9. April: Die Wochenheilige

Die selige Marguerite Rutan

Die Vinzentinerin Marguerite Rutan gilt als Pionierin katholischer Sozialarbeit. Sie wurde auf Wunsch von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2011 seliggesprochen.
Selige Marguerite Rutan
| Marguerite Rutan wurde hingerichtet, weil sie sich weigerte, einen Treueeid auf die Zivilverfassung nach der französischen Revolution zu leisten.

Die Zeit zwischen Juni 1793 und Juli 1794 gilt als „Schreckensherrschaft“ der Französischen Revolution. Unter den Jakobinern und ihrem Anführer Robespierre wurden schätzungsweise bis zu 50 000 Menschen hingerichtet, die im Verdacht standen, kontrarevolutionäre Aktivitäten zu unterstützen, darunter zahlreiche Geistliche und Ordensleute. Zu ihnen gehört die Vinzentinerin Marguerite Rutan, die heute als Pionierin katholischer Sozialarbeit gilt. Ihr Gedenktag ist der 9. April.

Marguerite Rutan wurde am 23. April 1736 als achtes von insgesamt 17 Kindern eines Architekten und seiner Ehefrau geboren und im christlichen Geist erzogen. Da ihre Eltern einem von ihr gewünschten frühen Eintritt in den Orden der Vinzentinerinnen nicht zustimmten, musste sie bis zur Volljährigkeit damit warten. Sie wartete keinen Tag länger: Genau an ihrem 21. Geburtstag trat Marguerite in Paris in das Mutterhaus der „Töchter der christlichen Liebe“ ein.

Beliebtes Organisationstalent

Nach ihrer Ordensausbildung lebte und arbeitete sie in verschiedenen Konventen in Frankreich und wurde schließlich zusammen mit sieben Mitschwestern in das südwestfranzösische Dax, unweit der Atlantikküste gesandt, wo der Ortsbischof ein neues Krankenhaus eröffnet hatte, das unter der Leitung der Vinzentinerinnen stehen sollte. Im August 1779, im Alter von 43 Jahren, kam Marguerite als Oberin mit ihren Schwestern in Dax an. Hier bewies sie großes Organisationstalent. Sie strukturierte die Arbeit im Krankenhaus, sorgte für dessen weiteren Ausbau und ließ eine neue Kapelle errichten. Mutter Marguerites Tätigkeit blieb jedoch nicht auf das Krankenhaus beschränkt, sondern auch in der Stadt selbst wurde sie karitativ tätig, eröffnete Schulen und ein Mädchenheim.

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In der Bevölkerung genoss sie aufgrund ihrer sozialen Tätigkeit einen ausgezeichneten Ruf, trotz des Ausbruchs der Französischen Revolution im Jahr 1789 und einer um sich greifenden antiklerikalen Stimmung, die in einer Verfolgung der Kirche mündete: Von Priestern wurde ein Treueeid auf die Zivilverfassung gefordert, der darauf abzielte, eine von Rom losgelöste Nationalkirche zu schaffen.

Eid oder Dienst

Am 3. Oktober 1793 wurden alle Ordensschwestern, die noch in Krankenhäusern oder Schulen tätig waren, aufgefordert, ebenfalls den Eid abzulegen oder ihren Dienst aufzugeben. Die Vinzentinerinnen von Dax weigerten sich, den Eid abzulegen. Am 26. Oktober wurde in Dax ein „Sicherheitsausschuss“ gebildet, der die Revolutionsbeschlüsse rigoros umsetzen sollte. Als erste Maßnahme beschlagnahmte er die Klöster der Karmeliten und der Kapuziner, um dort Gefängnisse zu errichten. Im Dezember wurden die Vinzentinerinnen denunziert; ihre Oberin Marguerite Rutan wurde am Heiligen Abend verhaftet und im ehemaligen Karmelitenkloster, das zum Frauengefängnis umfunktioniert worden war, inhaftiert. Sie wurde am 15. Januar verhört. Fünf Tage später wurde die Krankenhauskapelle geschlossen und jede weitere Messe untersagt.

Mit der Guillotine hingerichtet

Im März 1794 wurden auch die anderen Vinzentinerinnen verhaftet, unter dem Vorwurf des „Aberglaubens“ und des „Fanatismus“. Mutter Marguerites Zelle wurde durchsucht. Dabei fand man Dokumente, die ihren „antirevolutionären“ Geist belegen sollten. Am 9. April wurde sie vor Gericht gestellt und einem Verhör unterzogen. Die Möglichkeit, sich zu verteidigen, haben sie nicht erhalten. Nach dem Todesurteil wurde sie gefesselt und mit dem Rücken an einen ebenfalls zum Tode verurteilten Priester gebunden. Zusammen mussten sie einen offenen Wagen besteigen und wurden durch die Stadt zur Guillotine gefahren. Der Priester wurde zuerst enthauptet, anschließend Mutter Marguerite, im Alter von 57 Jahren. Sie wurde in einer Grube beigesetzt, die neben dem ehemaligen Kapuzinerkloster ausgehoben worden war und als Massengrab diente für jene, die durch die Guillotine ermordet worden waren.

Wenig später endete die Schreckensherrschaft der Jakobiner. Bereits ein Jahr nach Marguerite Rutans Hinrichtung bedauerte das neu errichtete Nationaldirektorium öffentlich, dass eine solche Frau unmenschlich und aufgrund zweifelhafter Beweise hingerichtet worden sei. Sie wurde auf Wunsch von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2011 in Dax seliggesprochen.

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