Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit jungem Kaplan

Sebastian Stanclik: „Fokus auf das, was nur wir geben können!“

Der junge Kaplan Sebastian Stanclik bringt mit Alpha-Kursen, Familiensonntagen und Willkommenskultur junge Menschen wieder in die Kirche. Ein Beitrag zum Interviewprojekt „Schiffsbauer – Vision für die Kirche 2040“
Kaplan Sebastian Stanclik
Foto: Team Pfingsten 22 | „Die Botschaft von einem liebenden Gott kann nur in einer liebevollen Atmosphäre ankommen", betont Kaplan Sebastian Stanclik (2. v.r.).

Herr Kaplan, Sie sind im Jahr 2012 kurz nach Ihrer Priesterweihe Dekanatsjugendseelsorger des Dekanats Roth-Schwabach im Bistum Eichstätt geworden. Seit etwa acht Jahren sind Sie in der Pfarrei Sankt Sebald in Schwabach als Kaplan tätig. Was ist die größte Herausforderung für Pfarreien heutzutage?

Wenn ich es ganz hart sagen darf: Das Überleben. Wenn wir die Statistiken anschauen, ist es nicht gesichert, dass unsere Pfarreien überleben werden. Wir müssen wegkommen von einem rein reaktiven Muster – wir überlegen ständig, wie wir das Weniger noch irgendwie organisieren können. Das ist natürlich notwendig. Aber wenn wir dabei stehen bleiben, werden wir nicht überleben. Die Frage ist: Wie können wir als Pfarrei wachsen? Für mich ist ein Schlüssel, den Fokus nicht nur auf den Leuten zu haben, die wir irgendwie noch behalten wollen, sondern auf den Leuten, die wir gewinnen wollen, und zwar mit dem Evangelium.

Schiffsbauer
Foto: adobe.stock | „Schiffsbauer“ ist das Interviewprojekt einer neuen Generation von „Tagespost“-Autoren. Junge Katholiken sprechen mit Akteuren aus Pastoral und Neuevangelisierung über Wege und Perspektiven für das geistliche Leben.

Was sind die Potenziale von Pfarreien? 

Der größte Vorteil einer Pfarrei ist: Sie ist schon da. Man hat schon Strukturen. Wir haben Einrichtungen, Pfarrheime, Kirchen. Damit können wir arbeiten. Das ist die große Chance. Dass tatsächlich Menschen sich an einem konkreten Ort begegnen können. Und zwar nicht nur sich, sondern letztlich auch Jesus.

Seitdem Sie in der Pfarrei St. Sebald sind, haben Sie Vieles angepackt. Was waren aus heutiger Sicht Ihre wichtigsten Projekte in dieser Pfarrei? 

Mein wichtigstes Projekt ist, was jetzt gerade läuft: „church@sebald“. Die Idee ist, einen normalen Sonntagsgottesdienst so zu gestalten, dass Menschen, vor allem diejenigen, die nicht so kirchlich sind, einen einfacheren Zugang dazu finden. Nicht, indem wir die Liturgie verändern, sondern die Atmosphäre, die Kultur, also das „Drumrum“. Das fängt damit an, dass Pfarreimitglieder die Menschen begrüßen, die zur Kirche kommen. Wir wollen den Menschen das Gefühl geben: „Du bist hier willkommen!“ Wir versuchen Musik auszuwählen, zu der Menschen einen leichten Zugang finden. Nicht vom Inhalt, aber vom Stil her. 

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Ein anderes wichtiges Projekt sind die Alpha-Kurse, die wir vor einigen Jahren begonnen haben; ein Evangelisierungsprojekt, das die Menschen mit Jesus in Berührung bringen soll. Vor der Corona-Krise haben wir die Alpha Kurse auch verbunden mit der Katechese für Erstkommunionkinder und Firmbewerber, mit sogenannten „Family Sundays“. Das war für mich bis heute eines der spannendsten Projekte. Wir haben versucht, Sonntag für Sonntag die Familien zusammenzubringen, miteinander zu essen. Es gab Katechese für die Kinder, und Alpha für die Erwachsenen. 

Was ist für Sie das wichtigste Element der Alpha Kurse?

Ich würde sagen, auch hier ist es wieder die Atmosphäre. Sie ist letztlich sogar wichtiger als der Input! Ich weiß nicht mehr genau, wer das gesagt hat: „Die Botschaft von einem liebenden Gott kann nur in einer liebevollen Atmosphäre ankommen.“ Das heißt nicht, dass der Inhalt zu kurz kommt. Aber dass das, was Gott über die Menschen denkt, nämlich „ihr seid geliebt und ihr dürft hier sein“, vor allem anderen steht. Und das ist eine Stärke von Alpha: dass genau das passiert, ohne dabei den Inhalt, die Katechese, zu vernachlässigen. 

Wie schaffen Sie so eine Atmosphäre? 

Durch die Menschen, die da sind, durch das Team. Und entscheidend ist bei Alpha immer auch, dass es was zu Essen gibt. Beim Essen kommt man zwanglos ins Gespräch. Und außerdem freuen sich Menschen, wenn jemand für sie etwas zu essen macht und sie nicht einmal dafür bezahlen müssen. Es sind gar nicht die riesengroßen Dinge, sondern einfach dieses Auf-Menschen-Zugehen, sich wirklich für sie zu interessieren. Das sind all diese kleinen Dinge, um die es dann letztendlich geht. 

Sehen Sie bereits Früchte der Alpha Kurse?

Ja. Menschen, die tatsächlich wieder mehr zum Glauben finden. Oder Menschen, die sich mehr in der Pfarrei engagieren, weil sie überzeugt sind: „So eine Atmosphäre und die Möglichkeit, über den Glauben zu sprechen, das kann auch an anderen Stellen in unserer Pfarrei entstehen.“ Es ist ja in unseren Pfarreien, ehrlich gesagt, gar nicht so üblich, dass man über den Glauben spricht. 

Gab es Schwierigkeiten bei der Umsetzung?

Natürlich. Erst einmal muss man ein Team finden. Und dann: Alpha lebt davon, dass wir Menschen persönlich einladen. Nicht nur einen Flyer hinlegen. Und das sind wir nicht gewohnt. Aber die Hürde, für Alpha einzuladen, wird dann übersprungen, wenn jemand diese Erfahrung gemacht hat: „Wow, das war wirklich gut.“ Dann bringen diese Leute das nächstes Mal auch andere mit.

Sie versuchen, Multiplikatoren zu gewinnen…

Ich würde gar nicht sagen, dass wir das bewusst versuchen. Jemand wird automatisch zum Multiplikator, wenn er sich auf den Weg macht, Jesus nachzufolgen. Wenn er merkt, dass das etwas Gutes für sein Leben ist, dann will er das irgendwann weitergeben. Wir erleben das immer wieder – bei einzelnen Personen, nicht bei der Masse.

Das wäre ja wichtig für die Zukunft. In 20 Jahren werden wir noch weniger Priester in Deutschland haben. Dann muss man sich anders organisieren.

Ja. Ich glaube, dass Pfarreien sich grundlegend umstrukturieren müssen. Weg von einer Form von Klerikalismus, bei der man davon ausgeht, dass die Hauptamtlichen den Job machen und alle anderen dasitzen und sich bespaßen lassen. Das hauptamtliche Personal, in allen Berufsgruppen, wird weniger.

Es gibt diesen bekannten Satz: „Build your team for your dream.“ Also: „Bau ein Team auf für das, was du erreichen willst.“ Beispielsweise haben wir bei dem Projekt „church@Sebald“ ein Team von 30 Leuten, die sich jeweils um ihren Bereich kümmern: Musik, „Welcome“, Gemeinschaft, … Und diese Menschen treffen wieder ganz andere Menschen als ich. Es ist wichtig, dass diejenigen, die schon in der Kirche sind, merken: „Oh, es hängt tatsächlich auch an mir!“ Und: „Ich kann meinen Glauben mit anderen teilen.“ Das ist meines Erachtens unsere einzige Chance für die Zukunft.

Wo haben Sie die Inspiration für die verschiedenen Projekte hergenommen? 

Im Jahr 2018 kam Father James Mallon aus Halifax in Kanada nach Augsburg, um  einen Vortragstag für Mitarbeiter aus der Kirche zu halten. Das war sechs Jahre nach meiner Priesterweihe und inzwischen wusste ich ganz gut, wie Pfarreien so laufen. Ich muss zugeben, ich war ein bisschen deprimiert. Father Mallon hat das Programm „Divine Renovation“ entwickelt, also „göttliche Erneuerung“. Seine Pfarrei hat dadurch großes Wachstum erfahren. Von ihm habe ich sehr viele Inspirationen und Ideen. Die Grundsätze, die er formuliert hat, muss man natürlich anpassen auf die konkrete Situation vor Ort. Aber das war so ein Punkt, an dem ich neue Hoffnung geschöpft habe.

Was sind das für Grundsätze? 

Die bereits erwähnten Punkte: „Fokussiere dich nicht zuerst auf die Menschen, die du behalten willst, sondern auf die, die du gewinnen willst.“ Also letztlich einen Fokus zu setzen auf Evangelisierung. Für mich ist die zentrale Botschaft, was Papst Franziskus in „Evangelii Gaudium“ als das „Kerygma“ bezeichnet hat: „Jesus Christus liebt dich, er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten. Jetzt ist er jeden Tag lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien.“ Diese Botschaft Menschen heute weiterzugeben, das ist das Entscheidende. Und dann auch eine Kulturveränderung in den Pfarreien herbeizuführen, damit Menschen sich wohl und angenommen fühlen.

Was können Sie Kaplänen, Pfarrern oder Jugendseelsorgern raten, die sich die Frage stellen, wie sie heute die Jugend ansprechen können? 

Da ist zum einen die äußere Ebene: Wenn jemand die Jugendlichen erreichen möchte, muss er auch dahin gehen, wo sie sind. Viele kirchliche Mitarbeiter tun sich zum Beispiel schwer mit dem Internet. Aber es nützt nichts. Die Jugendlichen sind dort. 

Und dann gibt es die innere Ebene. Wir überlegen meistens: Was hätte die Pfarrei davon, wenn junge Menschen da wären? Aber die richtige Frage wäre: Was können wir als Pfarrei diesen jungen Menschen geben? Und zwar etwas, was sie woanders, in ihrem Sportverein, in ihrer Clique, nicht finden. Letztlich ist das Jesus! Viele junge Menschen sind unsicher in ihrer Identität. Sprechen wir von einem Gott, der ihnen Identität gibt, der sagt: „Hey, du bist mein geliebtes Kind, und zwar ohne perfekt sein zu müssen. Ich werde dir helfen, durch dein Leben zu gehen!“ Bei dieser Botschaft merke ich, dass sie wirklich die Herzen und das Leben junger Menschen verändert. 

Wir werden in Zukunft in unserer Kirche nur noch junge Menschen haben, deren Leben von Jesus verändert wurde. Denn all das traditionell Katholische bricht uns weg. Das ist meines Erachtens ein Prozess, der sich nicht aufhalten lässt. Deswegen: Fokus auf das, was nur wir geben können!

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