Paris

Fabrice Hadjadj : „Schlüssel zur Natur“

Der französische Meisterdenker Fabrice Hadjadj sieht den Glauben an das Übernatürliche als notwendig an, um das Natürliche verteidigen zu können.
Natürliche Kopulation der Tiere
Foto: Hendrik Schmidt (ZB) | Das Künstliche wird dem Natürlichen zusehends vorgezogen: Der Brutkasten gilt als effizienter als die natürliche Kopulation der Tiere.

Monsieur Hadjadj, was hat uns Gott zum Thema Sex zu sagen?

Jesus lebte im Zölibat und in der Jungfräulichkeit. Von daher könnte man meinen, die Kirche habe über Sex nichts zu sagen. Oder dass sie Sex auf eine spiritualistische, regressive oder repressive Dimension verkürzt. Das würde stimmen, wäre Jesus nur ein Mensch: Man könnte ihm vorwerfen, er sei nicht sehr leibhaftig. Wenn er aber der Sohn Gottes ist – das fleischgewordene Wort – dann ändert das alles. Sein Geheimnis ist dann das Geheimnis der Menschwerdung und folglich auch das der Sexualität. Gott wollte in die Menschheit eintreten und das männliche Geschlecht annehmen. Gott wählte nicht die Androgynität. Jesu erstes Wunder findet dann bei einer Hochzeit statt, in Kana. Jesus bringt in das Hochzeitsmahl Wein ein, den Genuss des Weines, der auf den Genuss der Vereinigung von Mann und Frau verweist. Schließlich erinnert Jesus an das erste Kapitel der Genesis: „Elohim schuf Adam als sein Abbild, als Mann und Frau schuf er sie.“

"Um so offensichtliche Dinge zu sagen wie
„Es gibt Männer und Frauen“, „Ein Kind wird
von einem Mann und einer Frau geboren“ oder
„Sexualität ist eine natürlich fruchtbare Polarität“ –
dazu muss man heute offenbar an Gott,
den Schöpfer und Retter, glauben"

Was soll uns das sagen?

Sexualität ist vom Bild eines Gottes geprägt, der Gemeinschaft und Fruchtbarkeit ist, nicht sterile Uniformität. Deshalb muss die Kirche Sexualität und Fruchtbarkeit verteidigen. Es ist ziemlich ironisch, aber auch aufschlussreich: Um so offensichtliche Dinge zu sagen wie „Es gibt Männer und Frauen“, „Ein Kind wird von einem Mann und einer Frau geboren“ oder „Sexualität ist eine natürlich fruchtbare Polarität“ – dazu muss man heute offenbar an Gott, den Schöpfer und Retter, glauben. Mit anderen Worten: Im gegenwärtigen Zeitalter des technokratischen Paradigmas, in dem alles zur Fabrikation und zur Ware wird, muss man an das Übernatürliche glauben, um die Natur zu verteidigen. Man muss an das Ewige glauben, um zu Lebzeiten wirklich ein Mann zu sein und mit seiner Frau in vollen Zügen schlafen zu können.

Wenn Sie versuchen, die Sexualmoral zu beschreiben, die in der Ratgeberliteratur und den aktuellen Soaps propagiert wird – wie würden Sie diese Moral beschreiben?

Die Postmoderne ist geprägt von der Virtualisierung menschlicher Beziehungen. Das führt im Grunde zu einer postsexuellen, puritanischen Stimmung. Eine digitale Puppe ist besser als ein Mensch aus Fleisch und Blut, der Brutkasten effizienter als die natürliche Kopulation der Tiere. Heute sprechen wir über „deklarativen Sex“. Ich kann Sie bitten, nicht mehr zu sagen, dass ich ein Mann bin. Ich kann darauf bestehen, dass Sie mich Sabrina nennen, dass Sie mich für den Rest dieses Interviews als Frau betrachten, weil ich mich so fühle. Warum nicht? Ich fälle hier kein moralisches Urteil über dieses Phänomen. Ich stelle nur fest, dass ich in so einem Fall meine Rationalität und meine Animalität, mein Wort und meinen Körper trenne.

"In der heutigen Zeit der Entkörperlichung
erscheint die katholische Kirche geradezu nietzscheanisch:
Sie erinnert uns daran, dass das Fleisch das Werk
eines Geistes ist, der größer ist als wir"

Eine Art Schizophrenie?

Ich betrachte meinen Körper als Medium für meine Wünsche und Manipulationen. Die Biotechnologie zielt ganz auf die Produktion von Menschen, will also die Ausdehnung des Manipulierbaren. Wenn ich das ablehne, und wenn Sie mich weiterhin Fabrice nennen sollen, dann gehe ich davon aus, dass das, was ich bin und was ich Ihnen sage, dem entspricht, was sich in meinem Körper manifestiert. Davon gehe ich deshalb aus, weil ich Christ bin. Und vielleicht, weil ich Nietzscheaner bin. Nietzsche verteidigte „die große Vernunft des Körpers“. In der heutigen Zeit der Entkörperlichung erscheint die katholische Kirche geradezu nietzscheanisch: Sie erinnert uns daran, dass das Fleisch das Werk eines Geistes ist, der größer ist als wir. Und dass der menschliche Leib in seinem natürlichen Zustand geistiger ist als unsere Ideologien.

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Sie sind befreundet mit Michel Houellebecq, einem der großen Intellektuellen im heutigen Frankreich. In seinen Werken vertritt er die These: die Liberalisierung der Sexualität hat nicht zu einer Befreiung des Menschen geführt, sondern zur Ökonomisierung von Sex. Zu einem freien Markt, der wie jeder Markt wenige Gewinner und viele Verlierer kennt. Würden Sie dem zustimmen?

Die These findet sich bereits in Ivan Illichs Essay „The Vernacular Genus“. Die sogenannte sexuelle Befreiung hat in Wirklichkeit zu einer Gesellschaft der Vereinzelung geführt, in der sich die Menschen nicht mehr auf den Anderen hin überschreiten und wirklich verbinden wollen. Eine Unisex-Gesellschaft, in der jeder mit dem anderen in Konkurrenz steht und in der die Beziehungen nicht durch Begehren beseelt werden, sondern durch einen Vertrag geregelt sind. Der fleischliche Akt wird auf einen Akt des Konsums reduziert, einen unverbindlichen Spaß, der es dem Angestellten erlaubt, am nächsten Tag ins Büro zurückzukehren und seinen „Bullshit-Job“ fortzusetzen.

"Wenn alles erlaubt ist, ist offenbar
nichts mehr vor Gewalt sicher"

Klingt nicht besonders erotisch ...

Was wie eine Erotisierung der Gesellschaft aussieht, ist in Wirklichkeit eine Kommodifizierung der Erotik. Es ist interessant zu sehen, dass das „Ungehindert genießen“ vom Mai '68 zur #meToo-Bewegung führte. Wenn alles erlaubt ist, ist offenbar nichts mehr vor Gewalt sicher. Alles muss unter Kontrolle gebracht werden. Wir möchten, dass die Beziehungen zwischen Männern und Frauen die gleiche Transparenz haben und die gleichen Garantien bieten wie eine kommerzielle Dienstleistung. Es ist nicht mehr eine Frage des sexuellen Verlangens oder der Hingabe, sondern der optimalen Wahl aus einem rational bewerteten Angebot. Ohne den Prostituierten gegenüber respektlos zu sein (von denen Jesus sagt, dass sie noch vor den Schriftgelehrten ins Reich Gottes kommen): Man könnte sagen, dass in dieser neuen, kommerziellen Sexualmoral Prostitution und Puritanismus zusammenfallen. Es geht nicht mehr um die Anziehung des Anderen als des Anderen, sondern um eine einvernehmliche Transaktion, bei der jede Partei bei sich bleibt, fixiert auf den eigenen Vorteil.

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Kommt, wenn es um Sexualmoral oder Familie geht, eigentlich zuerst der Ritus und dann der Mythos? Anders gefragt: Verändern Ideen und Ideologien wie Gender wirklich unsere sexuelle und soziale Praxis? Oder brauchte es nicht zuerst eine Erfindung wie die Pille, damit überhaupt die Idee aufkommen konnte, Sex sei eine Lustquelle, die man problemlos mit vielen Leuten genießen kann?

Ich denke wie Marx, dass die Produktionsweisen die Denkweisen bedingen. „Gender-Theorien“ sind ein Epiphänomen. Viele Christen sehen in ihnen die Ursache des Übels. Ich würde es eher als ein Symptom sehen, und das Symptom ist gut, denn es macht das Problem sichtbar. Zunächst einmal ist es das techno-ökonomische System, das die menschliche Sexualität von der religiösen zur kulturellen und von der kulturellen zur impulsiven verschoben hat. Wir sind rationale und politische Tiere, das heißt, unsere Sexualität wird nicht durch den Instinkt geordnet. Vielmehr entfaltet sie sich, ausgehend von einer anfänglichen Gabe, durch unsere persönliche und soziale Verantwortung. Das bedeutet nicht, dass alle Zeiten und alle Kulturen gleich sind: Man muss erkennen, wo sich die ursprüngliche Gabe am besten entfaltet, so wie man den Wert eines Obstgartens an der Fülle und Qualität seiner Früchte erkennt.

Wie die Kultur einer Epoche, so ihre menschliche Sexualität?

In einer Welt, die durch Ackerbau und Viehzucht strukturiert war, wurde Sexualität erlebt wie eine angebaute Pflanze, oder wie ein Tier, das man züchtet. In der heutigen „Push-Button-Gesellschaft“ (Günther Anders) wird Sex reduziert auf einen zu befriedigenden Impuls. Früher musste man, um einen Truthahn zu Weihnachten zu haben, schon im August daran denken, einen kleinen Truthahn zu füttern und sich um ihn kümmern. Heute genügt die Lust auf einen Truthahn, jederzeit und überall, und der Supermarkt liefert ihn mit einem einzigen Klick nach Hause. Das ist es, was mit der Sexualität gerade passiert und was sie verwüstet.

Kann die Kirche hier gegensteuern?

Fabrice Hadjadj
Foto: Imago Images | Fabrice Hadjadj ist ein französischer Autor und Philosoph. Sein Buch „Réussir sa mort. Anti-méthode pour vivre“ gewann den „Großen katholischen Literaturpreis“.

Wenn die Kirche die Sexualität in ihrem Geheimnis bewahrt, dann nicht nur, weil sie weiß, dass das Fleisch das Werk des Heiligen Geistes ist und dass die Beziehung zwischen Gott und den Menschen „bräutlich“ ist. Sondern auch deshalb, weil die Denkweise der Überlieferung eng mit der Welt der Winzer und der Hirten verbunden ist. Das ist eine Welt, in der die Familie nicht nur eine Einheit der Liebe ist, sondern auch eine Einheit der Produktion. Ein „Oikos“, wie man im Griechischen sagt. „Oikos“ verweist auf die Familie und damit auch auf die Sexualität. Auf einen Ort, an dem Natur und Kultur, Animalität und Rationalität sich treffen und zum Geschenk werden. Ein Ort, an dem auch Sexualität ein Geschenk wird und kein Konsum ist.

Fabrice Hadjadj ist Autor und Philosoph. Sein Buch „Réussir sa mort. Anti-méthode pour vivre“ gewann den „Großen katholischen Literaturpreis“.     

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