Fulda

Gastkommentar: Ökumenische Dissonanz

Der emeritierte Fuldaer Bischof Algermissen bezeichnet es als "empörend" dass der evangelische Landesbischof Ralf Meister von einem Recht auf Selbsttötung des Menschen spricht.
Recht auf Selbsttötung?
Foto: Bernd Feil/M.i.S. via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Eine Gesellschaft, die achselzuckend auf das Selbstbestimmungsrecht verweist, wenn sich jemand umbringt, ist nicht frei. Sie ist zynisch.

Der Mensch habe ein Recht auf Selbsttötung, diese wiederholte Behauptung des evangelischen Landesbischofs Ralf Meister, mit der er sozusagen das Menschenrecht auf einen selbstbestimmten Tod fordert, ist für mich empörend, weil ich im Kontext seiner Forderung eine maßlose Überblähung der ideologisch überfrachteten Selbstbestimmung erkenne. Zudem offenbart Meisters Forderung geradezu schmerzlich, wie weit sich die ökumenische Differenz in bioethischen Fragen nach der gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“ (1989) unterdessen entwickelt hat.

Auch Sterben ist Ausdruck der wahren Selbstbestimmung

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Wer sich aus Krankheit, Lebensüberdruss und Angst das Leben nimmt, engt sich ein auf die Verzweiflung, die er spürt. Und wer ihm hilft, sich umzubringen, folgt dessen verzweifelter Selbstwahrnehmung, statt ihm eine Öffnung der verengten Perspektive zu ermöglichen. Es kränkt die Menschenwürde massiv, wenn auf eine tödliche Verzweiflung mit der Tötung des Verzweifelten reagiert wird. Das gilt auch für die Selbsttötung, ob assistiert oder ohne fremde Hilfe vollzogen. Eine Gesellschaft, die achselzuckend auf das Selbstbestimmungsrecht verweist, wenn sich jemand umbringt, ist nicht frei. Sie ist zynisch. Das geschenkte Leben bis zu seinem Ende zu leben und auch das Sterben ist Ausdruck der wahren Selbstbestimmung des Menschen. Daran muss jetzt erinnert werden.

Wer, wenn nicht wir als gläubige Menschen, sollte die Letztverfügung des Menschen über sich selbst eindeutig zurückweisen und sich klar auf die Seite des Lebens stellen? Wer, wenn nicht wir, sollte den ganzen Menschen bejahen, auch seine Begrenztheit? Weil das Leben ein Geschenk Gottes ist, hat kein Mensch das Recht, über seinen eigenen Tod zu verfügen. Wir glauben als Christinnen und Christen, dass wir nicht ver-enden werden, nur weil unsere Kraft zur Selbstbestimmung endet. Wir glauben, wir müssen nicht alles selbst vollbringen, was uns ausmacht. Wir glauben, das letzte Wort über uns sprechen nicht wir, es spricht die Liebe Gottes.

Der Autor ist em. Bischof von Fulda

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