Würzburg

Wollen wir glauben?

Das Kind in der Krippe übersteigt alle Mythen.
Jesuskind in der Krippe
Foto: stock.adobe.com | Für viele ist heute der Weihnachtsglaube nur noch etwas für leichtgläubige Kinder, die den geringen Abstand des Märchens zum übernatürlichen nicht wahrnehmen. Im Bild: Jesuskind in der Krippe.

Am Heiligen Abend und an beiden Weihnachtsfeiertagen wird auch in diesem Jahr die Märchenverfilmung „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ im Fernsehen ausgestrahlt. Diese ostdeutsch-tschechische Koproduktion von 1973 brachte vor der Bescherung märchenhafte Atmosphäre in die DDR-Wohnzimmer. Gezielt hat das sozialistische Staatsfernsehen mit dem Märchen an Weihnachten den eigentlichen Inhalt des Festes verdrängt und ersetzt. Dies war kein plötzlicher Bruch. Märchen statt Weihnachten war der Endpunkt einer längeren kulturellen Entwicklung. Vorausgegangen sind die Verbindung von Weihnachten und Märchen sowie die fatale Wende: Weihnachten wird Märchen und Mythos. Bewusst planten die Brüder Grimm, dass die „Kinder- und Hausmärchen“ 1812 als „Weihnachtsgeschenk fertig werden“ sollten.

Christliche Überlieferung als Hauptangriffsziel des Rationalismus

Die romantische Bewegung, zu der auch die Brüder Grimm gehörten, verstand sich als Reaktion auf die Aufklärung, die jede Überlieferung entmachtet hatte: Nichts dürfe als Gewissheit angenommen werden, woran sich zweifeln lasse. Vor allem war die christliche Überlieferung, die Heilige Schrift, das Hauptangriffsziel des Rationalismus. Der Anspruch der Kirche, als durch die Zeit hindurch bestehende Instanz die alleinige Auslegungskompetenz für die in ihr entstandene Heilige Schrift zu besitzen, wurde massiv bekämpft. Allein Vernunftargumente, keine Traditions- oder Autoritätsargumente können vor der autonomen Vernunft als letzter und höchster Instanz Geltung beanspruchen. Auf diesem Wege wurde die Aufklärung zur historischen Forschung und zur historisch-kritischen Exegese.

Als unumstößliches Gesetz der Geschichte galt für die Aufklärung die fortschreitende Entzauberung der Welt vom Mythos zum Logos, von der kindlich-naiven, vorwissenschaftlichen Stufe der Menschheitsentwicklung hin zum wissenschaftlichen Weltbild. Reaktion der Romantik darauf war die Umkehrung dieses geschichtsphilosophischen Grundschemas: Weg von der Herrschaft des Logos, der abstrakten Ratio, zurück zum Mythos.

Menschwerdung Gottes als Mythos unter vielen

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In zwei Richtungen hat die historische Forschung den Menschwerdungsglauben aufgelöst: Die vergleichende Religionswissenschaft hat die Menschwerdung Gottes, wie sie die Evangelien bezeugen, zu einem Mythos unter vielen ähnlichen relativiert. Die Bibelkritik meint, dass man fast nichts historisch Belegbares über Jesus Christus sicher nachweisen könne. Bereits 1910 hat der Philosoph Arthur Drews in seinem Buch „Die Christusmythe“ die damaligen religionswissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengefasst und daraus gefolgert, „dass so ziemlich alle Züge des historischen Jesusbildes … einen rein mythischen Charakter tragen und keine Veranlassung besteht, hinter der ,Christusmythe‘ durchaus eine historische Gestalt zu suchen“. Gleichzeitig fasste Drews den Stand protestantischer Exegese zusammen: „Während so die Kritik der evangelischen Urkunden immer kühner fortschreitet und immer weniger vom historischen Jesus übrig lässt, wächst in der religiösen Populärliteratur die Zahl der Werke ins Ungeheure, die auf Verklärung des Menschen Jesus abzielen … “

Daneben ist dem atheistischen Philosophen auch nicht entgangen, dass dieser Mensch Jesus stets ein zeitkonformes Wunschbild darstellte: „Im übrigen besteht die ,Methode‘ der ,kritischen Theologie‘ bekanntlich darin, ein bereits vorher feststehendes Jesusbild, wonach der ,Stifter‘ der christlichen Religion ein bloßer frommer Sittenprediger im Sinne der heutigen Liberalen, der Vertreter des edelsten Individualismus, die Verkörperung des modernen Persönlichkeitsideals oder sonst irgendeiner theologischen Modeansicht gewesen sein soll, an die Evangelien heranzubringen …“.

"Der neue Mythos vom irdischen Heilbringer
sollte Christus und seine Erlösung aufheben
und den Menschen in die Welt hineinbannen"
Romano Guardini, katholischer Religionsphilosoph

Seitdem gelten die an die Fleischwerdung des ewigen Wortes Logos Gottes Glaubenden als fundamentalistisch, unaufgeklärt und solche, die sich ängstlich der Moderne verweigern. Romano Guardini, der katholische Religionsphilosoph, hat durchlitten, wie der „arteigene deutsch-germanische Mythos“ das Christentum militant verdrängt hat und wie eine politische Erlösergestalt in Tod und Vernichtung führte, was selbst danach noch ohne Reue als Weltgesetz gerechtfertigt wurde. In seinem Buch „Der Heilbringer in Mythos und Offenbarung“ hat Guardini 1946 seinen Zeitgenossen diese Verirrungen bewusst gemacht und ihnen zugleich den Weg zur Befreiung gewiesen: „Der neue Mythos vom irdischen Heilbringer sollte Christus und seine Erlösung aufheben und den Menschen in die Welt hineinbannen. Wer ihm glaubte, hatte keine Möglichkeit mehr, auch nur innerlich dem Griff, der nach ihm fasste, zu entgehen.“

In seinen Weihnachtsbetrachtungen „Nähe des Herrn“ (1960) hat Guardini nochmals die Entwicklung von den Drews-Thesen über die politische Erlöserreligion des Nationalsozialismus reflektiert: „Jesus Christus sei einer aus der Reihe jener Helfergestalten, von denen der Mythos vieler Völker spreche. Gilgamesch war ein solcher im babylonischen Kulturkreis, jener Held, der halb Stern-, halb Menschenwesen, den Kampf gegen die Finsternis führt. Im griechischen Bereich war es Herakles, der sich den Mächten des Chaos entgegenstellte … Im Norden war es Siegfried, der den Drachen, Symbol der feindlichen Mächte, überwindet; hinter ihm aber erscheint als größere Gestalt Baldur, der Sonnengott, den die Finsternis durch Högnis Pfeilschuss zu Fall bringt, der aber aus den Flammen seines Scheiterhaufens immer neu ersteht – und so sind noch manche zu nennen.“

Erlösermythen als Menschheitssehnsucht

C.S. Lewis, der als Philologe von der vergleichenden Mythenforschung geprägt war, wurde von dem befreundeten katholischen Professor für nordische Sprachen J.R.R. Tolkien durch das Argument, dass die Erlösermythen als Menschheitssehnsucht einmalig im Christusereignis historische Wirklichkeit geworden sind, der Rückweg zum Glauben angebahnt.

Ganz in diesem Sinne versteht auch Guardini den Mythos. Unter der Glaubensvoraussetzung, dass Gott in die Welt eingetreten ist in personaler Einheit mit einem Menschen, als „Sohn einer menschlichen Mutter“, und dabei geblieben ist, „was er ewig ist, Sohn des Vaters im Himmel“, werden alle sekundären Festinhalte gereinigt und gerechtfertigt: „Alles andere, die Freude der Gaben, die Verbundenheit der Familie, das Erstarken des Lichtes, die Heilung der Lebensnot – bekommt von daher seinen Sinn. Alles ist Gleichnis davon. Alles gleitet aber ins Bloß-Menschliche, ins Sentimentale, ja ins Brutal-Geschäftsmäßige ab, wenn das verschwindet.“ Voraussetzung ist die Einsicht, dass die Menschwerdung „etwas schlechterdings Einziges ist, dessen Begriff nur aus seiner eigenen Offenbarung heraus entgegengenommen und mit deren Worten ausgesprochen werden kann“. Es geht um die Entscheidung, „ob wir in unserem Leben wirklich Offenbarung haben wollen oder nicht. Ob wir in unserem Denken vom Urteil Gottes oder von unserem Denken ausgehen wollen. Mit einem Wort: Ob wir glauben oder ungläubig sein wollen.

Weihnachtsglaube nur für leichtgläubige Kinder

Beim Religionsphilosophen Jörg Splett findet sich der Hinweis auf den britischen Schriftsteller John Ronald Reuel Tolkien, der sich gegen die These eines Literaturwissenschaftlers wandte, der behauptete, dass Märchen deshalb nur für Kinder geeignet seien, weil man Leichtgläubigkeit brauche, um die Vorliebe der Märchen für das Wunderbare, das Übernatürliche, eben das „Unwirkliche“, annehmen zu können. Erwachsene könnten nur durch die „willentliche Aussetzung des Unglaubens“ zeitweilig zum Märchen einen Zugang finden. Demgegenüber spricht Tolkien davon, dass Kinder die Fähigkeit zum literarischen Glauben besäßen, der ganz etwas anderes sei wie das „so tun als ob“ der Erwachsenen. Literarisch glaubend betritt der Leser die Wirklichkeit des Autors, wie Spieler und Zuschauer ein Fußballfeld betreten, dabei agieren sie nicht „als ob“ dies Wirklichkeit wäre, sondern wie in einer zweiten Wirklichkeit.

Für viele ist heute der Weihnachtsglaube auch nur noch etwas für leichtgläubige Kinder, die den geringen Abstand des Märchens zum Übernatürlichen nicht wahrnehmen, kurzfristig können sie sich über die „willentliche Aussetzung des Unglaubens“ in Weihnachtsstimmung versetzen. Dieser Unglaube zerstört die echte Teilnahme, sie bleibt vorgetäuscht. Glaube ist eben kein Vermuten oder für Wahr halten, weder in der Situation des Spiels noch in der Kommunikation von Personen, sagt Splett. Glaube ist die Deutung dessen, was mir begegnet, die Weise der Erfahrung von Person. Das Weihnachtsevangelium ist die Weise, wie Gott uns begegnen will und auch hier treten wir zunächst in eine Situation ein: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging“ (Lukas 2,1). Gegenüber dem einmaligen Ereignis der Menschwerdung Gottes hieße die „willentliche Aussetzung des Unglaubens“ die personale Begegnung mit Gott in Menschengestalt und deren Anerkennung zur Hypothese oder Theorie herabzustufen. Der Glaubende sagt aber mit den Hirten: „Lasst uns doch hinübergehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat“.

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