„Abstrakt ist kein glücklicher Begriff“

Mehr als 90 zum Teil noch nicht gezeigte Bilder von Gerhard Richter im Museum Barberini in Potsdam. Von Gerhild Heyder
Gerhard Richter: Abstraktes Bild (551-1), 1984
Foto: Gerhard Richter 2018 / Museum Barberini | Auf den ersten Blick scheint man Konkretes zu erkennen, aber der Schein trügt. Gerhard Richter: Abstraktes Bild (551-1), 1984, Privatsammlung.

Gegenständlich“ würde ihm mittlerweile besser gefallen, denn es seien doch „Bilder, die auf nichts zeigen“ – so der 86-jährige Meister selbst bei der Pressekonferenz zu seiner aktuellen Ausstellung im Potsdamer Museum Barberini, die sich erstmals ausschließlich Gerhard Richters abstrakter Kunst widmet. Über 90 zum Teil noch nicht gezeigte Werke Richters von den 60er Jahren bis heute haben die Kuratoren Ortrud Westheider, Direktorin des Museums, und Dietmar Elger, Leiter des Gerhard Richter Archivs in Dresden, zu Themenzyklen in neun Räumen zusammengefasst, die so klingende Titel tragen wie „Unschärfe und Konstruktionen. Frühe Abstrakte Bilder“, „Struktur und Illusion. Graue Bilder“, „Zufall und Konzept. Farbtafeln“ oder „Detail und Geste. Ausschnitte und Vermalungen“.

Glaube an Unbegreifliches ist ihm wichtig

Seit 1976 arbeitet Richter an seinen „Abstrakt“ genannten Bildern. Er möchte sie jedoch nicht als Gegensatz zur Gegenständlichkeit verstanden wissen, sondern sieht beides als gleichberechtigte Kategorien, die sich – zum Beispiel in den Übermalungen – auch vermengen können.

Eine „Gebrauchsanweisung“ wird nicht mitgeliefert, was der Betrachter sieht, bleibt seiner Vorstellungskraft überlassen. Richter versteht durchaus, dass der Besucher gerne etwas Erkennbares entdecken möchte, das Einordnen des Gesehenen sei ein natürliches Bedürfnis: „Bilder stellen immer etwas dar, was sie nicht sind. Auch abstrakte Bilder lesen wir, suchen wir ab, um zu erfahren, was da gezeigt wird. Nur so Farbe, das wäre ja langweilig.“ (Katalog)

Und die menschliche Sehnsucht nach Wiedererkennbarem wird durchaus gestillt: In den letzten farbenprächtigen Werken Richters vermeint man Landschaften, Bäume, einen See zu entdecken, je weiter man sich vom Bild entfernt, desto deutlicher – erinnernd an Impressionismus oder Pointillismus.

Überraschenderweise beginnt die Ausstellung gegenständlich: „Vorhang“ (58-1), 1964, ein Bild aus der grauen Phase, ist eindeutig als solcher zu erkennen, und dennoch: Das Abstrakte deutet sich durch jegliches Fehlen einer Definition an, welche Geschichte sich hinter den haptisch fast greifbaren Falten verbirgt, lässt spannende Deutungen zu. Dass es sich um den Vorhang eines Fotoautomaten handelt, der aus einer Auftragsarbeit stammt, kann man nachlesen, hindert aber nicht den eigenen Gedankenfluss beim Anschauen.

Drei Jahre zuvor war Gerhard Richter mit seiner Frau kurz vor dem Mauerbau aus der DDR geflohen, sicher auch vor der figurativen Vorschrift der Kunstdoktrin, hatte er doch als Meisterschüler an der Akademie in Dresden Staatsaufträge angenommen, so das Wandgemälde „Arbeiterkampf“. Im Westen gerät er in die künstlerische Auflösung des Konkreten, es ist der Beginn von Fluxus, Performance, Installation. Er rettet sich ins Grau, die Farbe wird später zurückgeholt – zunächst mit den Farbtafeln, die auch in Potsdam zu sehen sind. Bis heute lässt sich der ungemein fleißige, als teuerster lebender Künstler in keine Schublade einsortieren.

Richters an Fotografien erinnernde Bilderzyklen von Familienporträts (Tante Marianne), Stillleben, Landschaften, Historienbilder (Baader-Meinhof, Birkenau) sind bekannt, auch viele seiner ungegenständlichen Werke. Diskussionen (und Kritik vom damaligen Kölner Erzbischof Kardinal Meisner) löste 2007 sein Fenster für den Kölner Dom aus, den Entwurf hatte der Künstler dem Dom geschenkt.

Immer wieder beschäftigt sich Gerhard Richter, der aus der evangelischen Kirche ausgetretene „Atheist mit Hang zum Katholizismus“ (Kölner Stadtanzeiger) mit christlichen Themen. Seine Verkündigung nach Tizian aus der Reihe „Inspiriert von Alten Meistern“ ist ein sprechendes Beispiel (DT vom 2.8.18). Auch in der Potsdamer Ausstellung begegnet man einem Künstler, der „ohne den Glauben an eine höhere Macht oder etwas Unbegreifliches“ nicht leben kann, wie er der Zeitung „Die Welt“ offenbarte und der eine intensive Nähe zur Musik des estnischen Komponisten Arvo Pärt empfindet.

Dieser Aspekt Gerhard Richters präsentiert sich in Potsdam aber nicht auf den ersten Blick, man muss ihn finden: Den Raum 6 dominiert die Skulptur „7 Scheiben“ (Kartenhaus), eine große Glas- und Stahlkonstruktion von 2013, die den Betrachter und die Außenwelt widerspiegelt und somit für jeden Besucher ein faszinierendes individuelles Spektakel bietet, das je nach Lichteinfall (in diesem Raum darf auf Wunsch des Künstlers nur natürliches Licht herrschen) von graumilchiger Spiegelfläche bis zu flirrend-oszillierender Brechung des Kosmos immer wieder neue Ein- und Aussichten schafft. Soweit der Mittelpunkt des Raums. Die ihn umgebenden Wände zieren, einem Fries gleich und meist unbeachtet von den Besuchern, 40 kleine filigrane Zeichnungen, die den Titel „40 Tage“ tragen. 40 Tage? Beziehen sie sich auf die 40 Tage, die Jesus fastend in der Wüste verbrachte, um der Versuchung des Teufels zu widerstehen? Sind es die 40 Tage Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern oder die 40 Tage Freudenzeit zwischen Ostern und Christi Himmelfahrt? Die Zahl 40 hat hohe christliche Symbolkraft und gilt als Zahl der Initiation, Prüfung, Bewährung. 40 Tage dauert die Sintflut, 40 Tage hält sich Mose auf dem Berg Sinai auf, 40 Jahre wandert das Volk Israel durch die Wüste, wie im 4. Buch Mose (Numeri) beschrieben.

Der Denkvorgang ist das Malen selbst

Gerhard Richter erklärt sich auch nicht zu diesem Zyklus. Die Zeichnungen sind tatsächlich an 40 Tagen hintereinander entstanden, vom 26. Mai bis zum 14. September 2015, erschienen in einem Künstlerbuch 2017 in London und detailliert zu betrachten auch auf der Website des Künstlers. Sie lassen Raum für eigene Gedanken – Richter denkt nicht, sagt er, sein Denkvorgang sei das Malen, und er sei oft selber überrascht vom Ergebnis. Auch das lässt sich in der Ausstellung nachvollziehen, der Schaffensprozess seiner letzten Arbeiten ist filmisch und fotografisch dokumentiert.

Im interessanten Begleitprogramm mit Vorträgen, Filmen, Gesprächskonzerten und Extraführungen findet sich auch die religiöse Thematik: „Zum Verborgenen des Religiösen – Gerhard Richter. Abstraktion“ bietet etwa am 10. Oktober einen Dialog zwischen dem katholischen Theologen Professor Rainer Kampling und dem Kunsthistoriker Professor Eberhard König, in dem sich die beiden Referenten der Frage widmen, ob und in welcher Weise eine religiöse Wirkung von Richters Kunstwerken ausgeht. Eine sehr bereichernde Ausstellung in ihrer klugen Beschränkung auf das abstrakte Werk, die unbedingt einen Besuch in Potsdam lohnt.

Die Ausstellung im Museum Barberini, Potsdam, ist geöffnet bis 21.10.2018; Mi.–So. 10–19 Uhr.

Der Katalog aus dem Prestel Verlag kostet 39,– Euro, in der Ausstellung EUR 29,95

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