Betrug in der Wissenschaft

„Fake News“ gibt es nicht nur in den Medien. Auch in der Wissenschaft werden „falsche Nachrichten“ regelmäßig aufgedeckt. Dabei reicht das Spektrum des Wissenschaftsbetrugs von geschönten Ergebnissen bis komplett gefälschten Arbeiten. Der Schaden, der dabei angerichtet wird, wirkt sich nicht nur nachteilig für die beteiligten Forscher aus, sondern kratzt auch am Image der Branche. Was treibt Forscher in die Unredlichkeit? Von Rainer Klawki
Time Magazin:  Titel "The fallen Idol"

Wissenschaftler bringen die Forschung voran und sie veröffentlichen nur Richtiges und Wahres. Beim zweiten Teil dieser Aussage ist Vorsicht angebracht, denn die Fakten zeigen etwas anderes: ein seit Jahren geringer Prozentsatz von publizierten biomedizinischen Studien muss widerrufen werden, weil Fehler darin sind, die die Untersuchung wertlos machen. Nicht immer ist klar, welche Motive die Ursache sind. Doch manchmal handelt es sich um Wissenschaftsbetrug, um zum schnellen Erfolg und damit an Forschungsgelder heranzukommen. Das Spektrum des Wissenschaftsbetrugs geht von Verzerrung des Studienresultats bis zur handfesten Fälschung.

Das Ergebnis vorweg: Vier Jahre Ausschluss von der Antragsberechtigung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und eine „schriftliche Rüge“. Das war im Jahr 2014 das Ende eines eher kleinen Falles von Wissenschaftsbetrugs in der biomedizinischen Grundlagenforschung. Die DFG als Financier hatte den Fall in Deutschland öffentlich gemacht. Im Mittelpunkt stand der damals junge Mediziner Ellis Grünfelder (Name von d. Redaktion geändert), der an der Forschungsgruppe eines Herzzentrums in Nordrhein-Westfalen tätig war. Das Vergehen: Grünfelder hatte elektrophysiologische Daten aus Herzstudien an Mäusen manipuliert, so die Einschätzung des DFG-Ausschusses, der zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens eingesetzt worden war. Auf eine Rückzahlung der Forschungsgelder wurde allerdings nicht bestanden. Auch einen dafür erhaltenen Wissenschaftspreis musste der Forscher nicht zurückzahlen. Seine Arbeit wurde freilich aus einer Liste der Preisträger gestrichen, die zum 25. Jubiläum der Stiftung erschienen war.

Da sich in unserem Fall die gewünschten Forschungsergebnisse bei den Untersuchungen nicht einstellten, wurden sogenannte „Spuren“ dessen, was das Ergebnis hätte sein können, hochrangig publiziert. Aufgefallen war die falsche Geschichte einem Forscher aus dem Ausland. Der US-amerikanische Blogger Paul Brookes, spießte lange Jahre unter Pseudonym in einem Internet-Blog auf seinem Spezialgebiet wissenschaftliche Fehlleistungen seiner Kollegen auf. In seiner privaten Internet-Publikation erklärte er die Fehler, die ihm aufgefallen waren. Als seine Identität öffentlich wurde, musste er zwar per Gerichtsbeschluss wegen Rufschädigung anderer zunächst sein Blog löschen, doch dann konnte er seine Erfahrungen und Ergebnisse aus dieser Zeit aufarbeiten und publizieren (P. Brookes [2014], Internet publicity of data problems in the bioscience literature…).

Daniela Knoll berichtet damals über die Motive des Forschers im „Laborjournal“ am 1.9.2014: Der Forscher sagte dem DFG-Ausschuss, es sei ihm in seiner Forschungszeit am Herzzentrum „nicht gelungen, die von der Arbeitsgruppenleiterin erwarteten Messergebnisse rasch zu erzielen“. Er habe dann damit begonnen, „Spuren zusammenzustellen“. Als alles anrüchig wurde, habe sich Grünfelder mehrfach entschuldigt. Als Grund für die wissenschaftliche Unredlichkeit nannte der Jungforscher den „befristeten Jahresvertrag“ und die „große Sorge um seine Anstellung und Karriere“. Für die Generalsekretärin der DFG war damals der von Grünfelder „beschriebene Druck nachvollziehbar“. Es entschuldige sein wissenschaftliches Fehlverhalten aber „in keiner Weise“.

Das Betrugs-Verfahren ging für die anderen Ko-Autoren und Beteiligten, die mit Namen unter der Publikation standen, glimpflich zu Ende, weil sowohl der DFG als auch der Universität in NRW ein schriftliches Geständnis des Hauptakteurs vorlagen, in dem Grünfelder zugegeben hatte, Daten in zwei Publikationen manipuliert zu haben. Daraufhin wurde auch die international hochrangig publizierte Studie zurückgezogen. Sie wurde mit dem Vermerk „Retracted“ versehen. Da der Forscher eine Alleinschuld einräumte, kamen die übrigen Co-Autoren mit dem Schrecken davon.

So speziell der Fall auch scheint, so typisch sind die Vorgänge, die auch bei anderen Fällen von Wissenschaftsbetrug im Spiel sind: Leistungsdruck, Wunsch nach Anerkennung und finanziellem Erfolg. Nach einer Darstellung von R. Busse hat auch die Aufklärung von wissenschaftlichem Betrug im biomedizinischen Bereich einige gemeinsame Merkmale:

In der Regel sind der Beschuldigte und die Institution, in welcher der Betrug stattgefunden hat, hoch renommiert.

Die Zweifel an der Richtigkeit und die Beschuldigungen werden zunächst von eher wenig Prominenten erhoben, zum Beispiel von Doktoranden, fast nie von Seiten des Institutsleiters oder des Chefs der Einrichtung.

Die Aufklärung verläuft in der Regel eher zögerlich.

Wenn die Verdachtsmomente publiziert werden oder in der Presse und bei Politikern bekannt werden, kommt es in aller Regel zu einer schnellen und vollständigen Aufklärung.

Dass es Betrug in der Wissenschaft gibt, dürfte niemanden überraschen. Es ist die Schattenseite der Wissenschaft. Im kollektiven Gedächtnis haben sich viele andere Fälle eingebrannt: solche, die zum politischen Skandal wurden (abgeschriebene Doktorarbeiten) oder auch der kometenhafte Aufstieg von Forschern mit anschließendem tiefem Fall, wie bei dem Betrug des koreanischen Stammzellforschers Hwang Wo-Sook. Hwang, von Hause aus Veterinär, hatte vorgegeben, embryonale Stammzelllinien des Menschen aus zuvor geklonten Embryonen gewonnen zu haben. Die südkoreanische Post gab ihm zu Ehren 2005 sogar eine 220-Won-Sondermarke heraus. Eine Untersuchungskommission fand später heraus: Alles war erlogen. Und die Abbildungen, die als Beweise dienen sollten, waren gefälscht worden.

Die spektakulären Fälle lassen sich in einschlägigen Büchern nachlesen wie etwa das von Simon LeVay (When Science goes wrong, 2008). Das erste Kapitel dieses Buches ist den gescheiterten Versuchen gewidmet, die Krankheit Parkinson mit humanen embryonalen Stammzellen zu kurieren.

Sind erfundene oder gefälschte Forschungsergebnisse nun die „Spitze des Eisbergs“ oder handelt es sich am Ende bei den Betrügern nur um „einige schwarze Schafe“? Betrug in der Wissenschaft gab es schon immer. Als erster Wissenschaftsbetrüger mag der berühmte Galileo Galilei gelten. Er hatte die Urheberschaft von Erfindungen angedeutet, zu denen er selbst nichts beigetragen hatte. Der Wikipedia-Artikel über „Betrug in der Wissenschaft“ hat sogar für jedes Wissenschaftsgebiet ein Unterkapitel, wer von der Archäologie bis zur Zoologie die bekanntesten Wissenschaftsbetrüger waren. Auch aus Deutschland kommen Betrüger mit weltweiter „Reputation“ aus der Welt der Wissenschaft.

Nach der Aufdeckung von Fälschungen wird oft gefragt, warum die Fehler lange unentdeckt blieben. Hier einige Erklärungen:

Wissenschaftler vertrauen in der Regel darauf, dass Fälschungen entdeckt werden, wenn Fachkollegen die Studienergebnisse zu reproduzieren versuchen, was aber selten gemacht wird, weil dies in hochrangigen wissenschaftlichen Fachzeitschriften nur selten veröffentlicht wird.

Die Tätigkeit eines Whistleblowers ist nicht mit besonderer Anerkennung verbunden.

Institutionen fürchten um ihren Ruf, wenn bekannt wird, dass in ihrem Haus wissenschaftliche Fehler gemacht werden.

Wenn der Täter eine Koryphäe ist, sind Mitarbeiter auf ein gutes Einvernehmen mit dem Fälscher angewiesen.

Universitäten und Forschungseinrichtungen versuchen mit der Verabschiedung von „Grundsätzen guter wissenschaftlicher Praxis“ und Maßnahmen zum „Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten“ gegen solche Vorkommnisse vorzugehen. Welche Strategien bei der Verzerrung einer biomedizinischen Studie verwendet werden, hat R. Griebenow analysiert. So ist die Zusammenstellung der Studienleitung ein Kriterium. Sind alle Forscher zum Beispiel als Honorarkräfte von einer einzigen Universität oder für nur ein Medizin-Unternehmen tätig, könne eine Verzerrung des Ergebnisses genauso erwartet werden, wie in dem Fall, dass in einer Vergleichsstudie ein neues Präparat gegen ein unterdosiertes bewährtes Präparat geprüft wird. Auch eine fehlende Randomisierung (Auswahl der Probanden nach dem Zufallsprinzip) oder eine fehlende Verblindung der Therapie lassen kein brauchbares Ergebnis erwarten. Doch auf diesem Sektor sind die internationalen Ansprüche hoch. Im Bereich von klinischen Studien auf einen einzigen Betrüger hereinzufallen, ist heute schwierig geworden. Die Aktivitäten in den Labors – wie in unserem Beispiel – lassen da noch mehr Einzeltäterschaft zu.

Ungünstige Auswirkungen für die Wissenschaft kommen vor allem durch die kleinen Betrügereien zustande, die in den USA als FFP (fraud, falsification, plagiarism – Betrug, Fälschung, Plagiat) bezeichnet werden. In der Summe könnte ein Trend entstehen, dass in der Wissenschaft nicht mehr sauber gearbeitet wird. Ein Glaubwürdigkeitsproblem wäre dann auch bei wissenschaftlichen Erkenntnissen die Folge.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), hat sich seit einigen Jahren mit der Thematik befasst. Sie hat deshalb „Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ erarbeitet. Sie gehen aber nicht von einer starken jährlichen Zunahme der Fälle unkorrekten Verhaltens aus.

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