Benediktiner

Aus für die Abtei Belloc

Die Benediktiner von Belloc hatten einst Kontakte mit dem ETA-Umfeld. Nun schließt das Kloster. 
Abtei Belloc
Foto: Javier Hernandez | Die Abtei Belloc wird nun bald schließen. Die verbleibenden Mönche werden umziehen.

Die 1874 in Urt, etwa 15 Kilometer von der südfranzösischen Stadt Bayonne entfernt im gleichnamigen Bistum gegründete Benediktinerabtei Belloc wird aufgelöst. Die 14 Benediktiner, die noch dort leben, sollen in den nächsten Monaten die Abtei verlassen.
In den fast 150 Jahren Geschichte der Abtei Belloc haben die Mönche vielen Menschen Gastfreundschaft gewährt. Berühmt-berüchtigt wurde die Abtei indes 1962, als die Mönche eine Gruppe aufnahmen, die sich dort zur ersten Versammlung der 1959 gegründeten terroristischen baskischen Organisation ETA traf.

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Gründung der ETA

In der Abtei unterzeichneten die 14 „Delegierten“ deren „Grundsätze“, in denen sich die ETA selbst als „revolutionäre Untergrundorganisation“ mit dem Ziel der Unabhängigkeit des Baskenlandes bezeichnete. In den „Grundsätzen“ kam zwar der bewaffnete Kampf nicht ausdrücklich vor, aber dort hieß es: „Es sollten die am besten geeigneten Mittel eingesetzt werden, die sich aus den jeweiligen historischen Gegebenheiten ergeben“.

Darunter verstand ETA auch die Möglichkeit, Waffen und Sprengstoffe einzusetzen, die sie ohnehin von Anfang an angesammelt hatte. So war es bereits am 28. Juni 1961 zu einem Bombenattentat in San Sebastián gekommen, bei dem mehrere Menschen verletzt, und ein anderthalb Jahre altes Kind ums Leben kam. In den folgenden 50 Jahren verbreitete die ETA Terror mit 854 Todesopfern und Tausenden von bedrohten Menschen, die teilweise in andere Teile Spaniens regelrecht flüchteten.

Ohne Wissen der Mönche

Wurde die benediktinische Gastfreundschaft missbraucht? Die spanische Zeitung „El País“ zitiert den 90-jährigen Juan José Aguirre, Archivar des Benediktinerklosters Lazkao in Gipuzkoa: Das Treffen habe „ohne Wissen der klösterlichen Gemeinschaft“ von Belloc stattgefunden. „Wir Benediktiner empfangen jeden mit offenen Armen. Ich habe den Eindruck, dass die Brüder [von Belloc] nicht wussten, dass eine ETA-Versammlung im Kloster stattfinden würde“.

Warum wählten aber die Terroristen ein französisches Kloster aus, um dort ihre erste Versammlung abzuhalten? Nach Angaben des „Diario Sur“ hielten es die ETA-Mitglieder für den sichersten Ort, zumal einige von ihnen aus der von den Jesuiten gegründeten Universität Deusto stammten, und sich zu dem Zeitpunkt bereits „Teile des baskischen Klerus gegen Francos Regime aufgelehnt, und sich für die Rechte des baskischen Volkes eingesetzt hatten“. Darüber hinaus bestanden (und bestehen) zwischen dem spanischen („País Vasco“) und dem französischen (seit 1997 offiziell „Pays Basque“) Baskenland enge Verbindungen.

Flucht der Mönche

Die Belloc-Mönche mussten um 1902, weil die französische Regierung die Auflösung der Orden anordnete, ihr Kloster verlassen. Sie suchten Zuflucht auf der anderen Seite der Pyrenäen. „Mit offenen Armen“ – so heißt es – wurden sie sowohl in Olza, Navarra als auch in Idiazabal, Gipuzkoa aufgenommen. Im Jahr 1906 zogen sie nach Lazkao und ließen sich in einem alten Karmeliterkloster nieder, das seit der Säkularisierung in den 1840er Jahren verlassen war. Das Lazkao-Kloster blieb bis 1943 von Belloc abhängig und wurde dann ein unabhängiges Priorat. Im Jahr 1967 verlieh der Heilige Stuhl ihr den Titel einer Abtei. Deshalb befinden sich viele Dokumente aus Belloc – darunter auch die Gründungsakte der ETA – in der Abtei Lazkao.

Zurück nach Belloc kamen die Mönche erst 1919 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Im Zweiten Weltkrieg spielten sie eine wichtige Rolle, als sie den französischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung unterstützten. 1943 wurden der Prior und der Abt der Kirche von der Gestapo verhaftet und in die NS-Konzentrationslager Buchenwald beziehungsweise Dachau deportiert.

Razzien im Kloster

Die Verbindungen der Abtei zum baskischen ETA-Umfeld machten sie in den Augen der französischen Anti-Terror-Behörden verdächtig, die mehrfach in der Abtei auftauchten, um Durchsuchungen und Verhaftungen vorzunehmen. Der wohl Bekannteste, der in Belloc Zuflucht suchte, war Philippe Sáez. Die spanische Zeitung „El Correo“ hat nun seine Geschichte rekonstruiert: Als 19-Jähriger wurde er für die ETA rekrutiert, 1978 und 1979 war er an mindestens vier Anschlägen beteiligt, bei denen sieben Menschen starben, unter dem Befehl eines der berüchtigtsten ETA-Mitglieder überhaupt: Henri Parot, der 1990 festgenommen, und dem 82 Morde nachgewiesen wurden.

Im Zuge der Verhaftung Parots wurde Philippe Sáez, der sich von der Terrororganisation losgesagt hatte und 1988 als Novize in Belloc eingetreten war, 1990 in der Abtei festgenommen. Er verbüßte eine 10-jährige Haftstrafe. Die Verhaftungen in der Abtei hörten aber damit nicht auf: Im Februar 2005 klopften Anti-Terror-Agenten erneut an die Türen der Abtei, um den 72-jährigen Mönch Marcel Etxandi festzunehmen. Zur gleichen Zeit verhaftete die spanische Guardia Civil im Kloster Lazkao Juan José Aguirre, den damals 75-jährigen Archivar des Klosters. Nachdem die Terrororganisation ETA im Oktober 2011 die „endgültige Einstellung“ der Gewalt verkündete, inszenierte sie am 4. Mai 2018 ihre Auflösung. Allerdings hat sie weder den Terror verurteilt noch zur Aufklärung von 358 ungelösten Mordfällen beigetragen.

Überalterung

Wegen Alterung und mangelnder Berufungen schließt nun auch die Abtei ihre Pforten, in der die „Grundsätze“ der Terrororganisation beschlossen wurden. Die 14 verbleibenden Mönche werden in das benachbarte Kloster St. Scholastika umziehen, mit dessen elf Ordensschwestern sie bereits seit drei Jahren die Gottesdienste feiern. Das Klostergebäude wurde mit Zustimmung von Bischof Marc Aillet von Bayonne der Stiftung „Habitat et Humanisme“ übertragen. Bei der Stiftung handelt es sich um eine christlich-spirituelle Bewegung, die sich für die Integration von benachteiligten Menschen durch sozialen Wohnungsbau einsetzt.

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