Exercitium: Eine Frage des Selbstschutzes

Welche Bedeutung das Besitzstreben für den Christen hat, hängt von seiner Prioritätensetzung ab. Das zehnte Gebot will den Menschen vor maßlosen Wünschen bewahren. Von Stephan E. Müller

Diesem Gebot stehen heute besondere Schwierigkeiten entgegen. Denn wir leben in einer Zivilisation, in der jährlich Unsummen ausgegeben werden für die Konsumwerbung, die darauf ausgerichtet ist, unser „Begehren“ zu entfachen und zu steigern. Das Streben, selber auch zu haben, was der andere sich leisten kann, oder den anderen noch durch den Erwerb prestigeträchtiger Güter zu übertreffen, wird durch die in allen Medien präsente Werbung in Gang gebracht und gehalten. Das Raffinierte ist dabei die Verknüpfung des Kaufaktes mit dem Erwerb seelisch-geistiger Werte, die mit dem Produkt selber gar nichts zu tun haben. Der Eindruck wird erweckt, als ob man zum Beispiel Sicherheit, Selbstwertgefühl, neue Kontakte oder Attraktivität erlangen könnte durch den Erwerb der angepriesenen Produkte. Was nicht durch Kaufen zu gewinnen ist, wird als käuflich dargestellt. Welche Auswirkungen ein ungezügeltes Konsumverhalten hat, zeigt die Tatsache, dass in Deutschland über sechs Millionen Menschen überschuldet sind.

Das zehnte Gebot will den Menschen davor bewahren, seinem Streben nach Haben- und Besitzen-Wollen zu verfallen und so sich selber zu verlieren. Die Kardinaltugend des Maß-Haltens hat hier eine wegweisende Bedeutung. Diese Tugend will einweisen in das Maß des Menschlichen: sie will gleichermaßen vor dem Zuwenig und dem Zuviel an Wunscherfüllung bewahren, indem sie dazu anregt, die zuträgliche Mitte zu finden, die den Möglichkeiten des Menschen entspricht; ihn nicht zu kurz kommen lässt, ihn aber bewahrt vor einer selbstzerstörerischen Maßlosigkeit der Wünsche. Diese Tugend steht in engem Zusammenhang mit einer Lebensorientierung, die dem Sein eine Priorität vor dem Haben einräumt. Worauf kommt es im Leben letztlich an? Könnte es sein, dass die dominante Orientierung am Haben und immer mehr Haben-Wollen auf Kosten des Seins geht oder vielleicht sogar Defizite im Sein kompensieren soll? In der Perspektive des christlichen Glaubens steht der Mensch nicht im Dienst des Besitzes, sondern der Besitz steht im Dienst des Menschen. Seine Menschlichkeit entfaltet der Mensch, indem er sich in den Dienst nehmen lässt für das Du und Wir, die ihm zugewiesen sind, und hier das, was er ist und hat, einzusetzen vermag für den Mitmenschen.

Um diesen Weg gehen zu können, weckt und bestärkt Jesus in der Bergpredigt unser Gottvertrauen. Er lädt ein, von den Lilien auf dem Feld und den Vögeln des Himmels zu lernen und zu entdecken, was die wahren erstrebenswerten Schätze sind. Immer wieder sagt er: „Sorgt euch nicht!“. „Euch muss es zuerst um das Reich Gottes gehen und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben“.

Das Reich Gottes beginnt da, wo Menschen glauben, hoffen und lieben: wo sie beheimatet sind in lebendiger Christusverbundenheit, in der sie im Glauben ihren Halt und wegweisende Inspiration finden; wo sie in den Herausforderungen ihres Lebens den Blick der Hoffnung „nach oben“, die Zuversicht auf die Hilfe Gottes nicht verlieren; wo sie in der Liebe sich selber überschreiten, um sich für den Nächsten einzusetzen, auf den Spuren des barmherzigen Samariters, der zuerst ein Bild für Jesus Christus selber ist. So wird eine Prioritätensetzung möglich, die die Frage nach dem Besitzstreben einzuordnen vermag.

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