Feuilleton

Aufmerksamkeit trotz Bedeutungsverlust

Der Evangelische Kirchentag und wie er medial rezipiert worden ist. Von Peter Winnemöller
37. Deutscher Evangelischer Kirchentag - Abschlussgottesdienst
Foto: Bernd Thissen (dpa) | Teilnehmer beim Abschlussgottesdienst des Kirchentages im Signal Iduna Park.

Was heute stattfindet, findet in den Medien statt oder es findet nicht statt. In der Wirklichkeit ist Dortmund der Austragungsort des Evangelischen Kirchentages. Die Teilnehmer müssen sich auch im 21 Jahrhundert auf den Weg machen, wenn sie volle sinnliche Teilhabe wollen. Wer sich interessiert und auf Gerüche, Geschmäcker und drangvolle Enge verzichten kann, verfolgt den Kirchentag in den Medien.

„Vulva malen“? Sex sells!

Vorab schon, noch bevor der erste Teilnehmer eingetroffen war, stand das Treffen der Protestanten im Medienfokus. Die erste Meldung mit Knalleffekt behandelte die Veranstaltung „Vulva malen“. Sex sells, auch bei Christentreffen. Ein findiger Journalist findet sich immer, der solche Kuriositäten ausgräbt. Die AfD darf nicht kommen. Das prägte die Berichte unmittelbar vor der Eröffnung. Kirchentag, hat das nicht zumindest am Rande was mit Gott zu tun? Die Vorberichte ließen den aufmerksamen Leser zweifeln. Der Montag danach ist von Bildern geprägt. Der Abschlussgottesdienst im Westfalenstadion. Leere Ränge sind zu sehen. Berichterstatter und Kommentatoren sind gleichermaßen enttäuscht. Nur 80 000 Dauerteilnehmer wurden gemeldet. Am Abschlussgottesdienst nahmen nur 32 000 teil. Das Stadion zeigte sich halb leer. Mit 100 000 Dauerteilnehmern war gerechnet worden. Der Medienrelevanz tut das keinen Abbruch. Ganzseitige Hintergrundberichte am Tag danach sind in Lokalzeitungen immer noch üblich. Auch die Kosten sind ein Medienthema. Kirche und Geld macht sich immer gut und vor allem die 2,8 Millionen Euro aus der öffentlichen Hand. Die Tage selbst waren in den Medien, vor allem online, geprägt von Prominenz. Online ist zeitnah, man ist nahe dran. Angela Merkel war da, der Bundespräsident, der DBK-Vorsitzende ebenfalls. Dessen Absage an ein gemeinsames Abendmahl auf dem ÖKT 2021 war eine Nachricht wert. Vieles, was in den Medien wahrnehmbar war, war erkennbar politisch und weniger religiös.

Die Ausgrenzung der AfD und zahlreiche Stellungnahmen gegen „Rechts“ waren Meldungen. Wer noch nie vom Kirchentag gehört hätte, könnte auf Grund der Berichterstattung an einen gemeinsamen Event von SPD und Grünen denken.

#Kirchentag und #DEKT19

In den sozialen Medien sind außer den professionellen Berichterstattern auch die Teilnehmer und die Aktiven unterwegs. Auf Twitter präsentierte sich der #Kirchentag auch unter #DEKT19. Das waren die beiden führenden Hashtags. Eine protestantische Pastorin echauffierte über männliche Kritik gegen das umstrittene „Vulven malen“. Stolz präsentierte sie ein Foto mit ihrem Gemälde. Weitere Frauen folgten ihrem Beispiel. Auf Twitter waren es auch viele politische Themen. Flüchtlinge, Klima, Gendersprache, Umgang mit Lebensmitteln. Hier schien zumindest ab und an eine Frage nach Gott durch. Ein ähnliches Bild zeigte sich auf Facebook. Reichlich Bilder mit den grünen Schals und politischen Botschaften. Erst zweiter Blick zeigte dann auch mal Gottesdienste oder Bibelarbeit. In den Nachrichtenagenturen kna und epd war die Art Meldungen bunt gemischt, so weit sie sich in den Zeitungen wiederfanden. Die Agentur IDEA legte eher den Schwerpunkt auf religiöse Themen. Es geht auch mal um Gott auf dem Kirchentag. Beim Ex-Bundespräsidenten Wulff wird es schon wieder politisch mit der unendlichen Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Inhaltliche Übereinstimmung mit Medienleuten

Ein Blick über die Medienlandschaft vor, während und nach dem EKT zwingt das Fazit auf, dass die Veranstalter auch 2019 sehr stark auf eine politische Ausrichtung des Treffens gesetzt hatten. Dass es dabei einseitig links-ökologisch zuging, setzt nur den Trend fort, den man seit Jahrzehnten insbesondere aus den Landeskirchen kennt. Kein Wunder also, dass dies den Schwerpunkt der medialen Aufmerksamkeit ausmacht. Eine zumindest politische Übereinstimmung mit der Mehrheit der Medienschaffenden lässt das Echo des Kirchentages in den Medien weitaus positiver klingen, als es angezeigt wäre. Der Bedeutungsverlust der meisten protestantischen Gemeinschaften nimmt demgegenüber dramatische Ausmaße an. Keine Frage, dass das Bild in den Medien ein Bild ist, welches man mit der Wirklichkeit nicht verwechseln sollte.

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