Heilige

Apollonia von Alexandria: Die Wochenheilige am 9. Februar

Die heilige Apollonia von Alexandria. Von Claudia Kock
Heilige Apollonia von Alexandria

Um Nostalgiker vergangener Zeiten wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen, genügt oft die Frage: Wie wäre es mit einem Zahnarztbesuch vor Einführung der Anästhesie? Oder sogar bei einem mittelalterlichen Zahnbrecher oder Zahnreißer? Kein angenehmer Gedanke. Das wusste auch der Arzt Petrus Hispanus, der von 1276 bis 1277 als Papst Johannes XXI. auf dem Stuhl Petri saß. Er empfahl in seinem Buch Thesaurus pauperum, einer Art Gesundheitslexikon, bei Zahnschmerzen die heilige Apollonia um Fürsprache zu bitten.

Apollonia gehört zu den Märtyrerinnen der frühen Kirche; sie starb der Überlieferung zufolge im Jahr 249 unter dem römischen Kaiser Philippus Arabs. Von ihrem Martyrium wissen wir aus einem Brief des Bischofs Dionysius von Alexandria an seinen Amtsbruder Fabius von Antiochia, der in der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea überliefert ist. Dionysius schreibt, dass Wahrsager in der ägyptischen Stadt Alexandria verkündeten, dass die Christen Unheil über die Stadt bringen würden. Daraufhin habe die verängstigte und aufgebrachte Volksmenge versucht, die Christen zu ergreifen und umzubringen. „Damals ergriffen sie auch Apollonia, eine betagte Jungfrau von hohem Ansehen“, schrieb Dionysius. „Sie schlugen dieselbe so auf die Kiefer, dass alle Zähne ausbrachen. Dann errichteten sie vor der Stadt einen Scheiterhaufen und drohten, sie lebendig zu verbrennen, wenn sie nicht ihre gottlosen Worte nachsprechen würde. Sie aber sprang, als ihre Bitte, etwas frei sein zu dürfen, gewährt wurde, eiligst in das Feuer und verbrannte.“

Apollonia war nicht die einzige frühe Christin, die der Ausführung des Todesurteils durch einen Sprung ins Feuer oder ins Wasser aktiv „nachgeholfen“ hat, und schon in der Antike wurde darüber diskutiert, ob es sich hier wirklich um ein Martyrium oder nicht vielmehr um einen Selbstmord handle. Augustinus mahnt jedoch im 5. Jahrhundert, über sie kein vorschnelles Urteil zu fällen, da sie nicht als Flucht vor Schmerzen, sondern aus Gehorsam gegenüber Gott handelten – um ihren Glauben nicht zu verleugnen – und außerdem von der Kirche schon lange verehrt würden (vgl. De civitate Dei 1,26). So wird auch Apollonia unter die frühen Märtyrer gezählt, die aufgrund ihrer jahrhundertelangen Verehrung im Jahr 1634 offiziell als Heilige der Kirche anerkannt wurden.

Apollonias Geschichte wurde im Laufe der Jahrhunderte weiter ausgeschmückt. So heißt es in späteren Quellen, dass ihre Zähne nicht ausgeschlagen, sondern einzeln mit einer Zange gezogen wurden – daher wird Apollonia oft mit einer Zange als Attribut dargestellt – oder dass sie die Schwester des römischen Märtyrers Laurentius gewesen und später nach Ägypten ausgewandert sei. Wieder andere berichten sogar, sie sei eine Tochter des Kaisers gewesen. Besonders grausam wird ihre Geschichte im Lübecker Passional von 1492 dargelegt: Hier verliert Apollonia nicht nur ihre Zähne, sondern sie wachsen ihr sogar auf wundersame Weise nach, ebenso wie ihre Augen, die von den Verfolgern ausgestochen und ihr Gehörgang, der durch das Einfüllen von flüssigem Blei zerstört wird. Als Schutzpatronin gegen die gefürchteten Zahnschmerzen gehörte Apollonia seit dem Mittelalter zu den populärsten Heiligen. Zahnreliquien wurden in zahlreichen Kirchen verehrt und Zähne als Votivgaben hinterlassen.

Als dies überhand nahm, ließ Papst Pius VI. gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts im Kirchenstaat alle Zähne aus den Kirchen entfernen. Sie wurden in einer Schatulle gesammelt – diese soll mehrere Kilo gewogen haben – und im Tiber versenkt. Diese radikale Maßnahme des Papstes war vor allem gegen magische Praktiken gerichtet, die mit dem ausufernden „Zahn-Kult“ verbunden waren.

Die heilige Apollonia aber ist bis heute die Schutzpatronin der Zahnärzte und ihrer Patienten sowie aller Menschen, die im Bereich der modernen zahnmedizinischen Technik tätig sind.

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