Auch Heiden handeln nach dem Naturgesetz

Der Philosoph Jacques Maritain sieht in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ein Begründungsproblem. Von Christoph Böhr

Jacques Maritain, der große Denker des katholischen Frankreichs im 20. Jahrhundert, lebte von 1882 bis 1973. Als Philosoph vertrat er einen thomistisch geprägten Realismus und einen christlich begründeten Personalismus. Gelegentlich erwähnt man ihn als Gewährsmann der 1948 verabschiedeten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (AEMR) der Vereinten Nationen, die aus mehreren Gründen bis heute von fortdauernder Bedeutung ist: Nicht nur, weil sie als ein historisches Dokument im Schatten der gerade erlebten beiden Weltkriege grundlegende Schlussfolgerungen aus diesen humanitären Katastrophen zu ziehen versucht, sondern auch deshalb, weil der Begriff der Würde des Menschen erstmals – und noch vor Verabschiedung des deutschen Grundgesetzes im darauffolgenden Jahr – in einer amtlichen Verlautbarung eine ausdrückliche Verwendung findet.

Vorausgegangen war der Verabschiedung dieser Deklaration am 10. Dezember durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen ein Symposion unter Federführung der UNESCO im Jahr 1947; dazu wurden eine Reihe von Persönlichkeiten unterschiedlichster Fachgebiete und Weltanschauungen um einen schriftlichen Text gebeten; diese Vorarbeiten dienten einem Ausschuss als Anregung für die Abfassung eines Memorandums über die „Grundlagen einer internationalen Menschenrechtserklärung“, und zwar unter maßgeblicher Beteiligung von Maritain, der bereits 1942 sein Buch „Menschenrechte und Naturrecht“ veröffentlicht hatte.

Welche Rolle nun Maritain genau spielte und ob es begründet ist, ihn als Gewährsmann der Menschenrechtserklärung zu bezeichnen, untersucht Phillipp Saure in einer kenntnisreichen und quellennahen Arbeit. Das Interesse an Maritain ist seit je vor allem geprägt durch die Frage, wie es möglich ist, dass ein dezidiert christlicher Denker eine prononciert neutrale Erklärung bekräftigt und gutheißt, obwohl sie jeglichen Bezug auf die eigenen weltanschaulichen Überzeugungen vermissen lässt. Saure arbeitet heraus, dass für Maritain die praktische – und das heißt: politische – Übereinkunft hinsichtlich der Menschenrechte möglich wird durch den Verzicht einer theoretischen Übereinkunft in Weltanschauungsfragen. Die praktischen Schlussfolgerungen unterschiedlicher theoretischer Wahrheitsansprüche konvergieren in der Feststellung: Es gibt ein Menschenrecht. Soweit die Menschenrechtserklärung in einem Katalog von Grundrechten diese Feststellung entfaltet, findet sie die Zustimmung Maritains, der insoweit zu Recht als deren Gewährsmann gelten kann.

Damit ist aber nur die eine Seite des Problems beschrieben. Die andere Seite erscheint eher schwieriger, wenn nämlich die Frage auftaucht: Was aber bedeutet es, beispielsweise, ein Recht auf Leben zu haben? Um solche Deutungsfragen im Alltag beantworten zu können, bedarf es bestimmter Kriterien der Interpretation – und genau hier kommen dann wieder die zuvor als praktisch-konvergierend beschriebenen weltanschaulichen Überzeugungen als theoretische Prämissen in den Blick.

Maritain argumentiert ganz naturgesetzlich

Dass Maritain im Hinblick auf den der weltanschaulichen Neutralität geschuldeten Verzicht jeglichen Hinweises, unter welcher Perspektive die erläuterungsbedürftigen Feststellungen menschlicher Grundrechte zu deuten und entfalten sind, eine Unzulänglichkeit der Deklaration erkennt, kann nicht verwundern – man denke nur an den heillosen Streit über die Deutung des Art. 1, Abs. 1 der deutschen Verfassung.

Insofern ist Maritain tatsächlich nicht als „christlicher Gewährsmann“ der Deklaration zu vereinnahmen. Eben das ist Saures These – und man wird ihr nicht widersprechen können, weil Maritain selbst diese Unzulänglichkeit der Deklaration zum Ausdruck bringt – eine Unzulänglichkeit, die nun allerdings jedweder politischen Deklaration, die in der pluralistischen Moderne Allgemeinverbindlichkeit beansprucht, zu eigen ist.

Der Clou der Maritain'schen Argumentation wird von Saure zum Thema gemacht, aber es ist auf Schritt und Tritt zu spüren, dass der Verfasser dieser Argumentation nicht über den Weg traut. Maritain argumentiert naturrechtlich. Und eben darin sieht Saure „eine Bürde“. Aber ist das wirklich eine Bürde? Das Naturrecht vertritt eine Erkenntnislehre, in deren Mittelpunkt die inclinationes naturales des Menschen stehen: seine ursprüngliche Neigung zum Guten. Deshalb kann naturrechtlich sehr wohl, wie Maritain es tut, zwischen theoretischen Begründungen und praktischen Übereinkünften unterschieden werden. Wenn ein Mensch, so behauptet das Naturrecht, sein Gewissen befragt, findet er zu einer Einschätzung, die dem entspricht, was Gott ihm ins Herz geschrieben hat. Das mag ihm gar nicht bewusst sein und schließt den Irrtum nicht aus; aber auf der Grundlage dieser Überzeugungen kann der Apostel Paulus im Römerbrief, 2,14 schreiben: Die Heiden, die das Gute tun, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sind sich selbst Gesetz – denn sie finden ohne unmittelbare Gotteserkenntnis dennoch zum rechten Handeln. Und Thomas von Aquin deutet in seinem Kommentar zum Römerbrief eben diese Stelle noch weitergehend, wenn er schreibt: „Das aber ist der höchste Grad der Würde im Menschen, dass sie nicht von andern, sondern von sich selbst aus zum Guten getrieben werden.“

Ob nun diese naturrechtliche Erkenntnislehre tatsächlich eine begründungshinderliche Bürde ist, oder ob sie nicht vielmehr eine vielversprechende Betrachtungsweise eröffnet und sich schlussendlich als begründungsförderlich erweist, führt heute wie je zu heftigen Auseinandersetzungen. Saures Arbeit hat – trotz dieser hier geäußerten Zweifel an der Perspektive des Verfassers – bleibende Verdienste: Wer Maritains Auseinandersetzung mit der Frage der – von ihm immer wieder eingeforderten – Anerkennung der Menschenrechte, für die er auch in den Augen Saures ein wichtiger Bürge ist, vertieft kennenlernen will, wird bei der Lektüre des Buches viel lernen. Die zahlreichen in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts von Maritain verfassten Schriften zur Menschenrechtsfrage werden vom Verfasser in allen Einzelheiten gründlich ausgewertet und dem Leser vor Augen gestellt.

Phillipp Saure: Christliches Naturrecht in der pluralistischen Moderne. Jacques Maritains Kritik der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Verlag Schöningh, Paderborn 2017, ISBN 978-3-506-78765-1, 327 Seiten, EUR 59,–

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