Auf den gelebten Glauben kommt es an

Schwester Theresia Mende OP hielt den Festvortrag beim Verein katholischer Lehrerinnen in Würzburg. Von Alexander Riebel
Schwester Theresia Mende OP bei ihrem Festvortrag in Himmelspforten.
Foto: Vkdl | Schwester Theresia Mende OP bei ihrem Festvortrag in Himmelspforten.

Nicht nur für Religionslehrer sind die persönliche Haltung und der gelebte Glaube wichtig, alle Lehrer sollten sich am Evangelium orientieren. „Glauben leben – Glauben weitergeben“ war denn auch das Thema der 120. Bundeshauptversammlung des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen (Vkdl) an diesem Wochenende im Exerzitienhaus Himmelspforten in Würzburg. Auch wenn die Medien verkünden, dass der Glaube im ganzen Land auf dem Rückzug ist, so „spüren wir gerade bei unseren Jugendlichen die Sehnsucht und die Suche nach Orientierung, nach Halt und nach Vorbildern. Wir erkennen immer wieder, dass sie genau das suchen, was wir ihnen aus unserem Glauben geben können“, sagte die Bundesvorsitzende Roswitha Fischer in ihrer Eröffnungsrede nach dem festlichen Gottesdienst mit Prälat Günter Putz. Der 1885 in der Zeit des Kulturkampfes gegründete Verein katholischer deutscher Lehrerinnen hat von Anfang an das Wohl des Kindes in den Vordergrund gestellt; die Bildungsarbeit des Vereins orientiert sich immer am christlichen Menschenbild.

Wir müssen in der schulischen Erziehung nicht alles anders machen und neu denken, sagte Roswitha Fischer: „Müssen wir uns daran machen, Bewährtes und immer Gültiges abzustauben und wieder zum Strahlen zu bringen? Damit wird sich unsere heutiger Festvortrag befassen.“ Zuvor aber wurden Grußworte verlesen, wie das von dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Er grüßte die Bundeshauptversammlung mit den Worten des Apostels Paulus: „Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, … geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch.“ Paulus sei ein Zeuge der Gewissheit, dass der christliche Glaube nicht allein durch Geschriebenes weitergegeben wird, sondern durch vom Geist Gottes bewegte Menschen.

Den Festvortrag hielt die ehemalige Schulleiterin des Edith-Stein-Gymnasiums in Speyer, Schwester Theresia Mende OP. Sie wurde nach dem Wechsel der Trägerschaft des Edith-Stein-Gymnasiums vom Bistum Speyer 2010 beauftragt, am diözesanen Wallfahrtsort Maria Rosenberg ein Geistliches Zentrum aufzubauen; 2015 wechselte sie als theologische Referentin an das „Institut für Neuevangelisierung“ in Augsburg, das Weihbischof Florian Wörner leitet. Die im Fach Alttestamentliche Exegese promovierte Dominikanerin sprach über die biblische Person Gideon in Richter 6. Die Bibel sei die Wurzel unseres Glaubens, sie sei das Wort Gottes an uns, daher sollte die Bibel auch nicht hinter anderen Dokumenten versteckt werden. Schwester Theresia hält den Glaubensverlust zurzeit für das größte Problem. Auch Gideon sei einer gewesen, der den Willen des Herrn nicht kannte und ihm nicht vertraute, schwach war und der in einer orientierungslosen Zeit lebte. Der Bericht über Gideon handelt von der Zeit 1200 vor Christus vor den ersten Königen Saul und David; wenn ein Stamm der Israeliten angegriffen wurde, musste er andere zur Hilfe holen. Damals hat Gott „charismatische Retter“ auserwählt, die dann gekämpft haben, sagte Schwester Theresia, die in großartiger Weise die Leiden und Nöte der damaligen Israeliten verständlich machte und die Bedeutung der biblischen Geschichte in die heutige Zeit übersetzte.

Sieben Jahre hätten Gideon und sein Stamm in auswegloser Lage gelebt, in Höhlen Unterschlupf gefunden und schließlich zum Herrn geschrien, um Hilfe zu erbitten. Das, sagte die Referentin, sollten wir auch heute öfter tun; es sei besser als zu resignieren. Gott habe damals in den Kampf eingegriffen, aber nicht mit Waffen, sondern indem er einen Engel schickte; dann kam er auch selbst. So müsste wir heute auch auf Gott hören, denn wir erlebten zurzeit keine Kirchenkrise, sondern eine Gotteskrise. Gott sprach in Richter 6: „Ich habe euch aus der Gewalt Ägyptens und aus der Gewalt all eurer Unterdrücker befreit. Ich habe sie vor euren Augen vertrieben und euch ihr Land gegeben. Und ich habe euch gesagt: Ich bin der Herr, euer Gott. Fürchtet nicht die Götter der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Aber ihr habt nicht meine Stimme gehört.“ Gott komme auch heute so unauffällig in unser Leben, wie der Engel des Herrn sich unter die Eiche bei Ofra setze; es war keine normale Eiche, sondern ein Kultbaum, an dem Baal geopfert wurde. Gideon aber erkannte die Zeichen nicht und machte dem Engel des Herrn Vorwürfe: „Ach mein Herr, ist der Herr wirklich mit uns?… Jetzt aber hat uns der Herr verstoßen und uns der Faust Midians preisgegeben.“ Doch Gott kenne unsere Nöte und ist präsent – er braucht nur unsere innere Aufmerksamkeit in unserem Alltag, sagte die Dominikanerin. Der Herr wandte sich Gideon zu und sagte: „Geh und befrei mit der Kraft, die du hast, Israel aus der Faust Midians! Ja, ich sende dich.“ Der einfache Mensch Gideon wird damit zum „charismatischen Retter“. Mit der Kraft Gottes könnten wir uns immer wieder erneuern und uns unter den Segen Gottes stellen. Auch wenn sich Gideon anfänglich wehrte und ein Zweifler war, so suche Gott zur Erneuerung der Kirche doch die einfachen Menschen aus wie die Kinder von Fatima.

Gideon habe richtig gehandelt, dass er sich Gott nicht entzog, als dieser ihn ansprach. Entscheidend ist die Übernahme von Verantwortung, wenn wir angerufen sind. Gideon bat Gott, ihn durch ein Zeichen zu führen, was ihn zu tiefer Gotteshingabe bewog. Auf Geheiß des Engels legte Gideon Fleisch und Brote auf einen Felsen als Gabe für Gott, obwohl die Hungersnot groß war. „Der Engel des Herrn streckte den Stab aus, den er in der Hand hatte, und berührte mit seiner Spitze das Fleisch und die Brote. Da stieg Feuer von dem Felsblock auf und verzehrte das Fleisch und die Brote. Der Engel des Herrn aber war Gideons Augen entschwunden.“ Ein Mahl anzubieten heißt im Orient Freundschaft zu schließen, führte die Vortragende aus. Bei dem alttestamentlichen Brandopfer hat Gott das Opfer entzündet und angenommen; Gideon verstand nun, dass er den Engel des Herrn vor sich hatte, bekam Angst, wurde von Gott beruhigt, dass er nicht sterben werde und baute ihm einen Altar, der noch bis heute in Ofra steht, der Stadt der Abiësriter. Der weitere Hergang der Schlacht ist außergewöhnlich. Gideon konnte zwar 32 000 wehrfähige Männer um sich versammeln, doch dem Feind war er noch immer völlig unterlegen. Dass Gott dem Menschen neue Wege öffnet, zeigt sich grade an der Geschichte von Gideon. Denn Gott forderte ihn auf, alle Männer zurückzuschicken, die Angst hatten und eine Niederlage befürchteten. Es waren 22 000. Doch von den restlichen 10 000 sollte Gideon weitere Soldaten aussortieren, es waren Gott noch immer zu viele Soldaten. „Gideon führte die Leute zum Wasser hinab und der Herr sagte zu ihm: Stell alle, die das Wasser mit der Zunge auflecken, wie es ein Hund tut, auf einen besonderen Platz, und ebenso alle, die sich zum Trinken hinknien. Die Zahl deren, die das Wasser aufleckten, betrug dreihundert Mann.“ Die nahm Gideon mit. Die Dreihundert umstellten mit Fackeln in der Nacht das feindliche Lager, die Gegner glaubten, die Angreifer seien in der Übermacht und töteten sich in der Verwirrung und Panik gegenseitig. „Man muss die Verrücktheit aufbringen, Gott alles zuzutrauen“, endete Schwester Theresia Mende OP ihre Erzählung, denn Gott könne immer Wege gehen, die wir nicht kennen. Gott ergänze alles, was wir haben. Gideon war eigentlich arm und schwach, doch er gab alles für Gott, was er hatte: sein Leben. Von der unendlichen Güte Gottes Zeugnis zu geben sei die beste Verkündigung.

Schwester Theresia Mende OP zeigte auch ganz praktische Beispiele für das Leben und Weitergeben des Glaubens. In einem Film gingen junge Missionarinnen in einem Dorf von Haus zu Haus und läuteten bei den Bewohnern. Die jungen Frauen machten durchweg gute Erfahrungen, und das Ziel am Ende der Woche war es, dass die Menschen ihren Platz im Leben finden. Der an dem Projekt beteiligte Weihbischof Florian Wörner sagte in dem Film, es gehe darum, den Glauben zu bezeugen, etwas für den Glauben zu tun und sich darüber Gedanken zu machen, wie wir ihn an künftige Generationen weitergeben können. Wichtig war den jungen Missionarinnen das Gebet, sagte Schwester Theresia, und während die Frauen durch die Dörfer gingen, haben andere vor dem Allerheiligsten gebetet. Die Bewohner der Dörfer wurden zu einem Abend der Versöhnung eingeladen. Über alle Erwartung hinaus wurde die Kirche voll und die Beichte so stark angenommen, dass fünf Priester drei Stunden lang in den Beichtstühlen waren. Und der Wunsch der Gläubigen war groß, Abende der Versöhnung zu wiederholen.

Ein anderes Beispiel für den gelebten Glauben und seine Weitergabe sind die Anbetungsnächte im Edith-Stein-Gymnasium in Speyer. Als Schwester Theresia Mende OP hier noch Schulleiterin war, hatte sie mit anderen Lehrerinnen eine Nacht der Anbetung geplant und dazu auch Schülerinnen eingeladen. Auch hier war der Erfolg überwältigend: Zur ersten Nacht kamen 60 Schülerinnen, zur zweiten schon doppelt so viele und in der dritten Nacht waren es rund 200. Bei dieser Zahl ist es dann auch bei den folgenden Anbetungsnächten geblieben. Das Erstaunliche sei gewesen, dass nun auch ein Drittel der Schülerinnen evangelisch waren. Sie konnten zwar bei der Kommunion nicht teilnehmen, aber dennoch nach vorn kommen, die Hände vor sich kreuzen und so dem Priester ein Zeichen geben, dass sie gesegnet werden wollen. Auch den Rosenkranz haben sie gebetet. Alle Schülerinnen haben das Beten schnell gelernt, wenn sie es von zu Hause nicht kannten; das Besondere an diesen Nächten war für alle die Beichte. Auch die evangelischen wollten beichten. Acht Kinder wurden, motiviert durch diese Anbetungsnächte, getauft, einige Eltern sind wieder zur Kirche zurückgekehrt, nachdem sie früher ausgetreten waren. Die neue Erfahrung der Schülerinnen war es, vor dem Lernen zu beten.

Den Glauben leben – was das konkret für Lehrerinnen bedeutet, die christliche Vorbilder sein sollen, das hat die 120. Bundeshauptversammlung des Vkdl eindrucksvoll gezeigt. Die Schule kann eine Vorbildfunktion in der Weitergabe des Glaubens haben und damit den jungen Menschen den Sinn geben, den sie in der Gesellschaft nicht finden.

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