Bin Gott dankbar für den Papst

Warum Franziskus trotz unkonventioneller Herangehensweisen ein Segen für die Kirche ist. Von Richard Kocher
Pfarrer Kocher begegnet dem Heiligen Vater Franziskus im Vatikan.
Foto: L'Osservatore Romano | „Der Papst hat Feuer im Herzen“: Pfarrer Kocher begegnet dem Heiligen Vater Franziskus im Vatikan.

Ein Zeitungstitel wie „Streit um Franziskus: Wie katholisch ist der Papst?“ wäre noch vor einigen Jahren völlig undenkbar gewesen. Es geht dabei nicht nur um Streitigkeiten in der Kirchenführung, sondern längst auch unter den Gläubigen. Es gibt zwei Lager, die unversöhnlich um den richtigen Kurs der katholischen Kirche streiten.

Wahr ist: Die Herangehensweise von Papst Franziskus ist anders als die seiner Vorgänger. Ein Beispiel: Die französischen Bischöfe haben beim Vaterunser die vorletzte Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ anders formuliert: „Führe uns in der Versuchung“. Der Papst hat dann bei dem Sender „TV 2000“, ohne dass er gefragt worden wäre, dazu Stellung genommen. Er führt aus: Ja, es ist gut, dies so zu übersetzen. Sinngemäß hat er gesagt, man solle sich Gott nicht vorstellen, als ob es ihm Freude mache, seine Kinder in Versuchung zu führen. Das erledige der Satan. Gott sei der, der uns führt und leitet in schweren Zeiten, aber man solle ihn nicht als Versucher darstellen. Mit anderen Worten: Es ging ihm darum, ein „dämonisches“ Gottesbild abzuwehren. Das ist so weit gut und richtig.

Daraufhin haben Bibelgelehrte des deutschsprachigen Raumes den Papst kritisiert. Thomas Söding, der in Bochum lehrt, war einer von ihnen. Er hat sich geäußert, weil der Sachverhalt leider nicht einfach ist, sondern komplex. In Genesis 22,1 heißt es ausdrücklich: „Gott stellte Abraham auf die Probe.“ In der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes, der Septuaginta, ist es genau das gleiche Wort wie beim Vaterunser; es ist also Gott selbst, der in Versuchung führt. Was für ein Segen ist Abraham und der ganzen Menschheit daraus erstanden, dass er diese Prüfung bestanden hat. Auch Jesus Christus wurde vom Satan versucht und der Vater hat es zugelassen. Und deshalb haben die Theologen diese Kritik eingeworfen und gesagt: So einfach ist es nicht; diese Wirklichkeit der Versuchung muss man auch bedenken. Längst hatten auch weltliche Zeitungen das Thema aufgegriffen. Auf der ersten Seite konnte man in der Augsburger Allgemeinen die Überschrift lesen: „Papst irrt“, in der FAZ: „Heilige Einfalt“.

Auch Papst Benedikt hat an einer neuralgischen Stelle etwas geändert: die Wandlungsworte. Er hat die Worte „für alle“ durch „für viele“ ersetzen lassen. Wie ist Benedikt dabei vorgegangen? Er hat an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, damals Erzbischof Zollitsch, einen fünfseitigen Brief geschrieben, der an Brillanz und Gedankenschärfe schlichtweg kaum zu überbieten ist, und darin dargelegt, alle Aspekte würdigend, warum diese Änderung sinnvoll ist. Zu den deutschen Bischöfen sagte er: Jetzt braucht es eine Katechese; ihr müsst dies den Leuten vermitteln. Also den Menschen dies nicht einfach vorlegen, sondern vermitteln. So würde ich mir das von Papst Franziskus auch wünschen. Oft wäre es sinnvoll, wenn bei wichtigen Angelegenheiten alles gründlich durchdacht ist und erst dann vorgelegt würde.

Doch all das ändert nichts daran: Ich bin Gott dankbar für diesen Mann. Das sage ich nicht einfach nur, weil das Petrusamt neutestamentlich fundiert ist; ich sage es aus tiefster Überzeugung. Papst Franziskus ist trotz alldem, was zu kritisieren ist, ein Geschenk Gottes an unsere Kirche. Warum? Weil er ein Feuer in seinem Herzen hat, das mich berührt. Das Apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus hat mich wie kein anderes angesprochen. Er schreibt: „Ich habe eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man für die Mission gebrandmarkt ist. Geschäft wie bisher geht nicht mehr: ,Business as usual‘ muss aufhören in der katholischen Kirche. Wir brauchen neuen Missionseifer. Alles muss auf den Prüfstand. Ohne längere Zeiten der Anbetung […] erlischt der Eifer.“ Da ist „Feuer“ in diesem Schreiben und ich bin froh, dass das von der obersten Stelle der Kirche kommt. Wie ist das denn bei uns aufgenommen worden? Wenn wir ehrlich sind, so gut wie gar nicht!

Seine Enzyklika „Laudato si?“ ist eine Magna Charta für den Umweltschutz, für den richtigen Umgang mit der Schöpfung; für mich ist diese genauso wichtig wie „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. am Ende des 19. Jahrhunderts, eine Enzyklika, die damals bahnbrechend war. Ich habe kürzlich einen Aufsatz gelesen, in dem es um Zukunftsfilme geht: die „Matrix-Trilogie“, die „Tribute von Panem“, „Elysium“, das Remake von „Blade Runner“, die Trilogie „Maze Runner“ et cetera. Diesen Filmen ist gemeinsam, dass die Erde verwüstet und fast unbewohnbar ist. Dann schreibt der Redakteur: „Nur einer hat die richtige Vision, dass wir alles tun müssen, das Lebenshaus dieser Erde zu schützen, ganz anderes damit umgehen müssen, ja, sogar in der Wirtschaft eine Rezession in Kauf nehmen müssen, um das Steuer noch herumzuwenden, und das ist Papst Franziskus in ,Laudato si?‘. Warum wird immer auf ,Amoris laetitia‘ geschaut und nicht auch das andere große Schreiben gewürdigt? Das ist eine großartige Vision, ein zukunftsweisendes Werk. Wir werden von furchtbaren Umweltkatastrophen heimgesucht, wenn nicht bald eine Wende geschieht.“

Die „Option für die Armen“ stellt die Peripherie in das Zentrum. Die Globalisierung der Gleichgültigkeit: Milliarden Menschen leben in größter Not. Wen berührt das noch? Entwicklungsminister Müller sagt in seinem Buch „Unfair“, dass die globalen Regulierungssysteme nicht aufeinander abgestimmt sind, und das „wohl willentlich und absichtlich“! Man könnte es anders machen, wenn man wollte. Das darf uns doch nicht in Ruhe lassen, wenn die Kirche ein mystischer Leib ist und es so vielen Milliarden Menschen auf dieser Erde schlecht geht, obwohl man es besser machen könnte und der Hunger nicht sein müsste. Der Papst erhebt seine Stimme, Gott sei Dank. Endlich.

Nach dem Vorbild des Heiligen Franziskus führt er ein schlichtes Leben. Er ist für eine dienende Kirche. Kirchliche Ämter sind nicht Belohnung für persönliche Qualitäten, sondern Dienstämter, um dem Volk Gottes zu dienen, nicht um sich wichtig zu machen. Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts! Seine persönliche Schlichtheit: Wie es heißt, putzt er die Räume seiner Wohnung selber. Ein Beispiel für seine Empathie: Ein Schweizergardist steht immer vor seiner Wohnung, damit sich nicht ein Verrückter Zugang verschafft und den Papst bedrohen könnte. Papst Franziskus fragt diesen: „Warum stehen Sie denn hier?“ – „Das ist meine Anweisung, mein Oberster hat mir das so gesagt.“ – „Ich bin doch der Oberste.“ – „Ja, das stimmt, natürlich sind Sie der Chef, der Papst.“ Der Papst holt ihm einen Stuhl. „Setzen Sie sich hin.“ – „Nein, geht nicht, dann bekomme ich Schwierigkeiten.“ – „Setzen sie sich.“

Seitdem sitzt der Schweizergardist vor seinem Zimmer. Er kann ihn ja auch so bewachen. Der Papst hat ihm auch noch einen Kaffee gebracht. Das ist Franziskus! Und wie er mit Kindern umgeht, mit Schwachen, mit Kranken; welche Liebe er für sie hat. Auch seine persönliche Bedürfnislosigkeit, die Fähigkeit, die modernen Kommunikationsmittel zu nutzen, ist zu benennen. Xavier Soteras, der Programmdirektor von Radio Maria Argentinien, war oft mit ihm zusammen, als der Papst noch Erzbischof von Buenos Aires war, und sagte: „Der Mann ist ein Gigant! Wir saßen auf den Schultern eines Riesen und haben von dort in das Land hinausgeschaut.“

Wer von uns hätte den Mut, sich in einer Hochburg der Mafia in Sizilien hinzustellen, die Mafiosi direkt anzusprechen und zu sagen: „Ihr seid auf dem verkehrten Weg. Noch ist Zeit umzukehren; wenn ihr das nicht tut, kommt ihr in die Hölle!“ Kein Papst der letzten Jahrzehnte hat es gewagt, die Hölle derart wieder in die Verkündigung hineinzunehmen wie er. Er muss ja damit rechnen, dass ein Scharfschütze ihn erschießt. Er hat keine Angst.

Ja, man kann manche Dinge an Papst Franziskus kritisieren. Ich habe das beim Vaterunser ausgeführt. Er liefert auch manche Kanten, wo man sich einhaken kann. Aber insgesamt ist sein Pontifikat ein großes Geschenk für die Kirche!

Schauen wir in die Geschichte, auf das große abendländische Schisma. Fast vierzig Jahre hat es gedauert, zwei Päpste haben um den Vorrang gekämpft und offiziell von der Kirche kanonisierte Heilige standen in unterschiedlichen Lagern: der eine bei dem Papst, der andere bei dem anderen. Auf dem Konzil von Konstanz hat man beide abgesetzt und einen neuen Papst gewählt. Jedoch sind die beiden nicht zurückgetreten und so hatte man drei Päpste. Am 11. November 1417 hat in Konstanz dieser Wahnsinn aufgehört; Martin V. ist gewählt worden! In der Kirche sind die unglaublichsten Dinge passiert; wie da gekämpft wurde und auch viele Intrigen. Die Kirche hat das alles überlebt! Wenn man das weiß, sieht man manches mit anderen Augen. Die Kirche wird nicht untergehen, denn sie ist auf den Felsen Petri gebaut. Auf diese Zusage können und dürfen wir uns verlassen.

Der Autor ist Gründer und Programmdirektor des katholischen

Senders Radio Horeb. Er wirkt

zudem als Pfarrer in Balderschwang, wo der Sender seinen Hauptsitz hat.

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