Porträt der Woche

Doha Sabah Abdallah: Die Lehrerin des Papstes

Doha Sabah Abdallah aus der Stadt Karakosch verlor ihren vierjährigen Sohn bei Bombenanschlägen des IS. Ihre Bereitschaft zur Vergebung beeindruckte den Papst schwer. Durch die Begegnung sei ihm die Bedeutung des Evangeliums neu bewusst geworden.
Papst Franziskus trifft Doha Sabah Abdallah
Foto: VATICAN MEDIA /CPP / IPA via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Papst Franziskus trifft bei seinem Irakbesuch am 7. März in der syrisch-katholischen Kirche von Karakosch auf Doha Sabah Abdallah. Bei einem Angriff des Islamsichen Staates wurde der vierjährige Sohn Abdallahs getötet.

Sie hat den Papst schwer beeindruckt: Doha Sabah Abdallah aus der Stadt Karakosch in der Ninive-Ebene. Auf dem Rückflug aus dem Irak erklärte Franziskus den zur fliegenden Pressekonferenz versammelten Journalisten: „Sie ist eine Frau, die ihren Sohn bei den ersten Bombenanschlägen des ,Islamischen Staates‘ verloren hat, und sie sagte ein Wort: ,Vergebung‘. Ich war sehr bewegt.“

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Das Schicksal Abdallahs spiegelt das vieler Christen wider

Tatsächlich steht das Schicksal der Frau aus der größten christlichen Stadt des Irak für das vieler Christen. Und doch ragt sie durch ihren Umgang damit heraus. An jenem verhängnisvollen 6. August 2014 wurden die Bewohner Karakoschs von Artilleriefeuer geweckt. Die Christen wussten: Der „Islamische Staat" steht vor der Tür. Ein paar Wochen zuvor hatten die Dschihadisten Gräueltaten an den Jesiden begangen. Das war den Christen nicht entgangen. Kurzzeitig waren bereits vor dem 6. August viele Menschen panisch vor den heranrückenden Dschihadisten geflohen. Auch Doha und ihre Familie. Und doch entschieden sie sich zurückzukehren – bereit zum Martyrium.

Eine Entscheidung mit Folgen. Beim Beschuss der Stadt am Morgen des 6. August kamen Dohas vierjähriger Sohn, sein Cousin und ein Nachbarjunge ums Leben. Als Doha dies dem Papst am Sonntag bei einer Feier in der syrisch-katholischen Kirche von Karakosch vorträgt, ist ihr die Trauer und Ergriffenheit auch Jahre nach dem Vorfall ins Gesicht geschrieben. Schwarz gekleidet und ernst steht sie vor dem Papst. Dennoch spricht sie konzentriert. „Unsere Stärke kommt zweifelsohne aus unserem Glauben an die Auferstehung, eine Quelle der Hoffnung. Mein Glaube sagt mir, dass meine Kinder in den Armen von Jesus Christus, unserem Herrn, sind. Und wir, die Überlebenden, versuchen, dem Angreifer zu vergeben, weil unser Meister Jesus seinen Henkern vergeben hat. Indem wir ihn in unseren Leiden nachahmen, bezeugen wir, dass die Liebe stärker ist als alles.“  

"Seinen Feinden zu vergeben, ist das reine Evangelium."

Papst Franziskus hört Doha ergriffen zu, während sie spricht. Ihre Worte hallen durch die Kirche von der Unbefleckten Empfängnis. Das Gotteshaus ist selbst zum Opfer des IS geworden. Anti-christliche Parolen und schwere Beschädigungen haben das mittlerweile renovierte Gebäude entweiht.

Später im Flugzeug bekennt der Papst, dass ihm durch Dohas Zeugnis ein Kernstück des Christentums neu bewusst wurde. „Ich vergebe. Das ist ein Wort, das wir verloren haben. Wir wissen, wie man in großem Stil beleidigt. Wir wissen, wie man in großem Stil verurteilt ... Aber zu vergeben, seinen Feinden zu vergeben. Das ist das reine Evangelium. Das wurde mir in Karakosch klar.“

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