missliebigen anzufechten. Seitdem fließen die aus aller Welt zusammenströmenden millionenschweren Einnahmen vor allem auf das Familienkonto des Brechtclans.

Dem Film fehlt an historischer Hellsichtigkeit

Warum hat der Filmemacher Heinrich Breloer nicht mit diesem Erbschaftsstreit begonnen? Das hätte gleich am Anfang seines Doku-Dramas über den Stückeschreiber Brecht deutlich gemacht, dass dieser Mann ein Monster war, das perfekt in das monströse 20. Jahrhundert gepasst hat. Breloer dagegen folgt einer konventionellen Dramaturgie.

Er beginnt mit dem Pennäler, der, Jahrgang 1898, zuhause und in der Schule aneckt und sich nach ein paar selbstverfertigten Gedichten und Theaterskizzen für ein Genie hält. So jemand braucht für seinen Narzissmus Spiegel. Darum sucht er sich Gleichaltrige beiderlei Geschlechts, die bedingungslos an ihn glauben. Weil das in Augsburg so gut geklappt hat, ist Brecht dabei geblieben. Heinrich Breloer hat sich über Jahrzehnte mit der Vita Brechts beschäftigt. Umso erstaunlicher, dass er wichtige Erkenntnisse der Brecht-Biografen Werner Mittenzwei und John Fuegi ignoriert. In seinem aus Dokumentaraufnahmen und Spielszenen zusammengesetzten Film zeigt er nicht, dass sich Brecht als Herr einer Literaturmanufaktur sah, deren Erträge allein ihm gehörten und nur unter seinem Namen veröffentlicht werden durften. Schon bei der „Dreigroschenoper“, seinem ersten kommerziellen Erfolg, ist Brecht in Vertragsangelegenheiten mit einer Skrupellosigkeit vorgegangen, die als Lehrstück für „Raubtierkapitalisten“ bestens geeignet ist.

Elisabeth Hauptmann war es, die den historischen Stoff der „Beggar's Opera“ entdeckt, übersetzt und in eine erste deutsche Theaterfassung gebracht hatte. Alle Ingredienzien, die später zum Welterfolg beitrugen, hatte Hauptmann zusammengefügt. Anders als der Breloer-Film zeigt, war Brecht daran zunächst desinteressiert. Erst als sich die Gelegenheit bot, den Stoff zu verkaufen, schnappte er zu. Er bat Kurt Weill um die Musik für das Stück und hatte tatsächlich die Stirn, allein mit Weill – ohne Elisabeth Hauptmann – zur Vertragsunterzeichnung zu gehen, um dort einen Kontrakt zu unterschreiben, der für Hauptmann 12,5 Prozent, für Weill 25 Prozent und für ihn selbst 62,5 Prozent vorsah.

Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und Ruth Berlau sind die wahren Autorinnen der wichtigsten mit dem Label Brecht beklebten Theaterstücke. Ohne die Arbeit dieser Frauen wäre Brecht ein dramatischer Zwerg geblieben. Die drei haben sich deshalb nie ernsthaft gegen die Ausbeutung ihrer geistigen Schöpferkraft gewehrt, weil sie Kommunistinnen waren und der Kampf für den Sozialismus im Zentrum ihres Denkens und Handelns stand. Urheberrechte spielten für sie keine Rolle. Der Marxismus-Leninismus war ihnen zum Religionsersatz geworden. Kritik an der massenmörderischen kommunistischen Praxis haben sie nie geübt. Für den Zyniker Brecht hingegen ist der Kommunismus zeitlebens bloß eine florierende Einnahmequelle gewesen. Breloer zeigt nichts davon. Elisabeth Hauptmann ist bei ihm eine Stichwortgeberin, die es still leidend hinnimmt, wenn Brecht sie mit anderen Frauen betrügt. Ruth Berlau begehrt im Film zwar am Ende ihres Lebens gegen Brecht auf. Doch nur, weil der nicht mehr mit ihr ins Bett geht. Margarete Steffin, die zentrale Figur für alle Werke, die in der Emigration entstanden sind, kommt, wie die Emigration selbst, im Film gar nicht vor. Brecht ließ die moribunde Steffin auf seiner Flucht vor den Nationalsozialisten sterbend in Moskau zurück. Nach ihrem Tod hat er kein einziges neues Werk mehr geschrieben.

Heinrich Breloer hat mit seinen Doku-Dramen wie „Speer und Er“, „Die Manns“, „Todesspiel“ oder „Wehner“ Filmgeschichte geschrieben. Stets hatte Breloer erstklassige Schauspieler an seiner Seite, die ihre Figuren glaubhaft verkörpert haben. So auch in diesem Fall. Burghart Klaußner spielt überzeugend den alten Brecht, und Adele Neuhauser ist als Helene Weigel umwerfend. Doch Tom Schilling als junger Brecht ist eine glatte Fehlbesetzung. In keinem Moment vermag er die perfid animalische Unbarmherzigkeit, mit der sich der reale Brecht seinen Platz in der Theater- und Literaturgeschichte zu erobern wusste, auch nur ansatzweise zu zeigen. Schilling ist schlicht zu nett. Breloers bisherigen Werke zeichnen sich durch ein hohes Maß an historischer Hellsichtigkeit aus. Die fehlt seinem „Brecht“ völlig. Warum ist das so? Warum ist selbst ein Meister wie Heinrich Breloer an diesem Stoff gescheitert?

Da wir uns Brecht nicht im Himmel vorstellen können, muss es wohl mit dem Teufel zugehen, dass dessen Bild in der Geschichte auch in Breloers Film von Halbwahrheiten bestimmt bleibt.

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