Papst Benedikt hat mich enttäuscht

Kalenderblatt (1): Heute vor 13 Jahren wurde aus Ratzinger Benedikt.

Papst Benedikt
Papst Benedikt. Foto: Lena Klimkeit/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Lena Klimkeit (dpa)

„Mach mal den Fernseher an!“ Mein Freund klingt aufgeregt. „Warum? Ich…“ – „Schnell!“ Jetzt  klingt er unerbittlich. Ich greife nach der Fernbedienung. „Welcher Sender denn?“ – „Egal!“ Etwas Großes muss passiert sein, etwas ganz Großes. Da zu dieser Zeit weder eine Fußball-WM lief noch eine Invasion Außerirdischer zu erwarten war (ich nehme an, dass sie sich, höflich, wie sie sind, zunächst anmelden würden), fragte ich mich, was denn wohl passiert sein mochte und schaltete neugierig das TV-Gerät ein. Noch bevor sich das Bild aufgebaut hatte (mein Fernseher war sehr alt) höre ich etwas von einem „Josef“. Von einem „Kardinal“. Dass das Enklave tagte, wusste ich. In meinem Kopf finden die Gedankenfetzen einander. „Nein, oder?“ – „Doch!“

19. April 2005 – wir hatten einen neuen Papst: Aus Joseph Kardinal Ratzinger war im Konklave Papst Benedikt XVI. geworden. Und da das neue Kirchenoberhaupt aus Bayern stammt, betraf mich dieses „Wir“ nicht nur als katholischen Christen, sondern auch als deutschen Staatsbürger. Am folgenden Tag konnte ich es einer großen Boulevardzeitung entnehmen: „Wir sind Papst!“ Das ist in der Tat etwas ganz Besonderes! Und viel aufregender als Fußball-WM und Außerirdischen-Invasion zusammen.

Nach der großen Freude kam der große Zweifel. So ertappte ich mich in den ersten Monaten ein ums andere Mal dabei, wie ich den in meinen Augen doch etwas kühlen und unnahbaren Intellektuellen mit dem warmherzigen Johannes Paul II. verglich und mich fragte, wie das wohl werden würde, beim Weltjugendtag in Köln, der vier Monate nach seiner Wahl im August 2005 stattfinden sollte. Müssen wir uns mit einer schriftlichen Hausarbeit und einem mit mindestens befriedigend benoteten Leistungsschein in Dogmatik für die Teilnahme am WJT bewerben? Bekommen wir statt pastoraler Botschaften theologische Vorlesungen? Kurz: „Kann“ der große Benedikt überhaupt mit der Jugend? Johannes Paul konnte – und wie! Aber Benedikt? Mit Habermas diskutieren – es gibt keinen Besseren! Aber zu Pfadfindern sprechen?

Ich wurde enttäuscht. Fünf Tage lang hieß es in ganz Köln „Be-ne-de-to“! Weil die katholische Jugend ihn vorbehaltloser aufnahm als andere Kreise innerhalb der Kirche. Was heißt „vorbehaltloser“ – mit offenen Armen! Ich wurde enttäuscht, weil ich mich getäuscht hatte. Selten war ich so froh ob eines Irrtums. Das Auftreten des neuen Papstes beeindruckte mich sehr. Ich verband mich dem in Köln entstandenen Netzwerk „Generation Benedikt“ (heute „Pontifex“). Sicher: Manchmal fiel der Heilige Vater noch in den Hochschullehrerhabitus zurück (etwa bei seiner Regensburger Rede), doch schon bald stand fest: Es hätte die Kirche nicht besser treffen können mit diesem Papst.

Benedikts Enzykliken sind epochale Beiträge zur Analyse der Lage von Kirche und Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts. Seine Reisen führten in die Brennpunkte kirchlicher Mission und sozialer Spannung. Sein Auftreten war bescheiden, seine Botschaft bestimmt. Besonders gefreut hat mich sein Besuch auf der Fazenda da Esperança in Guaratinguetá (Brasilien) im Mai 2007.

Andere sind heute noch enttäuscht. Doch selbst in den Enttäuschungen vieler Menschen hierzulande, die oft scheinbar nicht verstehen, dass ein Papst nicht in erster Linie dafür da ist, die Wünsche nicht-katholischer Meinungsmacher zu erfüllen, spiegelt sich Benedikts klare Position als Vertreter katholischer Glaubenswahrheit: „Moderne Gesellschaft. Kirche muss zu den Menschen!“ Ich höre Benedikt: „Ja, aber nicht um jeden Preis.“ – „Ökumene. Wir müssen bald zur sichtbaren Einheit der beiden Großkirchen kommen!“ Ich bekomme Benedikt nicht aus dem Ohr: „Wir müssen zunächst zur inneren Einheit mit allen Christen kommen.“ – „Sexualität. Ist für den Menschen wesentlich!“ Benedikts Bedenken: „Gerade deshalb darf sie das Wesen des Menschen nicht verfehlen.“ Das Echo des Heiligen Vaters rückt manch voreilig ausgesprochenes Urteil zurecht und pulverisiert allzu wohlfeile Stereotype.

Was ich gegenüber Benedikt empfinde, ist Hochachtung. Seine Lebensleistung als Theologe und Kirchenmann kann nicht überschätzt werden. Seine Begründung einer „geweiteten Vernunft“, die Glauben und Wissen, religiöse und wissenschaftliche Weltdeutung umfasst, seine Kulturkritik („Diktatur des Relativismus“), sein Einsatz für die Würde und das Leben des Menschen, sein mahnender Blick in die Regionen, in denen Christen verfolgt werden. Seine Weisheit, mit Demut gepaart.

Im Austausch mit vielen Menschen merke ich, wie sehr Benedikts achtjähriges Pontifikat noch nachwirkt. Besonders der Besuch in der deutschen Heimat und seine Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011 sind nach wie vor bei vielen präsent. Mit den Begriffen „Ökologie des Menschen“ und „Entweltlichung der Kirche“ hat der deutsche Papst inspirierte und inspirierende Zeichen gesetzt – nach außen und nach innen. Unter diesen Begriffen werden wir in Zukunft weiterdenken, wie wir die Kirche in Deutschland gestalten und wie unser Beitrag zur Gesellschaft aussehen kann, wo wir mitwirken können, wo wir aber auch Grenzen setzen und Widerspruch artikulieren müssen. Benedikt sei Dank.

Das Epochale am Pontifikat Benedikts ist für mich jedoch vor allem sein unermüdlicher intellektueller Einsatz, mit dem er die Vernunft des Christentums betont, um den Sinnvorrat des katholischen Glaubens einer Welt verfügbar zu machen, die sich als hoch erhaben über Religion betrachtet. Benedikt hat damit der Kirche im 21. Jahrhundert den Weg gewiesen: Sie muss die selbstbewusste Auseinandersetzung mit den Göttern der Moderne und Nachmoderne suchen, mit Markt und Machbarkeit. Der Hybris einer Selbsterlösung des Menschen setzte Benedikt in vielen Ansprachen die Hoffnung auf Erlösung durch die Gnade Gottes entgegen. Sein Pontifikat war damit wahrhaft petrinisch und marianisch zugleich: Er hat die Kirche Christi in Liebe geführt, indem er Jesus zur Welt und den Menschen brachte.

Josef Bordat