Vatikanstadt

Opfern bedeutet, sich ganz zu weihen

Fragen an den Kirchenhistoriker Stefan Heid, Rom, zur Entstehung des Zölibats.
Zur Geschichte des Zölibats
Foto: Boris_Roessler (dpa) | Der ehelose höhere Klerus war immer die Präferenz, meint der Kirchenhistoriker Stefan Heid.
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Eine der wenigen Veröffentlichungen, die der emeritierte Papst in seinem Beitrag über das katholische Priestertum zitiert, ist Ihr Buch "Zölibat in der frühen Kirche". Wann ist die Enthaltsamkeitspflicht für Kleriker entstanden?

Eine klerikale Enthaltsamkeitspflicht lässt sich für die westlichen und östlichen Kirchen klar ab dem vierten Jahrhundert fassen, aber die Enthaltsamkeit wurde bereits seit dem zweiten Jahrhundert in dieser oder jener Form von den Klerikern praktiziert. Auch dafür gibt es literarische Zeugnisse in der lateinischen und griechischen Literatur.

"Das christliche Priestertum ist nicht eine späte,
so genannte frühkatholische Fehlentwicklung,
sondern hat mit der bruchlosen Einheit
von Altem und Neuem Bund zu tun"

Wie begründete die frühe Kirche diese Enthaltsamkeitspflicht? Kommt sie aus dem Judentum?

Dass sie aus dem Judentum kommt, ist durchaus nicht auszuschließen, das müsste noch genauer studiert werden. Jedenfalls hat die Enthaltsamkeitspflicht mit dem Kultgedanken zu tun. Das christliche Priestertum ist nicht eine späte, so genannte frühkatholische Fehlentwicklung, sondern hat mit der bruchlosen Einheit von Altem und Neuem Bund zu tun. Nicht zufällig spricht gerade der Hebräerbrief, der stark das Hohepriestertum Christi betont, vom (eucharistischen) Altar der Christen. Eine ausdrückliche Begründung der klerikalen Enthaltsamkeit ist selten zu finden. Zu selbstverständlich war es, dass die Ehrfurcht vor Gott die ungeteilte Hingabe erforderte. Das galt umso mehr, als die Christen den Opfergedanken überaus ernst nahmen. Eucharistie war nicht einfach ein freundschaftliches Beisammensein, sondern Opferdienst. Opfern bedeutete aber, sich ganz zu weihen. Und das schloss in der Optik der frühen Kirche selbstverständlich den Leib mit ein, ja erst recht den Leib. Das wurde nochmals verstärkt durch die eschatologische Perspektive: die Ehelosigkeit um des Himmelsreiches willen in der engeren Nachfolge Christi.

Wann wurde aus der sexuellen Abstinenz in der Ehe das Zölibatsgesetz, wie wir es in der katholischen Kirche von heute kennen?

Der ehelose höhere Klerus war immer die Präferenz. Verheirateter Klerus musste, wenn er schon verheiratet war, wenigstens seine Ehe enthaltsam fortführen. Das war im Grunde unzumutbar und bestenfalls eine Notlösung. Mit den Reformbewegungen des frühen Mittelalters, die sich gerade auch gegen sexuelle Ausschweifungen und Unmoral im Klerus   nicht ganz unähnlich der heutigen Situation   richteten, kam es zum Verbot der Klerikerehe. Man wollte die zahlreichen Probleme, die ein verheirateter Klerus mit sich brachte, vermeiden, andererseits eine innere Reform der Kirche erreichen durch einen heiligen, wirklich abstinenten Klerus.

"Eine theologische Verwerfung des Leibes gab es nicht,
konnte es nicht geben wegen der guten Schöpfung
Gottes, zu der immer auch der Leib gehörte"

Stand hinter der frühen Form der Enthaltsamkeit der geweihten Kleriker eine negative Haltung zum Leib und zur Sexualität?

Natürlich betrachtete man Leib und Sexualität vor dem Hintergrund des damaligen Wissens. Und natürlich gab es auch Misanthropen. Aber eine theologische Verwerfung des Leibes gab es nicht, konnte es nicht geben wegen der guten Schöpfung Gottes, zu der immer auch der Leib gehörte. Wir dürfen nicht den Fehler machen, die verklemmte Sexualität des neunzehnten Jahrhunderts der frühen Kirche oder dem Mittelalter unterzuschieben. Gerade das Mittelalter war höchst leibfreundlich.

Sollte es demnächst in der katholischen Kirche "viri probati" geben, wäre dann auch diese Enthaltsamkeitspflicht wieder einzuführen?

Daran könnte man durchaus denken.

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