Hannover

„Hochrelevante Glaubensfragen“

Lutherischer Geistlicher lehnt Vorschlag des evangelischen Landesbischofs Meister ab, ökumenische Gemeinden zu gründen.
Bischof Hans-Jörg Voig  (SELK).
Foto: Markus Büttner | Bischof Hans-Jörg Voig kommt der Vorschlag von Ralf Meister vor, als wolle man die „Glaubens-Erkältung“ im Land mit einem Rheuma-Mittel bekämpfen.

Der leitende Geistliche der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Bischof Hans-Jörg Voigt (Hannover) hat den Vorschlag des evangelischen Landesbischofs Ralf Meister kritisiert, ökumenische Gemeinden zu gründen. Er freue sich zwar jedes Mal, wenn es einem profilierten Christenmenschen wie Landesbischof Meister gelinge, in der säkularen Öffentlichkeit ein kirchliches Thema zu positionieren, erklärte Voigt gegenüber dieser Zeitung. Wenn er Ralf Meister richtig verstanden habe, sei sein Ausgangspunkt zur Gründung „ökumenischer Gemeinden“ der dramatische Kirchenmitgliederschwund in Deutschland. Doch komme ihm der Vorschlag von Ralf Meister vor, als wolle man die „Glaubens-Erkältung“ im Land mit einem Rheuma-Mittel bekämpfen.

"Viele Menschen halten die ökumenischen Unterschiede
deshalb für irrelevant, weil ihnen der christliche Glaube völlig
irrelevant erscheint. In diese Falle sollten wir nicht tappen"
SELK-Bischof Hans-Jörg Voigt

Wörtlich erklärte Voigt: „Viele Menschen halten die ökumenischen Unterschiede deshalb für irrelevant, weil ihnen der christliche Glaube völlig irrelevant erscheint. In diese Falle sollten wir nicht tappen! Vielmehr gilt es, mutig, herzerwärmend und gemeinsam das Evangelium zu den Menschen zu tragen und zugleich im vertrauten Gespräch geduldig weiter an den hochrelevanten Glaubensfragen zum Beispiel um die Gegenwart des lebendigen Leibes und Blutes Christi im Abendmahl zu arbeiten, in geschwisterlicher Liebe und gegenseitiger Hochachtung.“

Der evangelisch-lutherische hannoversche Landesbischof Ralf Meister hatte sich kürzlich gegenüber dem Evangelischen Pressedienst zuversichtlich über die Gründung von Kirchengemeinden mit evangelischen und katholischen Christen unter einem Dach geäußert. „Viele Menschen fragen schon heute nicht mehr danach, ob jemand evangelisch oder katholisch ist, sondern nur, ob er Christ oder Christin ist“, sagte Meister. „Wir müssen uns also überlegen, was wir gemeinsam tun können – bis hin zur Gründung von reinen ökumenischen Gemeinden.“ Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer begrüßte diese Überlegungen. „Ich bin der festen Auffassung, dass es zwischen den beiden großen deutschen Kirchen viel mehr Verbindendes als Trennendes gibt“, sagte Wilmer dem epd. Alle Christen seien aufgefordert, das Evangelium zu bezeugen. „Wie wir in der Seelsorge gemeinsame Wege gehen können, ist eine richtige und wichtige Frage für die Zukunft. Damit werden wir uns in der Ökumene ganz sicher weiter befassen.“

Frage nach ökumenischen Gemeinden nicht zielführend

Der Regensburger Diözesanpriester und Konvertit Hartmut Constien hält die Frage nach ökumenischen Gemeinden mit Blick auf die Pfarrei für überhaupt nicht zielführend. Gegenüber der „Tagespost“ äußerte er: „Natürlich stehen wir als Katholiken mit unseren evangelischen Glaubensgeschwistern immer wieder im Gespräch über unseren Glauben, halten zahlreiche Kontakte und feiern, wo dies möglich ist, auch gemeinsame Wortgottesdienste. Was Landesbischof Meister hier aber fordert, ist im Grunde nichts anderes, als das Modell der preußischen Union nun auch auf die Ökumene auszudehnen.“ Der Einschätzung des evangelischen Landesbischofs, viele Menschen fragten heute nicht mehr danach, ob jemand evangelisch oder katholisch sei, hält Constien entgegen: „In Wahrheit ist es aber doch vielmehr so, dass sehr viele Menschen in der Kirche überhaupt nicht mehr wissen, was sie eigentlich glauben. Eine Kirche, die mit immer weniger Profil daherkommt, wird dem schwindenden Glaubenswissen unserer Zeit jedenfalls nicht entgegentreten können.“ Constien erinnerte an die Forderung von Papst Franziskus, die Kirche in Deutschland solle die Evangelisierung anpacken. Mit ökumenischen Gemeinden sei das jedoch nicht zu verwirklichen.

Der Regensburger Diözesanpriester, der vor seinem Übertritt in die katholische Kirche und seiner Priesterweihe als evangelischer Pfarrer wirkte, stellte fest, dass er ein solches Anliegen schon als evangelischer Pfarrer für nicht zielführend gehalten habe. Dass aber nun mit Bischof Heiner Wilmer auch ein katholischer Oberhirte diese Idee gutheiße, mache ihn sprachlos. „An der pastoralen Wirklichkeit in unseren Pfarreien jedenfalls geht dieses Ansinnen jedenfalls vollkommen vorbei – und das gilt sowohl für die katholischen wie für die evangelischen Pfarreien, in denen ich meinen Dienst verrichtet habe. Es zeigt sich wieder einmal, dass das ursprüngliche Ziel der Ökumenischen Bewegung, nämlich im interkonfessionellen Dialog letztendlich zur wahren Einheit im Glauben und Handeln der einen Kirche Jesu Christi zu gelangen, zugunsten einer bloßen Ökumene der Anerkennung des je anderen aufgegeben wird. Christus hat uns aber die sichtbare Einheit der Kirche aufgegeben, nicht die versöhnte Verschiedenheit.“

 

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