Aus den Zeitschriften

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Benedikt XVI. und die Juden

Papst Benedikt XVI. hat im Herbst 2017 dem Präsidenten der „Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum“, Kardinal Kurt Koch, „Anmerkungen zum Traktat ,De Iudaeis‘“ unter der Überschrift „Gnade und Berufung ohne Reue“ übergeben. Diese fast zwanzig Seiten umfassende Auseinandersetzung mit dem Dokument der Kommission hat der Kardinal in der Zeitschrift Communio (4/2018) mit Erlaubnis des Verfassers publiziert und sich in seinem Geleitwort überzeugt gezeigt, dass dadurch „das jüdisch-katholische Gespräch bereichert wird“. In seinem Beitrag analysiert der emeritierte Papst ein von Kardinal Koch in seiner Eigenschaft als zuständiger Verantwortlicher für Beziehungen zum Judentum 2015 veröffentlichtes Dokument: „,Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.‘ Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums von ,Nostra aetate‘ (Nr. 4)“. In diesem Dokument, das nach Benedikt XVI. die bisherige Entwicklung der katholisch-jüdischen Beziehungen „autoritativ zusammenfasst“, hat der emeritierte Papst zwei Grundthesen ausgemacht: „…dass Israel nicht durch die Kirche substituiert werde, und dass der Bund nie gekündigt worden sei“. Beide Thesen nennt der ehemalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und ehemalige Pontifex „im Grunde richtig, … aber doch in vielem ungenau“, sie sollten „kritisch weiter bedacht werden“. Sowohl innerkirchlich wie auch von jüdischer Seite haben die Aussagen von Benedikt XVI. lautstarken Widerspruch erfahren, der leider von einzelnen katholischen Theologen maßlos und verletzend vorgetragen wurde (vgl. DT, 26. Juli 2018, S. 11).

Söding und Benedikt XVI.

Zuletzt hat die orthodoxe Rabbinerkonferenz in Deutschland einen Brief an Kardinal Koch geschrieben, in dem es heißt: „Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass Papst Benedikt in seinen theologischen Überlegungen für eine religiöse Wertschätzung des heutigen Judentums und einem darauf gegründeten Dialog wenig Platz lässt.“ Dies zeige sich besonders in der Haltung des Emeritus zur biblischen Landverheißung an Israel. Tatsächlich haben besonders folgende Aussagen Benedikts zur Landverheißung heftige jüdische Reaktionen hervorgerufen: Die Anerkennung des Staates Israel als eines modernen Rechtsstaates und als „rechtmäßige Heimat des jüdischen Volkes“ bedeute nicht, dass dessen Begründung „unmittelbar aus der Heiligen Schrift abgeleitet werden kann“. Nun hat sich der Neutestamentler Thomas Söding, Mitherausgeber der Zeitschrift Communio, in der Herderkorrespondenz (8/2018 Verlag Herder Freiburg) zu Wort gemeldet. Seitens der Kritiker wurde daran erinnert, dass Benedikt XVI. für die außerordentliche Form des Römischen Ritus eine neue Karfreitagsfürbitte für die Juden formuliert habe. Söding macht einsichtig, dass daran beanstandet wurde, dass Benedikt „anstatt die Bitte des nachkonziliaren Messbuches aufzunehmen, dass Gott ,sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen‘ bewahre, ,damit sie das Ziel erreichen, zudem sein Ratschluss sie führen will‘, vorformuliert habe: ,dass sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen‘ – was einer Einladung zu christlicher Judenmission gleichkomme“.

Mit keinem Satz geht Söding darauf ein, dass es sich bei dem Text von Benedikt XVI. um die Kritik eines kurialen Dokumentes handelt, das unter Leitung von Kardinal Koch erarbeitet und veröffentlicht wurde. Wenn der Exeget Söding zum Adressatenkreis der Analyse schreibt, dass von Benedikt kein Gespräch mit den Juden intendiert werde, sondern „ausschließlich Positionen in der eigenen Kirche reflektiert“ würden, fehlt dabei der Hinweis, dass es immerhin Positionen eines offiziellen kurialen Dokumentes sind. Die „Ablehnung einer Substitutionsekklesiologie, der zufolge die Kirche das ,wahre Israel‘ sei, … während Israel wegen der Ablehnung Jesu nicht mehr das auserwählte Volk sei“, und die Rede vom „ungekündigten Bund“ sind die zentralen Aussagen des Dokumentes, an denen Benedikt Korrekturen vornimmt. Söding nennt die Argumentation Benedikts „heikel“. Hinsichtlich der Ethik der Tora betone Benedikt deren Gültigkeit für den Christen, wie die Bergpredigt zeige. Die Landverheißung werde „spiritualisiert, was der Hebräerbrief reflektiere; deshalb sei die Gründung des Staates Israel eine politische, aber keine heilsgeschichtliche Notwendigkeit“. Reinheitsvorschriften, Speisevorschriften, Beschneidungsgebot und Sabbatpraxis hätten „der Identität Israels in der Vielfalt der Völker gedient, während der christliche Missionserfolg unter den ,Heiden‘ nur (!) durch die ,Aufhebung‘ dieser Gebote zu erklären sei“. Unterscheidend bleibe der Messiasglaube „ohne zu übersehen, dass Jesus … die prägenden Messiasbilder seiner Zeit, ohne sie zu verwerfen, immer auch kritisch gesehen habe“. Das Tempelopfer werde bei Benedikt nicht „durch die Eucharistie ersetzt; vielmehr geschieht eine liturgische Transformation, die den Opfercharakter der Eucharistie festhält und das Ein-für-alle-Mal des Kreuzesopfers Jesu vergegenwärtigt“. Dies sei keine Substitution, sondern ein Unterwegssein, das schließlich eine einzige Realität werde. Die Tieropfer verschwänden allerdings „notwendig“, und an deren Stelle träte die Eucharistie. Dies geht dann Söding wieder zu weit: „Diese Formulierung lädt zu Missverständnissen geradezu ein, kann aber nicht verkennen lassen, dass der Autor eschatologisch denkt …“. In den Augen von Benedikt sei der Sinai-Bund immer schon Verheißung gewesen, und der „Neue Bund“ sei bereits in der prophetischen Theologie verankert gewesen. Von einer Ersetzung des Sinai-Bundes sei im gesamten Text nicht die Rede, sondern von der „Umstiftung des Sinai-Bundes in den neuen Bund im Blute Jesu“, die „neue und für immer gültige Gestalt“ des Bundes. Von Benedikt werde das Thema Judenmission, die im Dokument der Kurie ausdrücklich abgelehnt wird, nicht angesprochen. Folgende Stellungnahme Södings wirft Fragen auf, die zeigen, dass eine breite Diskussion ohne Denkverbote innerhalb der katholischen Theologie überfällig ist: „Es kann kein Zweifel sein, dass es antijüdisch wäre, den Sinai-Bund durch den Christus-Bund ersetzt zu sehen und Judenmission betreiben zu wollen. Es kann auch kein Zweifel sein, dass auch jede Christologie, die exklusivistisch ist, dem Judentum die Luft zum Atmen nehmen würde.“

Inzwischen hat sich auch Kardinal Koch zu Wort gemeldet. Papst Benedikt habe sich nicht zu den „Grundüberzeugungen“ des jüdisch-katholischen Dialogs geäußert, „um sie zu problematisieren oder zu relativieren oder gar ,auszuhöhlen‘, sondern um sie zu spezifizieren und zu differenzieren und auf diesem Weg theologisch zu vertiefen“. Es handle sich bei diesem Text nicht um ein jüdisch-christliches Dialogdokument“. Mit dem Text werde „nichts im jüdisch-katholischen Dialog zurückgenommen“. Michael Karger

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