Schule

Vielfalt unter dem Schuldach

Orte des Dialoges. Der Vatikan will die weltweit über 200 000 katholischen Schulen als Adressen einer offenen und missionarischen Kirche profilieren. Eine Schule der Werte.
Vatikan will das Profil katholischer Schulen schärfen
Foto: (436094964) | Der Vatikan will das Profil katholischer Schulen schärfen.

Soeben hat der Vatikan ein gut 20-seitiges Positionspapier zur Identität katholischer Schulen veröffentlicht. Der noch nicht in deutscher Sprache erschienene Text ist   frei übersetzt   überschrieben mit: "Die Identität katholischer Schulen   für eine Kultur des Dialogs." Dahinter steht die Päpstliche Bildungskongregation unter Leitung von Kurienkardinal Giuseppe Versaldi. Die Kongregation reagiert mit diesem Dokument nach eigenen Worten auf eine vielfach "widersprüchliche Auffassung zur katholischen Identität von Bildungseinrichtungen".

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Profil klären

Der Vatikan möchte das Profil katholischer Schulen präzisieren  allerdings ohne allzu strenge Vorgaben. Denn Kardinal Versaldi betont: "Wir haben bestimmte Werte, die wir vorschlagen und niemandem aufzwingen." Die Kongregation gibt sich dabei einerseits katholisch grundsatztreu, aber auch offen, tolerant und pluralistisch. Zum Beispiel warnt die Kongregation zugleich vor einer unscharfen, aber auch vor zu engen Auslegungen des "Katholischen". Es wird betont, dass "wesentliche Prinzipien des katholischen Glaubens" nicht ausgeschlossen werden dürfen.

Ausschließen wolle man aber auch keine Personen, die einer engen Auslegung des Katholischen nicht entsprächen. Dies widerspreche einer aufgeschlossenen und missionarischen Kirche. Katholische Schulen seien auch keine Inseln, die allein Vollblut-Katholiken offenstünden. Schließlich, so Kardinal Versaldi, würden die katholischen Schulen ihre Schüler nicht auswählen, sondern umgekehrt würden die Schüler und ihre Eltern die Schulen auswählen. Steckt dahinter ein wenig marktwirtschaftliches Denken? Oder gar zu viel pluralistische Attitüde?

Das Positionspapier gliedert sich näherhin in drei Kapitel, die insgesamt 97 nummerierte Abschnitte umfassen. Kapitel I ist überschrieben mit "Katholische Kirchen in der Mission der Kirche". Hier geht es um den Auftrag der Kirche zur Evangelisierung   also der christlichen Verkündigung. Kapitel II lautet: "Die Verantwortlichen für die Verbreitung". Dieses Kapitel gilt dem Auftrag und den Zuständigkeiten aller Beteiligen, "katholische Identität" zu fördern und sicherzustellen.

Bildungsziele

In Kapitel III werden "Einige kritische Aspekte" aufgegriffen, die vor allem die globalisierte und multikulturelle Welt betreffen. Hier wird betont, dass die Bildungsziele katholischer Schulen keine "vollkommen egalitäre Gesellschaft" und auch kein "moralischer oder disziplinarischer Perfektionismus" seien. Allerdings bräuchten die katholischen Schulen einen dialogischen Ansatz gegenüber einer multireligiösen Welt. Hierzu wird ein gewichtiges Wort von Papst Franziskus zitiert: "Wir können keine Kultur des Dialogs schaffen, wenn wir uns unserer eigenen Identität nicht sicher sind."

Was das Institutionelle katholischer Schulen betreffe, so bräuchten sie nach Auffassung der Kongregation einen Verhaltenskodex als "Instrumente institutioneller und beruflicher Qualitätssicherung". Diese Instrumente müssten durch Arbeitsverträge oder vertragliche Erklärungen der Beteiligten rechtlich abgesichert werden. In Fällen, in denen das Zivilrecht eine tatsächliche oder vermeintliche Diskriminierung aufgrund von Religion, sexueller Orientierung und anderer Aspekte des Privatlebens verbiete, gleichzeitig den Bildungseinrichtungen aber ein eigenes Werteprofil und Verhaltenskodex zugestanden werde, verlangt der Vatikan konstruktive Lösungen.

Schule als Tendenzbetrieb

Mit anderen Worten: Katholische Schulen sollen als so genannte Tendenzbetriebe die Möglichkeit haben, ihren Beschäftigten bestimmte Überzeugungen oder etwa die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche abzuverlangen. Sollten katholische Werte und Verhaltensweisen von den Betroffenen, etwa den Beschäftigten der katholischen Schulen, trotz Vereinbarung nicht respektiert werden, könnten diese wegen mangelnder beruflicher Ehrlichkeit sanktioniert werden. Allerdings seien andere, nicht rein arbeitsrechtliche Instrumente oft besser geeignet, "die Verantwortung des Einzelnen zugunsten der Identität der Institution zu fördern". Hier spiele im Konfliktfall der zuständige Bischof eine zentrale Rolle.

Wer ist der Adressat des Vatikan-Papiers? Es sind dies die weltweit gut 210 000 katholischen Schulen. Diese sind im 1952 in Luzern gegründeten "Catholic International Education Office" zusammengeschlossen. Von den 210 000 katholischen Schulen sind gut 900 in Deutschland. Auch das ist womöglich der Grund, warum das Vatikan-Papier noch nicht in deutscher Fassung erschienen ist. Oder aber   boshaft unterstellt: Die katholische Kirche Deutschlands steht nicht mehr ganz oben auf der päpstlichen Interessensskala. Sehr viele der mehr als 200 000 dieser Schulen, vor allem in Afrika und in Südamerika, haben übrigens eine lange Tradition. Sie waren vor ein bis zwei Jahrhunderten oft die ersten, die Schulbildung   auch zum Zwecke der Missionierung   in diese Erdteile brachten. Sie sind heute noch eine tragende Säule der Entwicklungshilfe und den dortigen staatlichen Schulsystemen oft Meilen voraus.

Was bedeutet das Vatikanpapier für Deutschland?

Das Vatikan-Papier hat also in erster Linie die katholischen Schulen in Afrika und Südamerika im Blick. Trotz zum Teil langer und erfolgreicher Tradition haben es diese Schulen dort nicht immer leicht. Vor allem genießen sie dort nicht Privilegien wie ihre Geschwisterschulen in Deutschland, die zum allergrößten Teil qua gesetzlich geregelter Ersatzschulfinanzierung staatlich finanziert sind. Je nach Bundesland geht es um staatliche Finanzierungsanteile von 80 95 Prozent.

Zum Vergleich: Im Jahr 1970 gab es in den USA 11 000 katholische Schulen, zuletzt nur noch 6 000. Die Zahlen dort sind massiv rückläufig, weil die kirchlichen Schulen zu 80 bis 90 Prozent finanziell von den Eltern getragen werden müssen. Diese haben je nach Altersstufe zwischen 6 000 15 000 Dollar jährlich zu zahlen. Die Lage der katholischen Schulen in Deutschland ist im weltweiten Vergleich also ziemlich komfortabel.

Privatschulen zulässig

Dennoch gilt das Vatikan-Papier auch für die in Deutschland vorhandenen katholischen Schulen. Sogar verfassungsrechtlich sind sie geschützt. Siehe Artikel 7 (4) des Grundgesetzes: "Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen. Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird.

Die Genehmigung ist zu versagen, wenn die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte nicht genügend gesichert ist." Damit ist ein staatliches Schulmonopol ausgeschlossen. Allerdings steht über dem Absatz (4) des GG-Artikels 7 Absatz (1). "Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates." Der Bundesgesetzgeber und die Landesgesetzgeber haben daraus die Regelung konstruiert, dass Schulen in privater, also auch kirchlicher, Trägerschaft dann die gleichen Rechte haben wie öffentliche Schulen, wenn sie nach den staatlichen Lehrplänen arbeiten. Dann sind sie und die von ihnen ausgegebenen Zeugnisse "staatlich anerkannt". Wollen Schulen in privater Trägerschaft ihre eigenen curricularen Programme verwirklichen, so sind sie   wenn alle anderen Auflagen erfüllt sind   "staatlich genehmigt"; ihre Zeugnisse sind freilich den Zeugnissen der anderen Schulen nicht gleichwertig. Letzteres gilt beispielsweise für die Steiner-/Waldorf-Schulen.

Ein wenig Statistik: Von den gut 40 000 allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen in Deutschland sind rund 1100 mit etwa 214 000 Schülern in Trägerschaft der Evangelischen Kirche, 904 Schulen mit gut 360 000 Schülern in katholischer Trägerschaft. Letztere 904 Schulen teilen sich vor allem auf in 217 Gymnasien, 215 berufsbildende Schulen und 141 Realschulen. Was deren Profile betrifft, so entsprechen sie im Wesentlichen den Vorgaben des Vatikans.

Der Evangelsierung dienen

Allerdings sind sie zum Teil in einer Weise säkularisiert, dass sie nicht immer auf den ersten Blick als kirchliche Schulen erkennbar sind. Wenn sich die deutschen katholischen Schulen das Vatikan-Papier zur ständigen Vergegenwärtigung einrahmen sollten, dann vor allem das Gebot, sie sollen offen sein und der Evangelisierung dienen. Letzteres tun sie eher zurückhaltend, wenn es sich nicht gerade um reine Klosterschulinternate handelt. Und offen sind sie realiter nur wenig für eine repräsentativ multikulturelle Schülerschaft. Diese Herausforderung haben vor allem die öffentlichen Schulen zu bewältigen. Was wiederum manche Eltern motiviert, ihre Kinder an einer kirchlichen Schule anzumelden.


Hinweis: Das Vatikan-Dokument liegt bislang in fünf Sprachen vor (in italienischer, englischer, französischer, portugiesischer, spanischer Sprache), nicht aber auf Deutsch. Abrufbar ist es unter hier. 

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