Feuilleton

Auf der Spur der Aufmerksamkeit

Die Philosophin auf dem Weg zum Glauben: Zum 70. Todestag von Simone Weil. Von Gudrun Trausmuth
Philosophin Simone Weil
Foto: IN | Die Philosophin Simone Weil.

Jeder scheint heute permanent an mehreren Fronten beschäftigt: Wir sind unterwegs irgendwohin, suchen irgendwas im Internet, telefonieren mit jemanden, aber nicht ausschließlich, sondern gleichzeitig. Multitasking als lebensnotwendige Grundkompetenz oder als Symptom unseres Untergehens in der Schnelligkeit unserer Tage? Wir sind selten in der Zeit, selten am Ort – buchstäblich verrückt, herausgefallen aus dem aktuellen Augenblick, Gefangene der Notwendigkeiten des ununterbrochenen Betriebs, Sklaven elektronischer Zusammenhänge unter dem „stählernen Gehäuse“ der Welt (Max Weber). Ja, die Welt zeigt sich als abgeschlossener Raum, scheinbar sich selbst genügend. Hört der Betrieb einmal auf, herrscht Leere, weil nur wenige Menschen alternative Haltungen im Alltag pflegen, nur wenige Freiheit vom Betrieb und seinen Zwängen bewusst einüben. „Einfach in die Luft schauen“, „die Seele baumeln lassen“ – sagte man einmal für diesen Zustand der geistigen Entspannung, der so viele Möglichkeiten in sich trägt. Das Absichtslose ist ein fruchtbarer Boden, das Aufheben der Fokussierung oft gesund und erhellend. Großer Wert wird heute auf Konzentration gelegt, auf zielgerichtete und lösungsorientierte Aufmerksamkeit, die darauf abzielt, Situationen intellektueller Herausforderung möglichst optimal zu bestehen. Was aber fehlt und nicht kultiviert wird, ist jene andere Aufmerksamkeit: frei von Nutzanwendung und befreiend zur wachen Präsenz, zum Betrachten der Welt und der Menschen, zum Hören des Herzschlags der Wirklichkeit und zum Vernehmen des Rufs der Wahrheit.

Als Kind von der Goldmarie in „Frau Holle“ fasziniert

70 Jahre nach ihrem frühen Tod am 24. August 1943 kann Simone Weil (1909 –1943) auch heute auf die Spur jenes Habitus der Aufmerksamkeit führen. Aus einer jüdischen französischen Familie kommend, wandte sich Simone Weil früh der Philosophie zu, stark geprägt von ihrem verehrten Lehrer Émile Chartier. Als „Vierge rouge“ (rote Jungfrau) bekannt, vertrat Simone Weil zunächst marxistische Thesen und engagierte sich neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin in der Arbeiterbewegung. Freiwillig arbeitete sie ein Jahr in einer Fabrik und meldete sich für den spanischen Bürgerkrieg. Die kleine und schmächtige Frau besaß ein unglaubliches pädagogisches Talent und wurde von ihren Schülern geliebt. Jahrelang litt Weil unter qualvollsten Kopfschmerzen und hatte ein zeitlebens problematisches Verhältnis zur Nahrung. Nach ihrer Abwendung vom Marxismus, begann die im engeren Sinne religiöse Formung ihrer „anima naturaliter christiana“ wohl ab 1937 mit einer Überwältigung am Ort des heiligen Franziskus, in Santa Maria degli Angeli in Assisi. Bezeichnend für Simone Weil ist, dass für sie die Initiative immer von Christus ausgeht: Er hat sie gefunden, mehr als sie ihn gesucht hat, sie wird heimgesucht, überwältigt, dann aber fühlt sie sich auch wieder verlassen. Das 1941/42 entstandene Gedicht „Die Pforte“ drückt dies aus: Jede Anstrengung der Wartenden ist vergeblich, doch am Rande der Verzweiflung öffnet sich die Pforte zum Licht.

Noch mehr lässt der in großen Bildern eine mystische Speisung darstellende „Prolog“ die tiefe und zugleich schmerzliche Christusbeziehung Weils aufleuchten: Der Bräutigam kommt, in der Dachkammer nährt er das „Ich“ des kurzen Textes mit Brot und Wein, erfüllt es ganz, dann aber das „Jetzt geh.“ – und das Ich, „das Herz wie in Stücken“, muss wieder hinunter: „Meine Stelle ist nicht in jener Dachkammer.“ Einsamkeit, Zweifel an der eigenen Liebeswürdigkeit, und doch: „Ganz innen ist etwas, ein Punkt meiner selbst, der es nicht lassen kann, mit Furcht und Zittern zu denken, dass er mich vielleicht ,trotz allem‘ liebt.“ Simone Weils geistlicher Weg ist so widerständig wie anziehend: Es ist ein Weg „von weit her“ und in großer Radikalität, man kann auch sagen, in totalem Gehorsam gegangen. Völlige und wachsende Übereinstimmung mit dem katholischen Glauben geht einher mit Weils sicherer Überzeugung, Gott wolle sie „auf der Schwelle“ und rufe sie nicht in die Kirche. Es gibt allerdings Hinweise, wonach ihre Freundin Simone Deitz sie am Sterbebett in London, wo Simone Weil, von Lungentuberkulose und Auszehrung mit 34 Jahren dahingerafft wurde, notgetauft habe.

Das Werk Simone Weils – erwähnt seien nur „Die Gottesliebe und das Unglück“, „Schwerkraft und Gnade“ und „Die Einwurzelung“ – hält viele Schätze bereit; ihr völlig singulärer und kühner Weg zum Glauben gibt Zeugnis von der Macht jener Haltung der Aufmerksamkeit, deren Fehlen eingangs beklagt wurde. Schon als Kind fasziniert von der Aufmerksamkeit der Goldmarie im Märchen „Frau Holle“, wurde dieser Habitus auch zu einem der zentralen Momente ihrer Texte: „Die Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berühren. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt.

Die kostbarsten Güter nicht suchen, sondern erwarten

Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“ Später heißt es „Die kostbarsten Güter soll man nicht suchen, sondern erwarten“ – Aufmerksamkeit präsentiert sich hier als entspannte und zugleich ernsthafte Empfänglichkeit, als Bereitschaft, ein von woanders kommendes Geschenk frei und wach entgegenzunehmen. In ihrer höchsten Qualität ist Aufmerksamkeit bei Simone Weil ein Weg zu Gott, die Schulung der Aufmerksamkeit in diesem Sinne Vorbereitung eines geistlichen Weges. Aufmerksamkeit, der Geist geöffnet wie eine Schale, bereit zum Empfangen eines freien Geschenks, ist bei Weil im Letzten ein „Warten auf Gott“ – nicht umsonst kennen die Wörter „attention“ und „attente“ im Französischen die gleiche Wurzel. ER ist es, dessen Niedersteigen in die Seele die Aufmerksamkeit vorbereitet. Simone Weil bezieht die Haltung der Aufmerksamkeit allerdings auch auf Bereiche wie Arbeit, Wissenschaft, Schöpfung, die sich aber in diesem Licht von ihrer Finalität her präsentieren und Heilsbedeutung besitzen. Besonders berührend, wie Simone Weil diese Aufmerksamkeit auf das Verhältnis zum Nächsten, zum Mitmenschen, umlegt: „Wer diejenigen, die das Kräfteverhältnis weit unter ihn stellt, als seinesgleichen behandelt, macht ihnen wahrhaft das Menschsein, dessen Schicksal sie beraubte, zum Geschenk. Soweit dies einem Geschöpf möglich ist, wiederholt er hinsichtlich ihrer die zeugende Schönheit des Schöpfers.“

Vielleicht müssen wir heute sogar noch einen Schritt zurückgehen und fragen, was diese Aufmerksamkeit überhaupt erst ermöglicht? Wie unterstütze ich etwa ein Kind, ein in diesem Sinne aufmerksamer, die Welt betrachtender und bestaunender Mensch zu werden? Vielleicht sind die Reduzierung von Programm, das Zulassen einer gesunden Langeweile, ein kontrollierter Umgang mit elektronischen Medien Stichwörter zum Weiterdenken. Genauso macht wohl eine sorgfältige persönliche Begleitung und das Fördern eines intensiven Bezug zur Schöpfung und zum Schönen den Geist weit und empfänglich. – Dann erst kann die solchermaßen ermöglichte „attention“, die Aufmerksamkeit, auch ihre von Simone Weil so wunderbar ausgeführte höchste Qualität entfalten, nämlich jene „attente de Dieu“, frei übersetzt, „gottesbereit“ zu sein.

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