Verlassenheit

Für das Gefühl des Christen in Leid und Verfolgung gibt es einen Ausdruck von Gottferne, den auch Jesus benutzt hat: Verlassenheit.
Kreuz auf dem Domherrenfriedhof
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Kruzifix mit einer Jesusfigur auf dem Domherrenfriedhof in Osnabrück am 25. Dezember 2016. Es wird nachts angestrahlt und wirft dunkle Schatten an die Wand.

Am Ende seines Lebens, am Kreuz, als er sterbend die Arme ausbreitete, um die Welt, um uns zu umfangen, sagte Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15, 34). Tiefer Trennungsschmerz angesichts des wirklichen Menschseins, das vollends ausbrechen muss, bevor Seine Göttlichkeit offenbar werden kann: Angst, Verrat, Schweiß, Blut, Durst, Verlassenheit, Tod. Jesus hat alles mitgemacht.

Viele Menschen, die in der Nachfolge Christi auf Widerstand stoßen (und wer ernsthaft Christus nachfolgt, stößt irgendwann auf Widerstand), teilen die Erfahrung Jesu in diesem Punkt: Verlassenheit. Verlassenheit zu spüren ist – so paradox das klingen mag – geradezu die Voraussetzung für eine tiefe Beziehung zu Gott. Die selige Chiara Luce Badano fasst das zusammen, was Mystiker und Heilige mit der „dunklen Nacht“ der Seele und ihrem allmählichen Aufstieg ans Licht meinten: „Ich habe entdeckt, dass Jesus, der Verlassene, der Schlüssel zur Vereinigung ist.“

Zur Einheit der Seele mit Gott gelangen wir durch die Verlassenheit und in der Verlassenheit. Die Freude der Gottesbegegnung, die es anzustreben gilt, lässt sich nur erlangen über den Schmerz der Verlassenheit, den es anzunehmen gilt. Jesus hat es vorgemacht. Ihm nachzufolgen bedeutet, es genauso zu tun.

Josef Bordat

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