Deutschland und Johannes Paul II.

Kommentar um "5 vor 12": Eine verpasste Chance

Das neuevangelisatorische Kapital, über das die Kirche in Deutschland verfügt wurde großenteils im Pontifikat Johannes Pauls II. akkumuliert. Wirklich genutzt wurde das Potential aber nicht. Im Gegenteil.
Karl Kardinal Lehmann
Foto: Wolfgang Kumm (dpa) | Papst Johannes Paul II. und Bischof Karl Lehmann waren nicht immer einer Meinung.

Johannes Paul II. wurde heute vor hundert Jahren geboren - ein Tag der Dankbarkeit und Freude ohne Frage. Es muss aber auch traurig stimmen, wie wenig die Kirche in Deutschland die Chancen dieses Jahrtausendpontifikats genutzt hat. Gewiss, neue geistliche Gemeinschaften gründeten sich während jener Zeit in Deutschland oder fassten Fuß. Viele Priester und Gläubige sind noch immer zutiefst vom polnischen Papst geprägt und beziehen noch heute daraus ihre Motivation. Das neuevangelisatorische Kapital, über das die Kirche in Deutschland verfügt: Es wurde großenteils in jenen Jahren akkumuliert.

Abwehrkämpfe einer sklerotischen Ortskirche

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Auf der Habenseite indes könnte es wesentlich besser aussehen, hätten weite Teile der verfassten Kirche Deutschlands mit dem Titan auf dem Stuhl Petri nicht erst gefremdelt, um sich ihm dann offen in den Weg zu stellen. Schon bei seinem ersten Deutschland-Besuch 1980 trat ihm eine Vertreterin des BDKJ gegenüber und forderte nach Ton und Inhalt, was nach Ton und Inhalt auf dem Synodalen Weg bis heute nachhallt. Einem kraftstrotzenden Inspirator der Weltkirche auf dem Weg ins dritte Jahrtausend stand zunehmend eine in Abwehrkämpfen organisierte sklerotische Ortskirche gegenüber. Die Liste der Auseinandersetzung ist lang: die Weltjugendtage störten die Kreise der kirchensteuerfinanzierten Verbandsjugend. Der Weltkatechismus wurde als Rückfall in die schwarze Pädagogik entsorgt. Die Marienfrömmigkeit, Liebe zur Eucharistie und zum Priestertum galten vielen als dem Protestantismus gegenüber peinliche ökumenische Belastung. Zum Höhepunkt kam es schließlich mit dem von Johannes Paul verfügten Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung: ein unwürdiges, fintenreiches Gezerre begann. Ein selbstbewusstes Verhältnis zu Staat und Gesellschaft hat die Kirche in Deutschland aber auch nach dem Ausstieg nicht gefunden.

Es wurde nicht besser

Es gibt hier aber ein Muster im Verhältnis von Päpsten und deutscher Ortskirche. Denn besser wurde es im Pontifikat Benedikts bekanntlich auch nicht gerade. Und auch heute, in der lateinamerikanischen Stunde der Kirche, hört man aus Rom, was man hören will. Den Primat der Neuevangelisierung, den Papst Franziskus dem Synodalen Weg gegenüber eingefordert hat, deutet man in eine allerhöchste Ermutigung zur jahrelangen Nabelschau um. Doch Franziskus kann sich trösten: auch einem Giganten wie Johannes Paul II. gelang es nicht, die Kreise einer in seliger Innenschau versunkenen Ortskirche zu stören. 

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