Aus den Zeitschriften am 4. April 2019

Aus den Zeitschriften

Depressionen in Bibel und Seelsorge

Der Anzeiger für die Seelsorge (3/2019 Verlag Herder Freiburg) hat seine Märznummer dem Thema Depression gewidmet. Unbehandelt dauern depressive Phasen durchschnittlich ein halbes Jahr. Moderne Antidepressiva helfen dabei, die verlorene Lebensqualität zurückzugewinnen. Auch begleitende Psychotherapie spielt bei der Besserung eine unterstützende Rolle. In seinem Beitrag unterscheidet Wolfgang Reuter, Professor für Pastoralpsychologie, vier Schweregrade „depressiver Episoden“: Leichte depressive Episode (Patient kann „trotz Leistungseinbuße seinen beruflichen und privaten Pflichten gerecht werden, sofern es sich um Routine handelt“), mittelgradige depressive Episode (Anforderungen können „nur noch zeitweilig bewältigt werden“), schwere depressive Episode (ständige Betreuung ist erforderlich, „Klinik wird notwendig“), schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen. Reuter erinnert an die Deutung des „Sinnes der Schwermut“ als einer „geistigen Angelegenheit“, die Romano Guardini 1963 niedergeschrieben hat: Die Schwermut „reicht zu tief in die Wurzeln unseres menschlichen Daseins hinab, als dass wir sie den Psychiatern überlassen dürfen“. Reuter folgert daraus, dass Pastoral und kirchliche Seelsorge sich nicht aus dieser „vielleicht negativsten Form menschlicher Welterfahrung“ heraushalten sollten: „Insofern Seelsorge sich immer an den ganzen Menschen … richtet, gibt es für sie kein Ausschlusskriterium, bei welcher Erkrankung auch immer. Es ist ja gerade eines ihrer unverwechselbaren Charakteristika, dass Seelsorge sich selbst dann nicht zurückzieht, wenn alle medizinischen und therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.“ Ausgehend vom Beispiel der schweren Depression, die der Prophet Elija (1 Könige 19, 4ff) erleidet, dem der Engel Gottes die „Lebens-Mittel“ Brot und Wein anbietet, verweist Reuter auf die „alten und bewährten ,Lebens-Mittel‘ der Seelsorge – Gottesdienst, Gottes Wort, Gebet, Rituale und Segen, Geste, Berührung, das Miteinandersprechen wie auch das Schweigen“. Sie sollten neben der ärztlich-psychotherapeutischen Behandlung nicht ausgeschlossen werden: „Ziel seelsorglichen Handelns ist dabei nicht die Heilung im medizinischen Sinne, sondern … Trost und stellvertretende Hoffnung.“ Im Alten Testament werden Verhaltensweisen geschildert, die die Diagnose Depression nahelegen. Der Alttestamentler Bernd Willmes hat einige „Fallbeispiele“ zusammengestellt. Da ist zunächst König Saul, der von Gott verworfen wird und dem David als der Gesalbte Gottes auf dem Thron nachfolgt. Zeitweise kann David als Musiktherapeut die Depressionen Sauls lindern. Seine Selbsttötung könne man aber auch als Konsequenz aus seiner aussichtslosen Lage nach verlorenem Kampf deuten. In den sogenannten „Konfessionen“ klagt Jeremia über Erfolglosigkeit seines Prophetenamtes: „Er fühlt sich verfolgt, selbst von seinen nächsten Bekannten im Stich gelassen. Seine Verzweiflung ist so groß, dass er in 20, 14–18 den Tag seiner Geburt verflucht. Trotz seiner erfolgreichen Wirksamkeit als Prophet wünscht sich Elija in der Wüste den Tod. Er wird vom Engel Gottes gestärkt und erhält neue Aufträge: „Elija geht gestärkt aus der Krise, der depressiven Phase, hervor.

Interview mit Kardinal Kasper

In einem Interview in der Herder Korrespondenz (3/2019 Verlag Herder) hat der emeritierte Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, zu aktuellen Fragen Stellung genommen. Er weist die Anschuldigung, dass der bereits unter Papst Johannes Paul II. von Kardinal Martini gegründete Sankt Gallener Gesprächskreis von Kardinälen und Bischöfen die Wahl von Papst Franziskus massiv beeinflusst habe, als „reine Verschwörungstheorien“ zurück. Der Kreis habe zudem nur bis 2006, ein Jahr nach der Wahl von Papst Benedikt, bestanden. Zum Verlauf des Konklaves 2013 sagte der Kardinal: „Dass ich am Ende für Bergoglio war, das stimmt.“ Die Ehelosigkeit der Priester werde, so Kasper, „die Regel der Kirche bleiben“, und er fügt hinzu: „Die Situation der Kirche, auch und gerade in Deutschland, wird nicht einfacher. Da brauchen wir Priester, die wirklich ganz für die Sache da sind und ihr ganzes Leben dafür einsetzen.“ Folgender Aussage sollte eigentlich jeder Priester zustimmen können: „Ich halte es immer für eine Beleidigung, wenn mir jemand sagt: ,Du lebst im Zwangszölibat‘ – ich habe schon gewusst, was ich tat!“ Trotzdem sieht

Kasper für die Zukunft auch in Deutschland sogenannte „Viri probati“ voraus, allerdings nur im „Einzelfall“. Als „ungeheuerlich“ bezeichnet Kasper die „Illoyalität“ einzelner Kardinäle und Bischöfe gegenüber Papst Franziskus und nennt ausdrücklich den emeritierten Nuntius in den USA, Erzbischof Vigano, der dem Papst schwere Versäumnisse im Umgang mit dem Missbrauchsfall McCarrick vorgeworfen hatte. Auch in diesem Interview wiederholt Kasper seine Vorbehalte gegenüber dem von Kardinal Müller veröffentlichten „Glaubensmanifest“: Einzelne Aussagen seien in einer „schneidenden Sprache“ vorgetragen worden, „ohne jede von der Sache her nötige Differenzierung“, daher wirke der Text „spaltend“ und sei auch „nicht mehr, im ursprünglichen Sinn des Wortes verstanden, katholisch“. Auch seinen merkwürdigen Vergleich mit Luther

hat Kasper hier ausdrücklich wiederholt: Mit dem Verweis „auf den Antichrist“ habe sich Müller „einer Sprache bedient, die mich deutlich an Luther erinnert hat, und die hat – wie man weiß – nicht zur Einheit, sondern zur Spaltung geführt“. Hinsichtlich des Eucharistiestreites unter den deutschen Bischöfen, in dem Kasper ja

von Anfang an entschieden Partei ergriffen hat, wiederholt er seinen Standpunkt, wobei er auch hier für den pastoral gebotenen Einzelfall votiert, wodurch allerdings die Einheit im Glauben als Voraussetzung

der Kommuniongemeinschaft faktisch aufgegeben wird: Wenn der evangelische Ehepartner in einer „konfessionsverbindenden Ehe“ „Ja sagt zu dem, was in der Kommunion geschieht, und ein inneres Verlangen

danach hat, soll man ihn dann in seinem solchen begründeten Einzelfall ausgerechnet vor dem Altar“ von seinem Ehepartner trennen? So finden sich im Interview neben scharf vorgetragenen bekannten Positionen auch einige bemerkenswerte Akzentverschiebungen. Michael Karger

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